Ausstellung

Jung geblieben

Was heißt es, alt zu sein? Eine Ausstellung will mit Klischees aufräumen. Dabei helfen Senioren aktiv mit

Hi, sagt er, ich bin der Axel. Nein, der Axel ist nicht Einrichtungsberater bei Ikea. Er ist auch kein Sozialpädagoge, der jeden duzt. Der Axel ist Rentner. Ein furchtbarer Begriff. Er klingt nach beige-farbenem Baumwoll-Blouson, Treppenlift und koffeinfreiem Schonkaffee. Der Rentner, das ist das Schreckgespenst des Bummelanten, der grundsätzlich kurz vor Ladenschluss die Kasse im Discounter blockiert, weil er, schon halb blind, ewig lange braucht, um 89 Cent einzeln für einen Liter Milch abzuzählen.

Und wenn Sie jetzt sagen, Schluss mit den Klischees, gibt es denn überhaupt nichts Positives, was einem zu Rentnern einfällt, dann wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an Axel. Sie können ihn demnächst im Museum für Kommunikation in Mitte treffen. Zweimal die Woche führt er durch eine Ausstellung, die zuvor schon in Tel Aviv und Frankfurt am Main zu sehen war und die danach auch im Rest der Welt zu sehen sein wird, in Bern, Helsinki, Moskau und Singapur. Sie heißt „Dialog mit der Zeit“, und dieser Titel ist wortwörtlich zu verstehen. Denn „die Zeit“, das sind 33 Berliner. Alles Menschen wie „der Axel“, die noch einmal drei Wochen lang die Schulbank gedrückt und an ihrer Rhetorik gefeilt haben, um mit dem Klischee des Rentners aufzuräumen.

Der Schlüssel zu dieser Ausstellung ist ihr Leben, ihre Biografie, ihre Geschichte. Jeder Guide stellt sich mit drei Fotos vor, als Kind, als Erwachsener und als „Golden Ager“. Und während sie die Besucher vorbei an Stationen lotsen, wo man testen kann, wie es sich anfühlt, wenn das Augenlicht schwindet oder die Beine schwerer werden, stehen sie den Besuchern für Fragen zur Verfügung.

„Haben Sie schon mal gelogen, als Sie nach Ihrem Alter gefragt wurden?“ – „Würden Sie die Zeit manchmal gerne zurückdrehen?“ – „Was machen Sie, wenn Sie die Haustür nicht mehr so schnell aufschließen können, weil Ihnen die Hände zittern?“ Das sind Fragen, die vielleicht keiner so gut beantworten kann wie „der Axel“ und seine Kollegen.

Menschen als Exponate? Ausgedacht hat sich dieses Experiment die Dialogue Social Enterprise GmbH, ein soziales Unternehmen, das Menschen am Rande der Gesellschaft integrieren will – zum Beispiel Sehbehinderte. Mit dem „Dialog im Dunkeln“ fing es 1988 an, einer Ausstellung, in der Besucher von blinden Guides durch abgedunkelte Räume geführt werden, damit sie eine Ahnung davon bekommen, wie sich Blinde orientieren. An Düften, am Wind, an Temperaturen, Tönen und Texturen. Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Inzwischen haben acht Millionen Menschen in 38 Ländern diese Ausstellung gesehen. Mit dem „Dialog im Stillen“ ging es weiter. Diesmal entführten Gehörlose Besucher in eine Welt, in der man lernt, mit den Augen zu hören und den Händen zu sprechen. Auch diese Ausstellung ging rund um den Globus.

Und jetzt also der „Dialog mit der Zeit“. Rentner als Randgruppe: Das mutet absurd an. Die Bundesrepublik ist eines der Länder mit dem höchsten Rentner-Anteil der Welt. Derzeit gibt es 20,61 Millionen Menschen, die 65 Jahre und älter sind. Statistisch gesehen kommen auf einen Rentner 2,85 Beitragszahler. Zum Vergleich: In Indien sind es knapp elf Menschen im erwerbsfähigen Alter. Unausgewogener ist dieses Verhältnis nur noch in Japan. Dort liegt der Wert bei 2,19. Kann man vor diesem Hintergrund von einer Minderheit sprechen? Diskriminiert man die Rentner nicht sogar doppelt, wenn man sie gewissermaßen unter Denkmalschutz stellt? Fitte Berliner wie Axel Neukum, Sigrid Stawowy, Paul Böhm, Elisabeth Griewank oder Manfred Krüger, die wir auf diesen Seiten vorstellen?

Annkatrin Meyer ist Projektmanagerin von „Dialog mit der Zeit“. Sie sagt, dass es der Ausstellung darum gehe, ein differenziertes Bild vom Alter zu vermitteln. Und dass dieses Anliegen auch von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (Bagso) unterstützt werde, die hierzulande 13 Millionen ältere Menschen vertritt. Deren erste Vorsitzende, Ursula Lehr, 85, geht sogar noch einen Schritt weiter. Lehr ist eine der bekanntesten deutschen Altersforscherinnen und vielen noch in Erinnerung als Bundesgesundheitsministerin in der Regierung Kohl. Sie sagt, die Ausstellung räume den Stationen zu viel Platz ein, an denen man das Altwerden testen kann (siehe Fotos). Dadurch entstehe ein schiefes Bild. Nämlich das, dass alte Leute taub, blind, zittrig und gehbehindert seien. „Aber keiner ist alles.“

Da ist es wieder, das Schreckgespenst des Rentners. Fragt man „den Axel“, wie er mit diesem Klischee aufräumen will, schaut er einen entgeistert an. „Ist das wirklich notwendig?“, fragt er dann. „Altwerden ist gar nicht so schlimm. Guck mich an.“

Die Ausstellung: Bundespräsident Joachim Gauck eröffnet „Dialog mit der Zeit“ am 31. März. Zu sehen ist die Erlebnisausstellung vom 1. April bis 23. August im Museum für Kommunikation, Leipziger Straße 16, 10117 Berlin. Öffnungszeiten: Di. 9 bis 20 Uhr, Mi. bis Fr. 9 bis 17 Uhr, Sbd. und So. 10 bis 18 Uhr. Eintritt: 4 Euro, bis 17 Jahre frei.