Tierfreund

Warum fallen schlafende Vögel nicht vom Ast?

Dr. Mario Ludwig über den Wäscheklammertrick vieler Piepmätze und andere geniale Schlaftechniken im Tierreich

Wie können Vögel im Sitzen schlafen, ohne umzukippen? Lena, 9 Jahre, Wilmersdorf

Jeder von uns, der schon einmal todmüde sitzend eingeschlafen ist, weiß, wie schwierig das ist: ein Nickerchen zu halten, ohne dabei zur Seite zu kippen oder gar komplett vom Stuhl runter zu purzeln. Wie schaffen es eigentlich Vögel, nachts auf einem Ast zu schlafen, ohne runterzufallen?

Um einen unerwünschten Absturz zu verhindern, haben viele Vögel Tricks auf Lager: Zunächst mal suchen sich die Piepmätze zum Schlafen nicht etwa einen dicken, sondern einen dünnen Ast. Und zwar einen Ast, der so dünn ist, dass sie ihn mit ihren Fußkrallen auch umschließen können. Anschließend senken sie einfach ihren Körper ab – und durch dieses Absenken des Körperschwerpunkts wird durch eine äußerst raffinierte Sehnenanordnung bewirkt, dass sich die Fußkrallen fest um den Ast schließen. Ein Mechanismus, den man sich so in etwa wie den einer Wäscheklammer vorstellen muss. Und erst wenn sich der Vogel nach seinem Schläfchen wieder erhebt, entspannt sich die Sehne durch die Gewichtsentlastung und die Krallensperre wird aufgehoben.

Aber es gibt noch ein weiteres Problem zu lösen: Unser Piepmatz darf im Schlaf eben auch nicht nach vorne überkippen. Dann würde er sich nämlich dank Wäscheklammerfuß kopfüber am Ast hängend wiederfinden. Wissenschaftler der Universität Bochum haben jetzt herausgefunden, dass dieses „nach vorne Kippen“ im Schlaf bei Vögeln durch den „Lumbosacralbereich“, ein im Beckenbereich sitzendes zusätzliches Gleichgewichtsorgan, verhindert wird. Ähnlich wie dies im Gleichgewichtsorgan im Innenohr der Fall ist, registrieren hier winzige Härchen in einem flüssigkeitsgefüllten Raum die Bewegungen des Körpers und leiten diese dann über das motorische Nervensystem an Beine und Kleinhirn weiter, wo dann automatisch Haltungskorrekturen ausgelöst werden.

Allerdings können nicht alle Vögel auf den Trick mit dem „Wäscheklammerfuß“ zurückgreifen. Bei vielen Wasservögeln wie etwa Enten und Gänsen sind die Zehen ja bekanntermaßen durch Schwimmhäute miteinander verbunden. Eine Tatsache, die einen Greifreflex, wie er bei Amsel, Drossel, Meise und Co. vorhanden ist, unmöglich macht. Aber dafür haben Wasservögel eine ganz andere geniale Schlaftechnik in petto: den „unihemispherischen Schlaf“. Mit dieser Technik können Enten ihre Hirnhälften einfach abwechselnd schlafen lassen, so dass immer eine Hirnhemisphäre aktiv ist, während sich die andere erholen kann. Das Auge, das der schlafenden Gehirnhälfte gegenüberliegt, wird in der Regel geschlossen. Nach etwa zwei Stunden wechseln sich dann die Hirnhälften ab.

Interessant ist auch das Schlafverhalten des Mauerseglers. Kein anderes Lebewesen verbringt auch nur annähernd so viel Zeit im Flug: Rund 90 Prozent ihres Lebens befinden sich die eleganten Flieger in der Luft und fressen, trinken und schlafen sogar dabei. Auf welche Weise es die Mauersegler allerdings schaffen, während des Fluges ein Nickerchen zu halten, ohne dabei vom Kurs abzukommen oder gar einen Unfall zu bauen, hat die Wissenschaft bislang noch nicht herausfinden können. Möglicherweise arbeiten auch unsere Mauersegler mit einem unhemisphärischen Schlaf.

Bleibt die Frage, warum Mauersegler überhaupt während des Fluges schlafen. Eigentlich handelt es sich beim „Schlaf im Flug“ ja um ein ziemlich ineffizientes Verhalten. Selbst für einen so wunderbar an ein Leben im Flug angepassten Vogel wie den Mauersegler ist es nämlich energetisch viel aufwendiger, in der Luft anstatt am Boden zu übernachten.

Auch die Wissenschaft kann bisher nur mit Vermutungen dienen. Eine Hypothese besagt, dass es für den Mauersegler in den afrikanischen Winterquartieren kaum Übernachtungsmöglichkeiten am Boden gibt, weil dort die wenigen geeigneten Nist- und Schlafplätze schon durch 20 andere dort brütende einheimische Seglerarten beansprucht werden. Der Mauersegler ist also nach dieser Theorie möglicherweise durch einen Mangel an Schlafplätzen zum Schlafen in der Luft verdammt.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.