Pädagogik

Ich schaffe das alleine! Kinder müssen sich ausprobieren

Kinder brauchen keine Helikopter-Eltern. Sie wachsen an Widerständen und Hindernissen, so wie auch die Natur sie bietet, sagt Wildnispädagogin Krissy Pozatek. Ein Plädoyer fürs Loslassen

Ihre Kinder zu zufriedenen, tüchtigen Menschen voller Selbstvertrauen zu erziehen: Das ist das Ziel wohl aller Eltern. Daher strengen sie sich enorm an, um für den Nachwuchs Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu räumen und ihn glücklich zu machen. Schließlich soll das kindliche Selbstbewusstsein nicht gleich im Keim erstickt werden! Falsch, sagt die amerikanische Wildnispädagogin Krissy Pozatek: Überfürsorgliche, überengagierte Eltern verschafften ihren Kindern mit diesem gut gemeinten Verhalten mehr Nachteile als Vorteile. Mit ihm steige die emotionale Verletzlichkeit der Kinder, ihre Konfliktlösungsfähigkeit sinke. Zum anderen sei es sowieso unmöglich, alle Widrigkeiten zu beseitigen. „Statt ihre Probleme von den Eltern lösen zu lassen, können Kinder ihre Lebensprobleme selbst meistern“, ist sie überzeugt. „Unsere Botschaft sollte daher eher lauten: ‚Du schaffst das’ als: ‚Ich regle das schon’.“

Krissy Pozatek hat ihre Erfahrungen aus ihrer Arbeit in der Wildnistherapie und aus Elterncoachings jetzt in dem Buch „Mokassinkinder“ veröffentlicht. Mit dem Bild der Mokassins erinnert sie an den buddhistischen Weisen Shantideva aus dem achten Jahrhundert, der sagte: „Wir können überall, wo wir gehen, Leder auslegen, um unsere Füße nicht zu verletzen – oder aber wir können uns Mokassins machen und uns damit auf unserem Weg schützen.“ Ganz alltägliche Probleme etwa bei den Schulaufgaben, Geschwisterstreits oder Trotzanfälle seien ideales Material, um Mokassins herzustellen, die die Kinder auf ihrem Lebensweg tragen und Hürden meistern lassen, so Pozatek. Wollen Sie mehr wissen? Auf den folgenden Seiten drucken wir Auszüge aus „Mokassinkinder“.

Der Fall Sophie

„Ich gehe nicht zum Spielplatz ohne Balu!“, rief die fünfjährige Sophie, die mit Balu den großen Plüschbären meint, mit dem sie schläft.

„Schatz, du weißt, am Ende muss ich ihn die ganze Zeit tragen oder er liegt im Sand neben der Schaukel und wird ganz schmutzig. Legen wir Balu doch einfach in dein Bett, da kann er so lange ein Nickerchen machen“, erwiderte Ben, ihr Vater.

Als sie aufbrachen, schleppte Sophie ihren großen Bären hinaus in die Einfahrt. Ihr Vater beschwor sie: „Schatz, ich habe doch gesagt, dass wir Balu nicht mitnehmen wollen. Ich bringe ihn wieder rein und lege ihn in dein Bett.“

Sophie setzte sich ins Gras und quengelte: „Ich gehe nicht ohne Balu!“

Frustriert und um endlich von der Stelle zu kommen, schnappte sich der Vater Balu, und sie gingen über vier Querstraßen zum Spielplatz.

Auf dem Spielplatz zog sich Sophie sofort die Schuhe aus, hüpfte ausgelassen herum und summte ein Lied. Ihr Vater spürte, wie sich ihm das Herz zusammenzog. Es war ihm unwohl bei dem Gedanken, dass vielleicht Glasscherben oder andere scharfe Dinge auf dem Spielplatz herumlagen, aber er wollte einen weiteren Streit vermeiden und es eine Weile lang übersehen. Er sah, dass sie glücklich war. Er rutschte mit ihr die Rutsche hinunter, er schubste sie beim Schaukeln an, und dann scheuchte er sie zum Spaß über den ganzen Spielplatz. Balu saß derweil auf der Bank beim Park.

Beim Sandkasten kreischte Sophie: „Hey, Papa, komm hierher!“ Sie versteckte etwas in ihren Händen hinter dem Rücken. Als ihr Vater näher kam, warf sie ihm zu seiner Überraschung Sand ins Gesicht. Obwohl er von dieser Attacke entsetzt war, fasste er sich schnell und sagte: „Schatz, du kannst den Sand gegen meinen Rücken werfen, aber nicht in mein Gesicht. Das kann doch in die Augen gehen.“ Er drehte sich um und kehrte ihr den Rücken zu. Sie begann, schaufelweise Sand gegen ihn zu schleudern. Nach all der Toberei holte der Vater Balu, und dann machten sie sich singend auf den Heimweg zum Mittagessen.

Der Fokus in der heutigen Kindererziehung hat sich vom Verhalten zu den Gefühlen der Kinder hin verschoben. Wir sind in unserer Kultur sehr um ihr Glück besorgt und, noch wichtiger, um ein enges Eltern-Kind-Verhältnis. Dennoch möchte ich behaupten, dass wir mit Emotionen nicht sonderlich gut klarkommen – weder mit denen der Kinder noch mit unseren eigenen. Wie man sieht, unterdrückte Sophies Vater seine Frustration, Verärgerung und seinen Verdruss und gab sich größte Mühe, seine Tochter vor jedwedem negativen Gefühl zu beschützen. Wir haben sehr wenig Toleranz für die Gefühle unserer Kinder, wenn es dabei um Traurigkeit und Enttäuschung geht – wir sind nur zufrieden, wenn unsere Kinder glücklich sind. Aber was teilen wir ihnen dadurch mit – dass Kinder nur eine einzige Emotion empfinden dürfen? (...) Was, wenn unsere Emotionen uns jeden Tag wichtige Informationen darüber geben, wie wir leben oder unsere Kinder erziehen sollten? Was, wenn negative Emotionen genauso wichtig oder sogar noch wichtiger für unsere Lebensentscheidungen sind als positive Emotionen? (...)

Negative Emotionen sind nützlich

In der Wildnistherapie werden Emotionen als das gesehen, was sie sind. Es gibt keine Etikettierungen oder Bewertungen wie gut oder schlecht, richtig oder falsch. Obgleich Kinder in Wildnis-Situationen ihre eigene unverwechselbare Art beibehalten, Gefühle zu verstärken – durch Schreien, übertriebenes Sichdarstellen oder Aufgeben –, bleibt im Kern die Botschaft, dass an „negativen“ Emotionen an und für sich nichts Falsches ist. In der Wildnis wird deutlich, dass das Problem das Verhalten ist – nicht die Emotion. Wenn Kinder Wut empfinden, wird das zur Kenntnis genommen und respektiert; wenn Kinder sich respektlos und herausfordernd verhalten, hat das Konsequenzen. Der wesentliche Unterschied ist: Alle Gefühle werden akzeptiert und für jedes Verhalten muss Verantwortung übernommen werden. In der Wildnis ist das eine Selbstverständlichkeit.

Außerdem sind die Bewältigungsmechanismen, die man im Alltagsleben zur Regulierung der eigenen Emotionen hat, in der Wildnis zum Teil nicht vorhanden. Es gibt keine Türen, die man zuschlagen kann, keinen Fernsehapparat, kein Handy, keine Computerspiele und kein Junkfood oder andere Suchtmittel, zu denen man Zuflucht nehmen könnte. Es gibt nichts, wozu Kinder greifen könnten, um sich zu betäuben. Natürlich werden nach wie vor mentale Schutztechniken angewandt – sich abschotten, verdrängen, lügen oder Sarkasmus beispielsweise –, aber diese versagen, wenn das Kind Zeit in einer rauen und offen liegenden Landschaft verbringt. Da die Fluchtmechanismen wegfallen, birgt die Wildnistherapie als wichtigste Lektion, sich den eigenen Gefühlen zu stellen. Emotionen werden auf eine unverfälschte Weise erfahren, die für die meisten Kinder erfrischend und neu ist. (...)

Wie oft haben Sie versucht, Ihr Kind glücklich zu machen, und es ging nach hinten los? Oder wie oft haben Sie – wie in Sophies Beispiel – versucht, Ihrem Kind zu geben, was es will, und zugleich festgestellt, dass es nie zufrieden ist und immer mehr will? Ich könnte mir vorstellen, dass manche Aspekte von Sophies Geschichte allen Eltern vertraut sind. Oft geben wir unseren Kindern entweder das, was sie haben möchten, und sind frustriert, weil sie es nicht würdigen, oder wir ärgern uns, dass wir unser Wort nicht halten, oder wir bleiben standhaft und unser Kind steigert sich weiter hinein, und dann werden wir wütend auf unser Kind oder uns selbst. Wir Eltern müssen lernen, auf unsere eigenen Gefühle zu hören und mit unseren Kindern achtungsvoll zu kommunizieren.

Sophies Vater wollte Balu nicht mit in den Park nehmen. Er hatte eine Reihe von Gründen, und als Vater darf er für seine fünfjährige Tochter Regeln aufstellen und Grenzen setzen. Sophie darf natürlich traurig und enttäuscht sein, wenn sie nicht bekommt, was sie will. Diese Erfahrung – dass man nicht bekommt, was man will – widerfährt wahrscheinlich jedem Menschen auf diesem Planeten mindestens einmal am Tag. Wir können unseren Kindern nicht vermitteln, dass sie immer bekommen, was sie wollen, denn am Ende werden wir immer auf etwas stoßen, das wir ihnen nicht geben können. Stattdessen können wir spiegeln, uns einfühlen, sie ernst nehmen und als Eltern präsent sein, wenn sie sich schlecht fühlen.

Auch wenn der Vater seine Tochter Sophie aus ganzem Herzen liebt und sie ihm alles andere als gleichgültig ist, glaube ich, dass solche Eltern-Kind-Muster, wenn sie nicht auf den Prüfstand kommen, die Fähigkeit eines Kindes untergraben, Emotionen zu verarbeiten und Probleme zu lösen. In diesem Fall unterdrückt der Vater Sophies Fähigkeit, sich aufzuregen, dieses Gefühl zu verarbeiten und aus eigener Kraft weiterzukommen.

Kinder werden abhängig

Wenn Kinder ihre Gefühle vor ihren Eltern ablegen und sie bitten, diese für sie in Ordnung zu bringen, führt das zu verschmolzenen Eltern-Kind-Mustern. Wenn Beziehungen verschmelzen, ist weder der Elternteil noch das Kind für seine Gefühle verantwortlich. Das kann bei Kindern und Jugendlichen dazu führen, dass sie sich hilflos und wütend fühlen, weil sie glauben, dass es die Aufgabe von jemand anderem ist, ihr Problem zu lösen. Sie sind davon abhängig, dass ihre Eltern Leder auslegen, wo immer sie hingehen.

Am allerwichtigsten für Kinder ist es, die eigenen Gefühle auf natürliche Weise zu verarbeiten – ohne sich selbst oder andere zu verletzen. Das ist etwas, an dem wir zu Hause arbeiten können. Schauen wir uns an, auf welche Weise Ben, der Vater von Sophie, dazu hätte beitragen können, dass seine Tochter ihre Gefühle spürt:

„Schatz, bist du jetzt traurig, weil ich gesagt habe, dass du Balu nicht mitnehmen kannst?“, fragt er, als er nach draußen kommt und Sophie weinend auf der Wiese sitzen sieht.

„Du bist gemein, Papa“, klagt Sophie.

„Sophie, du kannst sagen: ,Ich bin wütend auf dich, Papa’, oder: ,Ich bin enttäuscht von dir, Papa’, aber du darfst mich nicht gemein nennen.“

„Ich bin aber wütend auf dich, Papa“, schmollt Sophie weiter.

„Ja, ich höre, dass du wütend auf mich bist. Ich akzeptiere dein Gefühl. Danke, dass du mir gesagt hast, was du fühlst. Wir müssen ja nicht zum Park gehen. Das musst du entscheiden, ob du noch hingehen willst.“ Ben hört seine Tochter an und bietet ihr dann eine Wahl, ohne die Grenze, die er gesetzt hat, aufzugeben.

Sophie sagt, sie wolle immer noch zum Park gehen. Nachdem sie ein bisschen gelaufen sind, beginnt Sophie zu hüpfen. Sie spürt, dass ihr Vater ihre Gefühle angehört hat; sie hat sie verarbeitet und macht nun den nächsten Schritt. Kinder wollen vor allem angehört und akzeptiert werden, nicht immer nur ihren Willen durchsetzen.

Im Park beginnt Sophie, ihre Schuhe auszuziehen. Ben erinnert sie daran, dass sie dann nach Hause gehen müssten, weil es ihr verboten ist, barfuß auf dem Spielplatz umherzulaufen. Sophie gehorcht und behält die Schuhe an. Sie rennt weiter umher und spielt mit ihm; sie wirft jetzt keinen Sand aus dem Sandkasten auf ihn. Der Vater nimmt seine eigenen Emotionen ernst und strahlt dadurch eine natürliche Autorität aus. Kinder sind von sich aus respektvoller gegenüber Eltern, die ihre Autorität authentisch artikulieren, als gegenüber Eltern, die sich uneindeutig oder emotional reaktiv verhalten.

Wenn wir unseren Kindern gestatten, etwas zu fühlen, dann lassen wir sie ihre Emotionen erleben, zu denen Traurigkeit und Glück gehören. Als Zuhörer lassen Sie Ihr Kind so lange wie nötig bei seinem Gefühl, statt es davon wegzudrängen, das Gefühl zu verändern oder „in Ordnung“ zu bringen. Das vermittelt Akzeptanz. Das ist Empathie. Höchstwahrscheinlich wird Ihr Kind, wenn es gehört worden ist, den nächsten Schritt gehen; dies fördert die Fähigkeit des Kindes, sich emotional zu regulieren. Dieser Prozess fördert auch gesunde Eltern-Kind-Grenzen sowie Nähe in der Eltern-Kind-Beziehung(...). Die Fähigkeit des Kindes, sich emotional zu regulieren, ist ein wesentlicher Bestandteil bei der Herstellung von Mokassins.

Konsequenzen erfahren

Man erkennt das Auslegen von Leder häufig daran, dass Eltern krampfhaft bemüht sind, „den Tag zu überstehen“, statt ihren Kindern die notwendigen Grenzen zu setzen, an denen sie sich abarbeiten können, um Fertigkeiten für die Zukunft zu entwickeln. Ich habe in meiner Arbeit vor allem mit Eltern von Teenagern zu tun, und viele dieser Kinder sind bereits achtzehn. Sie wirken aber emotional viel jünger, als ihr Alter vermuten ließe, weil ihre Eltern sich permanent darum kümmern, sie durch die Schule zu lotsen, durch die Freizeit, durch die Ferien und so weiter. Die Eltern übernehmen alles, was „Mühe“ macht, und das führt dazu, dass sie ihre Kinder an der Übernahme von Verantwortung und am Reifungsprozess hindern.

Warum strengen sich Eltern so an? Dass wir unseren Kindern eher ungern Grenzen auferlegen und diese durchsetzen, liegt daran, dass wir sie nicht verärgern wollen. Viele Eltern glauben, es sei ihre Hauptaufgabe, ihre Kinder zu trösten und aufzumuntern, und ringen dafür mit Überlegungen wie: „Wie kann ich mein Kind für sein ungezogenes Betragen bestrafen, wenn es vielleicht weint oder wütend wird – bin ich nicht auch dazu da, es zu beruhigen?“ Dann pendeln viele Eltern zwischen Strenge und Nachgeben hin und her, setzen Grenzen, um sie dann wieder zurückzunehmen und ihr Kind zu besänftigen. Diese Uneindeutigkeit ist für das Herstellen eigener Mokassins überaus schädlich, weil die Kinder davor bewahrt werden, sich gefühlsmäßig zu erfahren, und davor, Konsequenzen zu erfahren. Konsequenzen – ob natürlich oder folgerichtig – wirken auf unsere Kinder wie ein Spiegel und sind ein guter Freund der Eltern. (...)

Wenn man die Hausaufgaben nicht macht, schafft man vielleicht die Klasse nicht. Wenn wir nicht zur Arbeit gehen, können wir unseren Job verlieren. Wenn man mit seinem Lebenspartner schlecht umgeht, wird er oder sie vielleicht die Beziehung beenden. Wir alle haben tagtäglich Wahlmöglichkeiten, und die natürlichen Konsequenzen beeinflussen unsere Entscheidungen. Es gibt immer Ursache und Wirkung, es gibt immer diesen Spiegel unserer Handlungen. (...)

Dankbar sein für Konflikte

Darauf – auf Ursache und Wirkung – können Eltern bauen, denn es bedeutet, dass wir nicht eingreifen und lenken müssen. Wir können den natürlichen Lauf der Dinge geschehen lassen. Wenn Ihr Kind zum Beispiel sein Pausenbrot vergisst, wird es hungrig bleiben; wenn es seine Mütze und Handschuhe vergisst, wird es frieren; wenn Ihr Kind ein Loch in seine Zimmertür tritt, dann wird dieses Loch da sein und Ihr Kind an seinen Wutausbruch erinnern. Keine dieser Konsequenzen birgt Gefahren, also brauchen wir keine neuen Schichten von Negativität darauf zu packen oder uns um eine Lösung zu bemühen. (...)

Kleine, begrenzte Konflikte sind etwas Gutes. Wenn auch für die Eltern unangenehm, sind Konflikte um Haushaltsarbeit, Zimmeraufräumen oder andere Aufgaben genau das, woran unsere Kinder lernen können, sich Mokassins herzustellen. Dies ist der fruchtbare Boden, auf dem Fähigkeiten wachsen können.

Zum Weiterlesen Krissy Pozatek, Mokassinkinder. Beltz Verlag 2015, 236 Seiten, 16,95 Euro