Mamas & Papas

Wenn die Tochter das Alltagswissen testet

Sandra Garbers über ihre Anstrengungen, als allwissend zu gelten

Kürzlich war eine Freundin der Tochter zu Besuch. Die Mädchen spielten brav ihr Lieblingsspiel („Wir sind beide Schulkinder, ok, aber unsere Eltern sind tot und deshalb können wir bestimmen, was wir machen“), da hörte ich plötzlich folgende Unterhaltung. Freundin: „Du hast ja eine neue Gitarre.“ – Tochter: „Das ist keine Gitarre, eine Gitarre hat sechs Saiten, diese hat nur vier. Das ist eine Ukulele.“

Ich war schockiert. Nicht nur, weil meine Vierjährige sich offenbar langsam zu einem kleinen Besserwisser entwickelt, sondern vor allem wegen der anderen Sache. Zum ersten Mal wusste die Tochter etwas, was ich nicht wusste. Und die Rede ist hier nicht von dem seltsamen Dinosaurier-Spartenwissen der Drei- bis Vierjährigen, sondern von schnödem Alltagswissen. Dabei hatte ich gehofft, noch ein bisschen Zeit zu haben, um meine Tochter an die Hand zu nehmen und zu sagen: „Schau mal, das ist ein Krokus, die gibt es in Lila und in Gelb und in Weiß. Und weißt du, wie man die Blume mit dem langen Stiel nennt? Das ist eine Osterglocke.“ Meine Tochter würde mich mit großen Augen anschauen und denken: „Wahnsinn, Mama weiß einfach alles.“ So in der Art hatte ich mir die kommenden Jahre vorgestellt.

Blumen bestaunen? Zaunkönigen zuhören? Von wegen. Stattdessen höre ich Forderungen wie: „Mama, können wir in den Zoo und die Giftschlangen angucken?“ Oder Fragen wie: „Mama, weißt du, was Vogelspinnen essen?“ Ich: „Nein, Vögel?“ Tochter, geduldig belehrend: „Ach Mama, das haben früher alle gedacht. Aber die essen doch Käfer und Insekten.“ Natürlich, wie konnte ich das vergessen.

Ich ahne: Wenn ich noch eine Weile als Universalgenie von meiner Tochter betrachtet werden möchte – und das möchte ich –, muss ich mich anstrengen und vor allem konzentrieren. Jetzt wird so mancher denken, lächerlich, was wird so eine Vierjährige schon fragen. Kleine Kostproben aus der vergangenen Woche: „Mama, warum kommt die Spucke hinten vom Hals erst hoch in den Mund und warum muss man sie dann runterschlucken?“ (Ich habe mir etwas mit Bakterien und Verdauung ausgedacht.) Oder: „Alle Frauen haben eine Mutter.“ – Ja– „Okay, aber die allerallererste Frau hatte keine Mutter.“ Grmmmmf (Soll ich jetzt mit Biologie kommen? Oder mit Theologie?). Oder: „Mama, haben LKW-Fahrer auch so einen Rückspiegel?“ – Mhhhm, ja klar. – „Komisch, dann sehen sie ja immer nur die Plane von ihrem Anhänger.“

Der Übergang vom unwissenden Kleinkind zur über-alles-Bescheid-wissenden Vierjährigen geht viel zu schnell. Das ist, als wenn der Winter direkt in den Sommer übergeht, so ganz ohne Frühling. Und dann, gestern morgen auf dem Weg in die Kita, war sie plötzlich doch wieder ganz klein. Irgendetwas hatte sie in die Wange gepiekst. Tochter: „Was war das?“ Ich: „Keine Ahnung.“ Tochter: „Dann musst du das googeln: Achtung, Achtung, Eltern, Kinder werden gestochen und dann wird es ganz rot. Von einem kleinen Insekt mit Krallen. Machst du das, Mama?“

Googeln? Die beste Idee seit langem.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher.