Mamas & Papas

Wir willenlosen Weichtiere

Hajo Schumacher über die Sehnsucht nach den flügge gewordenen Kindern

Wir sind eine erwachsene Familie. Wir können loslassen. Aber nicht sofort. Und nicht die Kinder. Es war ein Drama, als Karl uns verlassen hat. Trüber Herbsttag, wir standen auf dem Bahnhof und schwiegen uns an. Der Junge begann sein Studium in der Einöde Baden-Württembergs, bei den Bildungsbestien. Wir hatten ihm ein Fresspaket zurechtgemacht mit Buletten. Die kann man auch kalt essen. Von Döner und Currywurst hatten wir Bilder dazugelegt. Der Dreierpack frischer Unterhosen, den die Chefin besorgt hatte, wurde vom Jungen skeptisch beäugt. Hans hatte ein Bild für seinen großen Bruder gemalt, mit Blau, einer Halbkugel und gelbem Stock, zur Erinnerung an Spree, Reichstag, Goldelse. Klar, die Kinder werden eines Tages groß und verlassen das Nest. Bis zum 30. Geburtstag sollten sie selbständig sein, ein Spiegelei zubereiten und womöglich sogar ein Bett beziehen können. Aber wer denkt eigentlich an die Eltern? 20 Jahre erzieht man vor sich hin, verflucht die Brut exakt einmal weniger, als man sie wieder ins Herz schließt. Und kaum hat man sich an das Leben mit ihnen gewöhnt, hauen sich auch schon wieder ab.

Karl hat sich ein Dutzend Mal umgeschaut, ob zufällig Bekannte in der Nähe sind, die beobachten, wie zwei mittelalte und ein kleinerer Mensch an ihm herumnesteln. Die Chefin stranguliert ihn wiederholt mit dem Schal, als ob er an die Ostfront müsste, Vater versucht mit sportlichen Knüffen eine Bro-Ebene zu schaffen, Hans fragt zum hundertsten Mal, wann der Große wiederkäme.

Alle paar Wochen, antworteten wir in stiller Hoffnung. Fast. Zu Weihnachten kam Karl tatsächlich nach Hause, aber nicht in unsere Wohnung, sondern in die ranzigen Nester irgendwelcher Kumpels. Immerhin haben wir ihn mehrfach gesehen, wie er Klamotten in unsere Waschmaschine stopfte. Es kam sogar zu Gesprächen. „Wie ist es denn?“, fragte ich zum Beispiel, ohne aufdringlich wirken zu wollen. „Gut“, antwortete der Sohn. Aha. Schön, dass man soviel Neues erfährt.

Seit ein paar Wochen ist Klausurenzeit. Seither ruft Karl öfter an: Er sitze in der Bibliothek und brauche dringend Fachbücher. Im Hintergrund ist Gläserklirren zu hören und Gejohle. Interessante Bibliothek. Konnte man Bücher früher nicht ausleihen? „Das Kind braucht Geld“, schluchzt die Chefin. „Buch oder Bier“, frage ich und wühle in den Kellerkisten meiner Erinnerung: Haben wir früher jemals Geld für Bücher ausgegeben?

Sehnsucht macht aus Eltern willenlose Weichtiere. Neulich wollte die Chefin übers Wochenende mit Putzeimer und Care-Paket zum ihm, mal eben 600 Kilometer gen Südwesten. „Das wäre ihm peinlich“, erklärte ich tapfer, während ich die Fahrzeit ausrechnete. „Aber es würde uns helfen“, entgegnet die Chefin. Womit wir mal wieder bei der großen Frage des Elternseins sind: Wofür hat man eigentlich jemals Kinder bekommen? Fürs eigene Wohlbefinden natürlich.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Sandra Garbers.