Tierfreund

Warum manche Tiere sich selbst opfern

Dr. Mario Ludwig über die Legende von den lebensmüden Lemmingen, die Leiden des Bachflohkrebses und Spinnen, denen die Verbreitung ihrer Gene über alles geht

Gibt es wirklich Tiere, die Selbstmord begehen?

Gundula W., per E-Mail

„TV-Delfin beging Selbstmord“ oder „Selbstmord? Przewalski - Hengst Allegro schlug einen Tag nach seiner Verlegung vom Zoo Chemnitz nach Leipzig, so oft seinen Kopf gegen die Wand, bis er tot war“. Dieses und ähnliches war in den letzten Jahren öfters zu lesen. Aber gibt es wirklich Tiere, die willentlich Selbstmord begehen? Das ist eine Fragestellung, die die Menschheit schon im viktorianischen England umgetrieben hat. Und immer wieder tauchen seither Berichte auf, dass etwa Hunde sich zu Tode gehungert haben, nachdem ihr Herrchen gestorben war, oder sich eine Ente ertränkte, nachdem ihr Partner dahingerafft wurde.

Am bekanntesten ist wahrscheinlich die Geschichte vom regelmäßigen kollektiven Massenselbstmord der Lemminge. Angeblich stürzen sich diese zu den Wühlmäusen gehörenden Bewohner der arktischen Tundren alle paar Jahre zu Tausenden von einer hohen Klippe ins Wasser, wo sie dann jämmerlich ertrinken.

Die wahren Ursachen dieses Phänomens sind jedoch seit längerer Zeit geklärt. Bei Lemmingen treten sich periodisch wiederholende Massenvermehrungen auf, wodurch es zu einer hohen Individuendichte und damit zu Nahrungsknappheit und Aggressionen der Tiere untereinander kommt. Dies führt dazu, dass sich viele Lemminge auf die Suche nach neuen Lebensräumen begeben. Stoßen die Tiere bei ihrer Wanderung auf ein natürliches Hindernis wie einen See oder einen reißenden Fluss, sammeln sie sich, um gemeinsam mit dem Mute der Verzweiflung ans andere Ufer zu schwimmen. Obwohl sie gute Schwimmer sind, werden dabei oft zahlreiche Lemminge Opfer der Wellen. Die überlebenden Tiere setzen ihre Wanderung fort.

Das heißt jedoch nicht, dass es so etwas wie einen Selbstmord im menschlichen Sinne im Tierreich nicht gibt. Es gibt durchaus einige wenige Tierarten, die sich selbst töten. Dieser Selbstmord dient meist einem „höheren Zweck“: So sind die Männchen einiger Spinnenarten bereit, ihr Leben zu opfern, um die Chancen zu erhöhen, die eigenen Gene in Sachen Nachkommenschaft durchzudrücken.

Bei der australischen Version der Schwarzen Witwe, der Rotrückenspinne, bietet sich das deutlich kleinere Männchen dem Weibchen während des Aktes sogar regelrecht zum Verzehr an. Dazu platziert es während der Paarung aus einer Art Kopfstand heraus seinen empfindlichen Hinterleib bissgerecht vor den Mundwerkzeugen des Weibchens. Das lässt sich dieses schmackhafte Angebot nicht entgehen und beißt herzhaft zu. Das Männchen erträgt diese Tortur aus evolutionstechnischen Gründen, denn solange das Weibchen mit der Mahlzeit beschäftigt ist, desto länger ist es auch bereit, die Strapazen der Paarung über sich ergehen zu lassen. Dies ermöglicht wiederum dem Liebhaber, möglichst viel Sperma abzugeben, was wiederum seine Chance, Vater zu werden, drastisch erhöht.

Es geht aber auch ganz anders: Wenn es um die Erhaltung der eigenen Art geht, sind Tiere bekanntermaßen nicht zimperlich. Es gibt zum Beispiel einen kleinen parasitischen Wurm mit dem nahezu unaussprechlichen wissenschaftlichen Namen Pomphorhynchus laevis. Damit dieser Wurm sich fortpflanzen kann, treibt er seinen Wirt gezielt in den Selbstmord. Sein Larvenstadium verbringt der Mini-Wurm in der Leibeshöhle eines Flohkrebses. Um sich aber zu einem geschlechtsreifen Tier entwickeln zu können, muss ein zweiter Wirt her – ein Fisch, etwa ein Flussbarsch. Der Wurm muss also den Wirt wechseln, will er sich vermehren. Um dies zu gewährleisten, manipuliert der Wurm den Geruchssinn des Bachflohkrebses so, dass dieser seine natürlichen Fressfeinde nicht mehr erkennt, den Fischen direkt ins Maul schwimmt – und damit in den sicheren Tod. Der Fisch frisst den Krebs samt Wurmlarve, die Larve entwickelt sich zum erwachsenen Wurm, der Fisch scheidet mit seinem Kot Wurmeier ins Wasser aus, diese werden von Flohkrebsen gefressen, womit der Entwicklungszyklus wieder geschlossen wäre. Mission erfüllt.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.