Berliner helfen

Kinder trauern anders

Der Berliner Verein „TrauerZeit“ hilft, wenn ein Elternteil oder Geschwister sterben

Zögernd steht Julia (Name geändert) an der Tür. Das zarte Mädchen klammert sich an die Hand ihrer Oma, die ihr beruhigend über das dünne halblange Haar streicht und ermunternd auf sie einredet. Die Sechsjährige fasst sich schließlich ein Herz und geht hinein. Sie steht zum ersten Mal in den Räumen des Vereins TrauerZeit, der ein Zentrum für trauernde Kinder betreibt. Neugierig schaut sich Julia um. Staunend bleibt ihr Blick an einem Bäumchen hängen, dessen kahle Zweige mit Blumenlichtern beleuchtet sind. Dazwischen hängen weiße Flügel aus echten Federn. Bunte Tücher sind um den kleinen Baum drapiert. Ein runder Tisch steht daneben – darauf viele Teelichter und Stoffblumen in leuchtenden Farben. Vier andere Mädchen und Jungen haben sich bereits um den Tisch herum gesetzt. Allen Kindern ist eines gemeinsam: Sie haben Bruder, Schwester, Mutter oder Vater verloren. Julia traf es besonders hart. Ein tödlicher Unfall riss beide Elternteile aus ihrem Leben. Weil die Großmutter wegen ihres Alters nicht für ihre Enkelin sorgen kann, kam sie zu Pflegeeltern.

„Wir feiern heute alle zusammen eine Clownsbeerdigung“, erklärt die Leiterin des Zentrums, Simone Rönick, die sich gemeinsam mit der Theaterpädagogin und Clown Helen Lauchart sowie der Lehramtsstudentin Louise Krause zu den Kindern hockt. Diese Feier sei eine Idee der Kinder gewesen, die sie selbst vorgeschlagen hätten. Bevor es richtig los geht, holt sich jeder eine Kerze – sein ganz persönliches Teelicht. Simone Rönick: „Je nachdem ist es eine Mama-, Papa-, Bruder- oder auch Schwesterkerze, die am Anfang angezündet wird.“ Als alle Kerzen brennen, überlegen alle zusammen: Was braucht man für eine Beerdigung? Einen Trauerredner und Musik, einen Toten, ein Grab – spielerisch dreht sich alles um das traurige Thema Tod. Doch trotzdem wird gealbert, gelacht und getanzt. Auch die kleine Julia hüpft schließlich mit schwarzen Engelsflügeln auf dem Rücken, einer Clowns-Nase im Gesicht und einem schwarzen Hut auf dem Kopf ausgelassen umher. Sie ist ganz versunken in das Spiel um den verstorbenen Clown.

Das Clownsprojekt hat der 2005 gegründete Verein neu ins Leben gerufen. „Erwachsene, Kinder und auch Jugendliche trauern jeweils anders“, weiß Simone Rönick. Kinder würden sich ihre Trauerzeit abschnittsweise suchen. „In Pfützen trauern“ – so nennt sie es. Oft gebe es nicht ausreichend Raum und Zeit für so unterschiedliche Trauer innerhalb der Familie. Deshalb biete der Verein nicht nur Trauerbegleitung von Kindern und Jugendlichen, sondern auch Kindertrauergruppen für zwei Altersgruppen ab vier und ab acht Jahren, sowie eine Trauergruppe für Jugendliche ab 13 Jahren. 97 Prozent seien Voll- oder Halbwaisen. Durchschnittlich bis zu zwei Jahre kommen sie monatlich in die Gruppen, in denen das Thema Tod kein Tabu ist. Simone Rönick erzählt: „Die Kinder unterhalten sich untereinander – gerade die Älteren. Sie stellen sich gegenseitig Fragen und manchmal bauen sie so Kontakte zueinander auf.“ In Erinnerungskisten bewahrt jeder für sich persönliche Dinge auf, die jeweils an das verlorene Familienmitglied erinnern. Wut, Schmerz – Empfindungen, die Kinder wegen des frühen Verlustes quälen. Für Momente, in denen diese Gefühle einfach raus müssen, hängt in einem der Vereinsräume ein Box-Sack. Er verkörpert den Tod und darf dann ordentlich verhauen werden. Mit Kunststoffnudeln wird darauf eingedroschen und sich damit abreagiert.

Der Verein bietet damit einen Ort, an dem Waisen lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen. „Außerhalb will ja sonst keiner etwas von Tod und Sterben hören“, so die Vorsitzende, die mit falschen Auffassungen aufräumen möchte. Früher habe es die Meinung gegeben, dass der Trauerprozess irgendwann enden müsse – so nach dem Motto „Nun ist es genug. Das Leben geht weiter und die Zeit heilt alle Wunden“. Doch das funktioniere nicht. „Trauer endet nicht, sondern wandelt sich“, meint Simone Rönick. Wenn Trauer nicht gelebt werden dürfe, mache sie krank. Wie schwierig es ist, mit dem Schock durch den Verlust von geliebten Menschen klar zu kommen, hat sie – wie auch ihre beiden pädagogischen Helferinnen, die sie an diesem Abend unterstützen – selbst erfahren. Erst verstarb ihre Schwester, dann kurze Zeit später ihr Mann. Der Tod wurde ganz plötzlich Bestandteil ihres Lebens. Völlig unvorbereitet. Sie stand vor knapp 15 Jahren ganz allein mit vier Kindern da – zwei eigenen und zwei ihrer Schwester. Neben ihrem eigenen Schmerz gab es die Traurigkeit der Kinder. Doch geeignete Hilfsangebote für junge Menschen fand sie nicht. Ein Grund, diese Lücke gemeinsam mit anderen Betroffenen zu füllen.

Einzigartige Beratungsstelle

Der vor zehn Jahren entstandene Verein baute 2009 eine eigene Beratungsstelle auf und bietet seitdem altersspezifische Einzel- und Gruppenangebote. Es ist nach wie vor die einzige Beratungsstelle dieser Art in der Region. „Mittlerweile vermitteln Kliniken, Hospizdienste, Familienberatungsstellen, der Berliner Krisendienst, Schulen, Kitas, Jugendämter sowie niedergelassene Ärzte und Therapeuten Betroffene an uns beziehungsweise holen sich eine Fachberatung“, so die 50-Jährige, die eine Ausbildung zur integrativen Trauerbegleiterin und Heilpraktikerin für Psychotherapie abgeschlossen hat. Trotz der vielen ehrenamtlichen Arbeit: Mit einer einzigen Teilzeitstelle könnten kaum noch alle Anfragen bewältigt werden. Die ersten Vereinsräume in Prenzlauer Berg sind längst zu klein geworden. TrauerZeit hat inzwischen neue Räumlichkeiten in Berlin-Buch bezogen. Die Miete und sämtliche Angebote müssen ausschließlich über Spenden - auch von Berliner helfen – finanziert werden. Angestrebt wird eine weitere Clowns-Gruppe, für die noch Geld fehlt. Als Julia sich nach der Clownsbeerdigung verabschiedet, steht für sie fest: Sie möchte wiederkommen.