Tierfreund

Was Bienen mit einem Flughafen zu tun haben

Dr. Mario Ludwig über die fleißigen Honigsammlerinnen und ihre erstaunlichen Dienste als Umwelt- und Sprengstoffexperten

Bienen, die als Umweltpolizisten arbeiten – am Flughafen Hamburg ist dies bereits seit fast 25 Jahren Realität. Die Flughafenverwaltung schickt jedes Jahr rund 100.000 der fleißigen Insekten als „Biodetektive“ in Sachen Luftverschmutzung auf Streife. Mit Hilfe der Bienen wird überprüft, inwieweit der Flugverkehr die Luftqualität rund um den Airport beeinflusst.

Bienen eignen sich für diesen Zweck ganz ausgezeichnet, da sie Schadstoffe aus belasteten Pflanzen über die Nektar- und Pollenfracht aufnehmen können. Und da die Insekten ihre Nahrung im Umkreis von bis zu drei Kilometern suchen, kann man durch Untersuchungen des Honigs im Labor schnell auch möglichen Schadstoffbelastungen in der unmittelbaren Umgebung des Flughafens auf die Spur kommen. Der Honig wird dabei vor allem auf seinen Gehalt an typisch verkehrsbedingten Schadstoffen untersucht wie etwa giftige Schwermetalle oder die gesundheitsschädlichen polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, die bei der Verbrennung von Kerosin entstehen.

Pro Jahr sammeln die „Flughafenbienen“ am Hamburger Airport rund 150 Kilogramm Honig. Eine gewaltige Leistung – müssen die Bienen doch für diese Ausbeute mehr als 22 Millionen Flüge absolvieren und dabei etwa 600 Millionen Blüten besuchen. Der „Airporthonig“ wird übrigens von der Flughafenverwaltung zu ganz besonderen Anlässen auch als Präsent verschenkt.

Da sich das Monitoring mittels „Flughafenbienen“ bewährt hat, sind bald andere deutsche und europäische Flughäfen dem Hamburger Beispiel gefolgt und setzen auch Bienen zur Überwachung der Luftqualität ein. Die Ergebnisse des Bienen-Biomonitorings waren an allen Flughäfen bisher mehr als zufriedenstellend: Die im Honig gemessenen Werte lagen weit unter den von der EU festgesetzten Höchstwerten.

Einer ganz anderen Tätigkeit sollen die „Flughafenbienen“ später einmal nachgehen, die zurzeit auf dem Gelände eines Biotechnologie-Unternehmens in der Nähe von London ausgebildet werden. Diese Honigsammlerinnen sollen in nicht allzu ferner Zukunft an besonders terrorgefährdeten Plätzen und Gebäuden wie eben Flughäfen auf Sprengstoffsuche gehen.

Bienen sind gleich aus mehreren Gründen deutlich besser für die Sprengstoffsuche geeignet als die üblicherweise eingesetzten Spürhunde. Zum einen verfügen sie über einen wesentlich leistungsfähigeren Geruchssinn, zum anderen ist die Ausbildung der Insekten zu Sprengstoffexperten vergleichsweise simpel und dauert erstaunlicherweise nur wenige Minuten. Zunächst werden die Bienen in Abstand von jeweils zehn Sekunden mit einem Luftstrom beblasen, der eben den Duftstoff enthält, auf den die Tiere trainiert werden sollen – zum Beispiel den Sprengstoff TNT (Trinitrotoluol). Parallel dazu werden die Bienen mit Zuckerwasser gefüttert. Nach nur drei Trainingseinheiten haben die Bienen gelernt, den spezifischen Sprengstoffgeruch mit der als Nahrung begehrten Zuckerlösung zu verbinden und strecken erwartungsvoll ihre Zunge heraus, sobald sie den Sprengstoff erschnüffelt haben. Zum Einsatz kommen die Bienen dann in einem Behälter von der Größe eines Schuhkartons, in dem jeweils drei Exemplare der pelzigen Insekten nebeneinander mit einem Mini-Gurt festgeschnallt werden. Dann wird die zu untersuchende Duftprobe den Testbienen mittels eines kleinen Röhrchens von außen zugeleitet. Enthält die Probe den entsprechenden Geruch, reagieren die Bienen durch das Ausstrecken ihrer Zunge. Die Reaktion der Bienen wird mit einer Miniaturkamera aufgenommen und mit Hilfe einer Bilderkennungssoftware an einem Computer ausgewertet, der bei positivem Befund sofort die Meldung „Vorsicht Sprengstoff“ ausspuckt.

In naher Zukunft sollen Bienen übrigens auch Minen aufspüren. Ein Zentrum für Minenräumung in Kroatien bildet nämlich ebenfalls Sprengstoffbienen aus. Die Insekten sollen später einmal die zahlreichen Landminen ausfindig machen, die dort noch als Relikt aus dem Balkankrieg der 1990er Jahre im Boden vergraben sind.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.