Berliner helfen

Vom Leben auf der Straße

„Unsichtbar“ – Die Wanderausstellung der Berliner Morgenpost ist deutschlandweit unterwegs

Vor einem Jahr begann die Berliner Morgenpost mit einem ungewöhnlichen Projekt: Wir baten Obdachlose am Bahnhof Zoo darum, sie porträtieren zu dürfen. Zeigen wollten wir sie nicht in ihrem üblichen Umfeld, auf der Straße unterwegs in schmutzigen Kleidern und mit ihren Habseligkeiten. Der Fokus des Fotografen Reto Klar lag auf den Gesichtern. Gesichter, sagt er, erzählen manchmal direkter, wie es einem Menschen geht, als es mit Worten auszudrücken wäre.

Mit den Fotografien wollten wir eine Hürde überwinden. Im Alltag schauen wir oft einfach an Menschen vorbei, die uns einen Sammelbecher hinhalten oder einfach nur apathisch dasitzen. Diese „Unsichtbaren“ wollten wir sichtbar machen. Wir wollten nicht über sie berichten, sondern sie selbst fragen, wie ihnen geholfen werden kann. Und von wem. Denn einerseits gilt Berlin zwar als Stadt mit gut ausgebautem Hilfenetz – im Winter gibt es fast 500 Notübernachtungsplätze, U-Bahnhöfe bleiben nachts geöffnet, Suppenküchen und Essenausgaben versorgen Bedürftige. Andererseits leben bis zu 4000 Menschen ganz oder teilweise auf der Straße. Die einen campieren gut sichtbar unter Brücken, andere verstecken sich im täglichen Menschenstrom. Gerade Bahnhöfe sind seit jeher Orte für Reisende. Nicht nur die mit Fahrkarte, Herkunft und Ziel. Sondern auch für solche, die den Anschluss im Leben verloren haben.

So kommen allein in die Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo täglich bis zu 600 Menschen. Nachmittags stehen sie stundenlang Schlange, wenn kostenlose Getränke und ein Imbiss ausgegeben werden. Ein großer Teil der Gäste ist obdachlos. Orte wie diese sind für sie oft die einzige Möglichkeit, einmal in einem geheizten Raum zu sitzen, an sauberen Tischen – und in Gesellschaft von Menschen, die ihnen auf Augenhöhe begegnen und nicht von oben herab. Wer diese Essensausgabe einmal besucht hat, bekommt eine Ahnung davon, was es bedeutet, auf der Straße zu leben.

Auch wir Reporter fanden hier freundliche Unterstützung für die Fotoporträts, aus denen im Herbst 2014 ein Buch wurde: „Unsichtbar - vom Leben auf der Straße“. Herausgegeben hat den Bildband Berliner helfen, der gemeinnützige Verein der Berliner Morgenpost. Der Reinerlös des Buches geht an die Bahnhofsmissionen in Deutschland. Dadurch und durch direkte Spenden kamen bisher gut 30.000 Euro zusammen. Wenn Sie selbst spenden möchten, finden Sie die Kontoangaben oben auf dieser Seite. Bitte verwenden Sie das Stichwort „Unsichtbar“.

Zur Hilfe trägt auch die Deutsche Bahn Stiftung bei, die aus den Porträts des Buches eine Wanderausstellung möglich machte. Diese wird zurzeit an Bahnhöfen in ganz Deutschland gezeigt. Unterstützt wird das Projekt von Bahnchef Rüdiger Grube, der zugleich Beiratsvorsitzender der DB Stiftung ist und die Ausstellung am Berliner Hauptbahnhof im November persönlich eröffnete. Obdachlose Menschen, so seine Ansicht, gehören zu Bahnhöfen eben einfach dazu. Verantwortung für sie zu übernehmen sei gelebte Eisenbahnertradition, seit vor 121 Jahren die erste Bahnhofsmission in Deutschland gegründet wurde – im Jahr 1894 in Berlin.

Als wir mit unseren Interviews begannen, hatten wir vermutet, es würde vielen Betroffenen schwer fallen, über ihre Situation zu sprechen. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Möglichkeit, einmal auf ihre Probleme aufmerksam zu machen, fanden viele Gäste der Bahnhofsmission sogar gut. Schnell wurde klar, was ihnen vor allem fehlt: Das Gefühl, ernst genommen zu werden. Auch deshalb ist in den Bahnhofsmissionen in Deutschland neben der praktischen Hilfe eines besonders wichtig: Das Zuhören.

Wir hörten von tragischen Lebensgeschichten. Von Krankheiten, Sucht, von Gewalt und Vernachlässigung in der Kindheit und im Alter, von persönlichen Fehlern und Schuld, die dazu geführt hatten, dass die Betroffenen schließlich durchs „soziale Netz“ fielen, wie es oft heißt. Sie kamen aus allen sozialen Schichten. Wir sprachen mit Akademikern und Analphabeten. Die jüngsten waren nicht einmal volljährig, die ältesten längst im Rentenalter. Bei manchen gab es noch Hoffnung, andere hatten sich selbst aufgegeben. Sie vernachlässigten sich, als seien sie gar nicht mehr da. Sie machten sich „unsichtbar“. Nicht alle der täglichen Gäste waren wirklich obdachlos. Doch auch Einsamkeit und das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, kann Menschen an den Rand der Gesellschaft treiben - im schlimmsten Fall auf die Straße.

Grund für Obdachlosigkeit können auch äußere Umstände sein. Kriege und Krisen etwa. Und die Wohnungsnot in Großstädten, wie Axel Mangat, Leiter der Hamburger Bahnhofsmission, berichtet. Die Hansestadt hat, ähnlich wie Berlin, eine große Obdachlosenszene am Bahnhof. In den drei Bahnhofsmissionen werden jedoch keine Mahlzeiten ausgegeben wie in Berlin. „Es gibt genügend Hilfeeinrichtungen direkt in der Nähe.“ Mangat erklärt den Grundsatz aller Bahnhofsmissionen: „Wir sind eine Notaufnahme für Menschen in ganz unterschiedlichen Notsituationen.“ Neben Obdachlosen können dies Kriminalitätsopfer sein oder auch Menschen in psychischen Krisen, begleitet werden Reisende mit Handicap oder alleinreisende Kinder.

Nebenbei sind die Hilfestationen deshalb auch eine Art Seismografen für gesellschaftliche Veränderungen. So beobachten die Helfer in Hamburg und Berlin immer mehr psychisch kranke Menschen, die in Krankenhäusern nicht behandelt werden können oder wollen. In Frankfurt am Main ist die Bahnhofsmission Anlaufstelle für immer mehr Flüchtlinge aus aller Welt. Die Helfer leiten sie weiter in die Aufnahmeeinrichtungen. Die Essener Bahnhofsmission half bei Katastrophen wie dem Loveparade-Unglück in Duisburg 2010. Unter den Helfern sind hier auch Menschen mit geistiger Behinderung. Die Initiative wurde gerade mit dem Sozialpreis der Caritas ausgezeichnet.

Eine besondere Geschichte hat auch die Bahnhofsmission der kleinen Stadt Görlitz. Zu DDR-Zeiten wurde sie wie alle Bahnhofsmissionen verboten. Nur wenige wurden wieder eröffnet. Die heutige Mission hat ihre Räume in einer ehemaligen Eisdiele neben dem Bahnhof. Zu den Gästen zählen hier an der polnischen Grenze viele Menschen in Armut. Ihnen und allen anderen Gästen der Bahnhofsmissionen leihen die „Unsichtbaren“ der Wanderausstellung stellvertretend ihr Gesicht. Die Reaktionen sind durchweg positiv. Manche Betrachter finden bekannte Lebensgeschichten wieder, viele reagieren nachdenklich. Nach Berlin, Görlitz, Essen, Frankfurt/Main und Hamburg wird Ausstellung wird demnächst fortgesetzt: Noch einmal in Berlin, dann folgen Mannheim, Stuttgart und Leipzig.