Tierfreund

Was hat der Elch mit dem Elchtest zu schaffen?

Dr. Mario Ludwig über die prächtigen Tiere des Nordens, die schon Caesar bewunderte und über die er im „Bellum Gallicum“ schrieb

Beim berühmt-berüchtigten „Elchtest“ handelt es sich um einen Begriff aus der Automobilindustrie. Einen Begriff, der es übrigens im Jahr 1997 immerhin zum sogenannten „Wort des Jahres“ gebracht hat.

Als Elchtest oder „Fahrdynamik-Test“, wie er offiziell heißt, wird ein standardisiertes Fahrmanöver bezeichnet, das das Ausweichen vor einem plötzlich auf die Straße tretenden Elch simuliert. Ein Szenario, das nicht bei uns in Deutschland, aber in Skandinavien, speziell in Schweden, durchaus realistisch ist. Mit dem Test soll vor allem die Fahrstabilität des Autos geprüft werden. Erstmalig so richtig in den Fokus der deutschen Bevölkerung geriet der „Elchtest“ im Jahr 1997, als beim Test die neuen A-Klasse-Modelle von Mercedes gleich reihenweise umgekippten und dann auf dem Dach zu liegen kamen. Als Konsequenz aus diesem Fiasko ließ Daimler-Benz ein elektronisches Stabilitätsprogramm in die Autos einbauen. Der Ruf der A-Klasse war zunächst aber ziemlich angekratzt.

Allerdings handelt es sich beim Elchtest nicht um eine Erfindung schwedischer Automobilingenieure. Dieser Test ist auf keinen geringeren als Gaius Julius Caesar zurückzuführen. Und das wiederum hängt mit der verblüffenden Tatsache zusammen, dass wir die frühste Beschreibung eines Elches Caesars berühmtem Buch „Über den gallischen Krieg“ verdanken. Der Feldherr schreibt da nämlich: „In Germanien gibt es Tiere, die Elche genannt werden. Sie sehen ähnlich aus wie Ziegen und haben auch ein buntes Fell. Sie sind jedoch etwas größer als Ziegen, haben stumpfe Hörner und sie haben Beine ohne Knöchel und Gelenke. Weder legen sie sich zum Schlafen hin, noch können sie, wenn sie durch irgendeinen Zufall umgeworfen werden, sich aufrichten oder aufstehen.“ Und jetzt wird es spannend: Caesar führt aus, die Elche würden sich aus den genannten Gründen zum Schlafen stets an Bäume lehnen. Eben, um nicht während eines Nickerchens plötzlich umzufallen. Und die Germanen, raffiniert, wie sie nun einmal wären, würden dieses ungewöhnliche Schlafverhalten schamlos zur Jagd nutzen, indem sie die „Schlafbäume“ der Elche ansägten. Will heißen, den Elchtest gab es eigentlich schon lange bevor Mercedes Benz die A-Klasse erfunden hat.

Übrigens: Die Möglichkeit, mit seinem Fahrzeug hier bei uns in Deutschland einmal in die Lage zu kommen, mit einem „echten“ Elchtest konfrontiert zu werden, wird zur Zeit gerade ein kleines bisschen größer. Seit einigen Jahren wandern immer wieder Elche aus Polen und Tschechien nach Ostdeutschland und Bayern ein. Mitte September 2009 schaffte es ein Elchbulle sogar bis Nordhessen und brachte dort den Verkehr zum Stillstand. Als der Elch nämlich in der Höhe von Kassel der A7 zu nahe kam, sperrte die Polizei kurzerhand die Autobahn. Und im Jahr 2014 verirrte sich ein wanderlustiger junger Elchbulle in ein Bürogebäude in der Dresdner Innenstadt.

Allerdings bleibt festzuhalten, dass der Elch bei uns in Deutschland kein Neubürger, sondern eher ein Spätheimkehrer ist. Die großen Hirsche waren nämlich zu Zeiten der Germanen und auch später noch im Mittelalter ein fester Bestandteil der deutschen Fauna. Allerdings wurden die Elchbestände in Deutschland durch erbarmungslose Jagd immer weiter dezimiert, bis der riesige Hirsch Ende des 2. Weltkriegs hier bei uns,endgültig ausgestorben war. Mittlerweile werden pro Jahr wieder rund 25 Elche in Deutschland gesichtet. Die meisten davon im brandenburgischen Oder-Spree-Kreis. Hier hat es auch schon Nachwuchs gegeben. Fachleute rechnen allerdings nicht damit, dass es zu einer flächendeckenden Verbreitung kommt. Dazu fehlen bei uns einfach die großen unzerschnittenen Waldgebiete mit Gewässern, die der Elch so dringend benötigt. Deshalb wird es in Deutschland niemals Verhältnisse wie in Schweden geben, wo etwa 300.000 Elche leben, von denen jährlich 80.000 geschossen werden und wo es zu rund 5000 „Elchunfällen“ mit Pkws im Jahr kommt.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt. Wenn Sie eine Frage an unseren Kolumnisten haben, schreiben Sie eine E-Mail an familie@morgenpost.de .