Bildung

„Das ist inzwischen wie eine Familie“

Schülerhilfe vom Verein Morus 14 will Kindern im Rollbergkiez bessere Startchancen ermöglichen

Ganz stolz kommt der neunjährige Ahmad mit seiner Mutter in die Schülerhilfe vom Verein Morus 14 an der Neuköllner Werbellinstraße, schwenkt sein Zeugnis. „Guck mal, eine Zwei in Deutsch“, ruft er. Seine Mutter Hala Al Yaseri strahlt: „Die Noten sind besser geworden. Das haben wir euch zu verdanken.“ Genauer gesagt: dem Schülerhelfer André Meral. Der 37-jährige Stadtführer betreut seit Juli vergangenen Jahres als Mentor den kleinen Berliner arabischer Herkunft. Jeden Mittwoch um 15 Uhr treffen sich die beiden, machen gemeinsam Hausaufgaben, üben Deutsch und Englisch.

Anschließend wird gespielt. Rätsel mag Ahmad besonders gern, aber auch Memory oder Stadt-Land-Fluß. Dazu holt André einen Atlas, und sie gucken gemeinsam die Orte und Länder an. Das entspricht auch dem Anspruch des Initiators und Morus-Geschäftsführers Gilles Duhem: „Wir sind nicht primär eine Nachhilfestelle, sondern wie der Name sagt eine Schülerhilfe.“ Und das kann hier vieles sein. Zum Beispiel über Spiele, Gespräche oder Ausflüge den Horizont erweitern, Allgemeinbildung verbessern, lernen, über den eigenen Tellerrand zu gucken.

Teufelskreis durchbrechen

Ahmad ist ein schlauer Bursche. Er landete bei einem Mathetest seiner Schule auf den vorderen Plätzen. Und für seine Buchpräsentation von „5 Freunde“, die er mit André ausgearbeitet hatte, bekam er eine Eins. Sein Vater ist Ingenieur aus dem Irak, die Mutter stammt aus Syrien. Beide sind sehr bildungsbewusst. Alle vier Kinder sollen unbedingt studieren. Aber wie bei vielen anderen Familien wird zu Hause Arabisch – oder bei anderen Türkisch – gesprochen, nicht Deutsch. Insofern haperte es bei Ahmad ein bisschen mit der Rechtschreibung. Ebenso wie bei seinem Bruder Ali. Der Älteste der vier Geschwister geht in die zehnte Klasse eines Gymnasiums. Er kommt kontinuierlich seit sieben Jahren zum Netzwerk Schülerhilfe. Mit seiner Schwester Sarah besucht er inzwischen die Englischgruppe des Vereins. Mutter Hala würde gerne wegziehen aus dem für seine sozialen Probleme berüchtigten Rollbergviertel. Doch sie bleibt – wegen der Schülerhilfe. „Das ist inzwischen wie Familie“, sagt sie, „in anderen Bezirken gibt es das nicht. Darum bleiben wir.“

Ziel des Vereins ist es, für den Sozialraum Rollberg den Teufelskreis aus mangelnder Bildung, verringerten Chancen auf dem Arbeitsmarkt und sozialem Abdriften gar nicht entstehen zu lassen. „Wir sind die Vitaminspritze des Rollbergviertels“, so hat es einer der Mentoren einmal beschrieben.

Auch André, den Schülerhelfer, hatte das Konzept des Mentoring-Projekts sofort überzeugt. Er begleitet Schüler seit zwei Jahren. Viele andere der knapp 100 ehrenamtlichen Helfer sind bereits seit der ersten Stunde 2006 dabei. Manche sind erst 18, andere über 80. „Jeder kann bei uns mitmachen, man braucht keine besondere Fähigkeiten, man muss nur Zeit mitbringen“, erklärt Gilles Duhem.

Warteliste für die Interessenten

An die Kinder und Jugendlichen, zur Zeit sind es 120 in der Schülerhilfe, werden noch andere Anforderungen gestellt. Denn: Inzwischen ist das Projekt so beliebt, dass es eine Warteliste gibt. Erste Bedingung: Man muss aus dem Rollbergkiez kommen. Vereinbart wird ein wöchentlicher Treff von eineinhalb Stunden. In einem Vertrag verpflichten sich die Kinder, regelmäßig und pünktlich zu kommen. Denn bei Morus ist man der Meinung, dass bestimmte Verhaltensweisen auch eine Tür zu Deutschland öffnen, damit die Zukunft hier gelingt. Wird der vereinbarte Termin nicht eingehalten, rufen die Ehrenamtlichen zu Hause an. Für Gilles ist Pünktlichkeit einfach eine Frage der Verbindlichkeit und innerhalb des Vereins auch der Organisation.

Ebenso unerlässlich ist gutes Benehmen. Dann gibt es immer Hilfe. Wer hingegen unzuverlässig ist oder Ärger macht, darf nicht mehr kommen, bzw. erst nach einer „Lern- und Nachdenkpause“ von sechs Monaten. Meist betreut ein Mentor einen Schüler, manchmal sind auch zwei oder drei in einer Gruppe. Doch meistens mögen die Kids lieber mit ihrem Helfer allein sein. Da viele von ihnen aus Großfamilien stammen, wo sie teilen müssen, genießen sie es, hier einmal ungestörte Aufmerksamkeit zu haben. Übrigens: Neue Schülerhelfer werden dringend gesucht.