Berliner helfen

Sie helfen, wenn Familien wachsen

Wellcome organisiert ehrenamtliche Unterstützung für Mütter

Bloß keine Langeweile lautet das Lebensmotto von Erika Leins. Die 71-jährige ist vor zweieinhalb Jahren von Düsseldorf nach Berlin-Mitte gezogen, um hier ihre beiden Enkelsöhne zu betreuen. Ihr Sohn war aus beruflichen Gründen nach Berlin gezogen. „Mein Sohn und seine Partnerin haben gearbeitet, da habe ich die Jungs zur Schule gebracht und mich gekümmert“, sagt Erika Leins. Doch das allein reichte ihr nicht - bloß keine Langeweile - als hat sie sich beim Projekt wellcome als Ehrenamtliche gemeldet. Wellcome ist eine bundesweite Initiative, die Familien im ersten Lebensjahr eines Kindes durch die Vermittlung ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen unterstützt.

„Mütter brauchen gerade in der ersten Zeit mit dem Baby Auszeiten und Unterstützung. Damit aus der großen Freude über das Baby kein Stress wird, verhelfen die ehrenamtlichen wellcome-Engel zu kleinen Pausen, in denen sie wieder Kraft schöpfen können“, sagt Kaja Brendel, die Berliner Landeskoordinatorin von wellcome. Aktuell sind etwas über 200 Berlinerinnen und Berliner bei wellcome aktiv. Im vergangenen Jahr wurden 320 Familien durch Ehrenamtliche unterstützt, die ihnen mehr als 7000 Stunden Zeit geschenkt haben.

Auch Melanie Peterson, 37, war ehrenamtlich für wellcome im Einsatz, bis sie selbst Mutter wurde. Und nach der Geburt ihrer Zwillinge ebenfalls Hilfe erhielt, durch Erika Leins. „Sie hat mich unterstützt, wenn ich zum Arzt musste, beim Stillen, beim Wickeln, einfach die zwei betreut, dass ich mal Duschen oder zu einem Termin konnte. Sie hat ihnen Fingerspiele beigebracht, singt und lacht mit Ihnen und springt im Notfall ein. Ich konnte einfach mal kurz durchatmen“, erinnert sich die 37-jährige Ernährungsberaterin an die Zeit nach der Geburt. Der Einsatz der Ehrenamtlichen ist auf ein Jahr begrenzt, je nach Absprache ein bis zweimal die Woche. Die Zwillinge sind inzwischen anderthalb Jahre alt, aber die Verbundenheit ist geblieben. „Erika ist wie ein Stein in der Brandung für uns. Sie ist da, wenn wir sie brauchen und so auch etwas wie Oma-Ersatz geworden. Zu den eigenen Großeltern besteht eine räumliche Distanz, natürlich skypt (Telefonieren über das Internet) man viel, aber es ist schön, jemand vor Ort zu haben“, findet Melanie Peterson.

Sie schätzt bei wellcome, ein Netzwerk mit Ansprechpartnern am jeweiligen Wohnort im Bezirk zu haben. Dort werden Familien auch über andere Angebote beraten, wenn die Kinder älter als ein Jahr sind. Für Melanie Peterson war es wichtig, dass die ehrenamtlichen Mitarbeiter durch wellcome „geprüft“ sind: „Denn es kommt am Ende eine fremde Person in dein Leben und da hilft dieses Gefühl sehr.“

Erika Leins ist noch bei einer weiteren Familie mit Zwillingen im Einsatz und will auf alle Fälle weiter für wellcome arbeiten, sobald ihr Bein nach einem Glatteissturz wieder geheilt ist. „Man darf nicht aufgeben. So lange ich fit bin und klar im Kopf mache ich weiter. Es gibt so viele Familien, zum Beispiel mit behinderten Kindern, die Hilfe brauchen“, meint sie. Denn selbst wenn die Großeltern in der Nähe wohnen, sind nicht alle bereit zu helfen, ist ihre Erfahrung. Sie selbst freut sich schon wieder auf ihren Urlaub mit ihren zehn und elfjährigen Enkeln. „Machen wir jedes Jahr, diesmal geht’s nach Helgoland“, sagt die 71-jährige.

Keine kostenlose Putzfrau

Melanie Peterson würde das wellcome-Angebot auf jeden Fall weiterempfehlen. „Man sollte aber überlegen, ob man wirklich den Bedarf hat oder nicht doch eine Tante, Mutter in der Nähe hat, die kommen kann. Zudem sollte man berücksichtigen, das dies wirklich Hilfe für die Kinder ist und nicht eine kostenlose Putzfrau“, meint die 37-jährige. Das Angebot ist für die Familien kostenfrei, die Ehrenamtlichen erhalten keine Bezahlung. „Man muss also wirklich Lust dazu haben“, betont Erika Leins.

Wellcome gelingt es durch die Ehrenamtlichen, Familien aller sozialen Schichten zu erreichen und sie zu unterstützen. Die Berliner Landeskoordination wird gefördert durch die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, mehr als die Hälfte der Standorte werden über Spenden finanziert. Vergangene Woche überreichte die AOK Nordost wellcome einen 5000-Euro-Scheck. „Wir suchen auch immer neue Ehrenamtliche“, sagt Koordinatorin Katja Brendel - Bedarf gäbe es genug.