Tierfreund

Stinken Stinktiere wirklich so schlimm?

Dr. Mario Ludwig über ein äußerst unangenehmes Abwehrverhalten und wie es sich Menschen zunutze gemacht haben

Stinktiere können in der Tat einen bestialischen Geruch verbreiten. 60 Prozent aller Amerikaner sind sogar der festen Überzeugung, dass ein Stinktier den schlimmsten Geruch der Welt verbreitet. Und die Amerikaner müssen es je wissen, denn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kann man in einigen Gegenden relativ häufig auf eines der kleinen Raubtiere mit dem charakteristisch schwarz-weiß gemusterten Fell treffen.

Allerdings muss man zur Ehrenrettung der Stinktiere betonen, dass Stinktiere nicht im Normalfall, sondern nur im Verteidigungsfall stinken. Das hängt damit zusammen, dass Stinktiere nicht besonders schnell rennen können. Fressfeinde hätten da ein leichtes Spiel. Und deshalb haben Stinktiere eine Geheimwaffe: Sie können aus zwei gut versteckten Drüsen am Hinterteil blitzschnell ein bestialisch riechendes Sekret auf ihren Gegner spritzen. Die meisten Angreifer lernen ziemlich rasch aus einer derart geruchsintensiven Begegnung und lassen künftig lieber die Pfoten von Stinktieren.

Nach Aussagen von Betroffenen riecht das Stinktiersekret nach einer Mischung aus Schwefelsäure, Knoblauch, angebranntem Gummi und Erbrochenem. Eine Mischung, die sofort Übelkeit und Brechreiz verursacht. Chemiker haben das Sekret einmal genauer unter die Lupe genommen und festgestellt, dass die übelriechende Substanz aus über 150 verschiedenen Komponenten zusammengesetzt ist. Eine Ladung „Stinktierspray“ im Gesicht kann beim Menschen übrigens nicht nur Übelkeit hervorrufen, sondern auch zu vorübergehenden gesundheitlichen Schäden führen, nämlich kurzfristiger Blindheit. Wer gar eine volle Dröhnung Stinktierspray in den Mund bekommt und in Panik verschluckt, kann sogar bewusstlos werden.

Bei einer Begegnung mit einem Stinktier muss man jedoch nicht gleich fürchten, von diesem sofort eingesprüht zu werden. Beim Stinktier sitzt der Colt nämlich nicht gerade locker. Es setzt sein Spray üblicherweise nur im äußersten Notfall ein. Und das hat wiederum etwas mit Wirtschaftlichkeit zu tun. Ein Stinktier benötigt nämlich mehrere Tage, bis sich die Stinkflüssigkeit in den Analdrüsen wieder regeneriert hat. Deshalb versucht es einen möglichen Gegner zunächst mit diversen Drohgebärden einzuschüchtern. Es stampft etwa mit den Füßen oder fletscht die Zähne. Wenn das alles nichts nutzt, wird dem Gegner dann – sozusagen als letzte Warnung – bei erhobenem Schwanz der Hintern präsentiert. Einige Stinktierarten begeben sich für diese Drohgebärde sogar in den Handstand. Und erst wenn keine dieser Drohgebärden gefruchtet hat, versprühen die Tiere ihr Sekret, wobei sie meist auf das Gesicht des Angreifers zielen. Streifenskunks (das sind die übelsten Stinker unter den Stinktieren) können Fressfeinde sogar noch in sechs Metern Entfernung treffen.

Im Normalfall setzen Stinktiere ihr Spray so gut wie nie gegeneinander ein. Aber keine Ausnahme ohne Regel! Stinktierexperten sind sich ziemlich sicher, dass männliche Stinktiere bei ihren Kämpfen untereinander – zum Beispiel, wenn sie um die Gunst einer netten Stinktierdame kämpfen – als letztes Mittel auch ihre Stinkdrüsen einsetzen. Beobachtet wurde dieses Verhalten allerdings noch nie.

In Israel wird künstlich erzeugter Stinktierduft von der Polizei als Waffe eingesetzt. Die Forschungsabteilung der israelischen Polizei hat 2004 nach gründlicher Analyse der Originalsubstanz Stinktierduft im Labor nachgebaut. Nach ersten erfolgreichen Tests wurde die neue Stinkwaffe, genannt „Boash“ (Stinktier), 2008 erstmals gegen Demonstranten verwendet– mit dem Ziel, eine nicht genehmigte Demonstration aufzulösen, ohne dabei auf Gummigeschosse zurückgreifen zu müssen. Damals versprühte die Polizei das künstliche Stinktierspray aus einfachen Rückenspritzen. Heute wird das Gemisch mit Hilfe der Wasserkanonen von Wasserwerfern aus einer Entfernung von bis zu 50 Metern eingesetzt. Das Resultat der Sprühaktionen ist nach Augenzeugenberichten äußerst beeindruckend und durchaus geeignet, eine Demonstration im Handumdrehen aufzulösen.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.