„Die Kinder wollen sich erleben, sich alles trauen, an Grenzen gehen“

Kindercoach Gudrun Bahrmann über Nachwuchsschauspieler

Gudrun Bahrmann arbeitet als Kindercoach für Film und Fernsehen. Bei mehr als 50 Produktionen hat die Germanistin und Theaterpädagogin Kinder auf ihre Rollen vorbereitet und sie begleitet. Wir sprachen mit ihr über ihre Arbeit und die Liebe von Kindern zur Schauspielerei.

Berliner Morgenpost:

Was macht ein Kindercoach eigentlich genau?

Gudrun Bahrmann:

Es ist meine Aufgabe, die Kinder auf die Dreharbeiten vorzubereiten. Ich muss sie begleiten, vor Schaden bewahren und sie zum filmischen Erfolg führen. Das ist eine enorme Verantwortung, denn die Eltern übergeben mir ihre Kinder und setzen Vertrauen in mich. Ich weiß das von mir selbst, denn ich habe zwei Söhne und vier Enkel.

Wie gehen Sie an die Arbeit heran?

Zuerst lese ich das Drehbuch, erarbeite eine Fassung für meine Darsteller, spreche mit dem Regisseur und lerne die Kinder und Jugendlichen möglichst im Kreis ihrer Familien kennen. Wenn mehrere Kinder mitspielen, lernen sie sich in einem Vorbereitungsworkshop kennen, um die Figuren zu entwickeln und eine gemeinsame Arbeitsweise zu schaffen. Meistens bin ich bei den Dreharbeiten dabei und bereite die Spieler auf den jeweiligen Drehtag vor. Das ist sehr wichtig, denn der Zeitdruck und das tägliche Arbeitspensum sind enorm.

Gibt es so etwas wie Routine für Sie?

Jedes Projekt ist neu. Unterschiedlich sind die Inhalte und Spielweisen, die Produktionsbedingungen oder die Zusammenstellung der Besetzung. Es ist jedes Mal eine neue Herausforderung.

Warum wollen Kinder schauspielern?

Einige sind fasziniert vom Medium oder nur neugierig, manche wollen berühmt werden oder ihre Eltern wollen das. Manche trauen sich im Alltag nichts und denken, sie könnten sich hinter der Rolle verstecken und Dinge erleben, die ihnen im Alltag verwehrt scheinen. Manche möchten einfach Geld verdienen. Aber die meisten Kinder wollen spielen, weil sie Lust haben, sich auszuprobieren. Sie wollen sich erleben, sich alles trauen dürfen, an Grenzen gehen. Meist ist ihnen das anfangs gar nicht bewusst.

Woran erkennt man Talent?

Ich glaube, jedes Kind hat Talent. Es braucht aber auch genügend Selbstvertrauen und Lust, sich zu zeigen, sich auf Fremdes, auf neue Themen und neue Menschen einzulassen. Erfolg haben auf längere Sicht die Kinder, die sich alles vorstellen können, Gefühle zulassen und Ausdauer haben.

Wie bereitet man Kinder auf eine Rolle vor?

Mir geht es darum, sie mit dem Thema des Films vertraut zu machen, ihre Figur zu erarbeiten und ihnen eine Methode an die Hand zu geben, mit der sie auch ohne mich vor der Kamera agieren können. Ziel ist es, die Rolle zu leben. Ich möchte erreichen, dass sie vor der Kamera so echt wie möglich sind, Kamera und Set vergessen. Denn nur so wird der Zuschauer ihnen glauben und berührt werden.

Wie erreichen Sie diese Echtheit?

Wir beschäftigen uns mit den Figuren und ihrer Geschichte. Mit den Kindern rede ich über die Motive, wir fragen, was will die Figur, was denkt sie, warum verhält sie sich so. Wir lassen die Rolle real werden, schreiben Tagebuch, improvisieren gemeinsam immer neue Situationen und kommen der Figur auf diese Weise näher, lernen sie kennen und lieben.

Sie haben auch Ivo Pietzcker gecoacht, der die Hauptrolle in dem Sozialdrama „Jack“ spielt. Ist Ivo etwas Besonderes?

Ja! Ivo ist ein Naturtalent. Er ist konzentriert bei der Arbeit, ausdauernd, kritikfähig und ehrgeizig. Ivo ist in seinem Elternhaus sicher aufgehoben. Dennoch hat er es geschafft, sich in die Figur den sozial vernachlässigten Jungen zu denken, zu fühlen – sie zu leben.

Kinder sind manchmal bockig und machen nicht unbedingt das, was sie sollen. Wie gehen Sie damit um?

Bei der Arbeit ergreift die jungen Spieler eine große Ernsthaftigkeit. Ich habe keine Probleme mit ihnen. Die Ausnahme war ein 20 Monate alter Junge, der partout nicht wollte, wie er sollte. Da habe ich mich zu ihm unter den Tisch gesetzt, so, dass die Kamera nur ihn im Fokus hatte. Am Schluss war ich über und über mit Tomatensoße bekleckert, aber die Szene war im Kasten.

Bis zu welchem Punkt betrachten Kinder das Schauspielern als Spiel, ab wann als Arbeit?

Es ist hoffentlich immer ein Spiel, aber wenn Einstellungen zu oft wiederholt werden müssen, wird es doch Arbeit.

Vor einigen Jahren haben Sie für den Film „Unter dem Eis“ mit dem Schauspielkind einen Vertrag geschlossen. Warum?

Adrian Wahlen, ein sehr intelligenter siebenjähriger Junge, hasste Wiederholungen. Um ihm die Bedeutung seines Spiels verständlich zu machen, wollte ich, dass er Verantwortung übernimmt. So ließ ich ihn und die Regisseurin feierlich einen Vertag unterzeichnen. Dabei verpflichtete sich die Regisseurin, einen tollen Film zu machen, und Adrian, diszipliniert zu spielen. Es hat funktioniert.

Bringt Kindern Schauspielunterricht etwas?

Das empfehle ich nicht gern. Bei falscher Herangehensweise besteht die Gefahr, dass die Kinder ihre Natürlichkeit verlieren.

Wie werden Kinder durch ihre Arbeit beim Film verändert?

Filmkinder bekommen viel Aufmerksamkeit, das kann süchtig machen. Die Gefahr von Starallüren ist da natürlich gegeben, aber man kann mit den Eltern gemeinsam gegensteuern.

Was raten Sie Kindern, die zum Film wollen?

Wende dich an eine seriöse Agentur und vertraue deren Einschätzung. Sei neugierig, mutig. Beobachte gut und probiere viel aus. Mach viele Erfahrungen. Lebe!