Interview

„Ein Transkind spielt nicht, es lebt das, was es fühlt“

Wie man Transsexualität diagnostiziert und damit umgeht

Psychotherapeut Peter Keins arbeitet seit fünf Jahren in Berlin mit transsexuellen Kindern und Jugendlichen. Er ist Mitgründer des Vereins Trans Kinder Netz und aktiv im bundesweiten Arbeitskreis Geschlechtsdysphorie. Derzeit schreibt er an einem Elternratgeber zum Thema. Mit ihm sprach Daniela Noack.

Berliner Morgenpost:

Wie erkennen Eltern, dass ihr Kind transsexuell ist?

Peter Keins:

Eltern sollten aufhorchen, wenn es sich bei dem „Spiel“ des Kindes nicht nur um eine Phase handelt, sondern es länger andauert. Wenn es ganz dezidiert immer wieder gegengeschlechtliche Kleidung oder Spielzeuge einfordert. Wenn es nur noch in „Verkleidung“ oder mit Perücke rumlaufen will. Wenn es ständig sagt: „Ich bin kein Junge“ oder „Ich bin kein Mädchen“ und seine Geschlechtsorgane vehement ablehnt. Spielende Kinder können sagen, dass sie spielen, und das Spiel beenden. Ein Transkind spielt nicht, es lebt das, was es fühlt. Nur für uns sieht es wie ein Spiel aus.

Ist Transsexualität anerzogen?

Es gibt verschiedene Spekulationen, wie Transsexualität entsteht. So vermutet man unter anderem genetische Abweichungen oder Besonderheiten in der embryonalen Entwicklung. Die Behauptung, dass Transsexualität durch Erziehung produziert werden kann, hat sich nie belegen lassen. Transsexualität kann nicht an-, aber auch nicht aberzogen werden.

Gibt es im Alltag einen Unterschied zwischen transsexuellen Jungen und Mädchen?

Beim Leben außerhalb der Geschlechtsstereotypen haben Transjungen, also Kinder, die physisch weiblich sind, aber ein männliches Identitätsgeschlecht haben, es etwas leichter als Transmädchen, also Kinder, die physisch männlich sind, aber ein weibliches Identitätsgeschlecht haben. Transjungen dürfen Hosen und kurze Haare tragen. Sie können eine Zeitlang in der für sie richtigen Geschlechtsrolle agieren, ohne dass es „Ärger“ gibt. Schwierigkeiten bekommen sie trotzdem. Etwa, wenn sie anfangen, sich beim Sport zu verweigern, weil sie nicht in die Mädchenumkleide wollen, oder nicht mehr reagieren, wenn sie bei ihrem Geburtsnamen gerufen werden.

Mit welchen Schwierigkeiten haben die Eltern zu kämpfen?

Die Eltern sind sehr ängstlich und unsicher. Sie stellen sich viele Fragen. Ist mein Kind krank? Was habe ich falsch gemacht? Sie erhalten jede Menge gut gemeinter, aber sinnloser Ratschläge. Sie wissen nicht, wie sie mit ihrem Kind umgehen sollen. Es gibt auch ganz praktische Probleme. Ich kenne Eltern, die ihr Kind in der neuen Identität in den Kindergarten gehen ließen. Sie wurden anonym beim Jugendamt angezeigt.

Was können Eltern tun?

Ihrem Kind zuhören und es ernst nehmen. Verbote sind wenig hilfreich. Spätestens ab dem vierten Lebensjahr haben Kinder klare Vorstellungen über ihre Identität. „Das“ typische Verhalten von Transkindern gibt es allerdings nicht.

Was heißt Transsexualität für die Kinder?

Transsexualität ist keine Krankheit, aber der Leidensdruck ist groß. Erhalten die Kinder keine Unterstützung, entwickeln sie Selbstverletzungstendenzen oder Essstörungen. Manche haben Suizidabsichten, von denen manche leider auch in die Tat umgesetzt werden. Sie haben mit einer Menge Hürden im Alltag zu kämpfen. Immer wieder kommt es vor, dass sie von anderen Kindern gehänselt oder ausgelacht werden. Erlebnisse, die zu einer Schulverweigerung führen können.

Wie früh dürfen Hormone gegeben werden?

Derzeit richten sich viele Ärzte nach Behandlungsleitlinien, die im Widerspruch mit der Realität der betroffenen Kinder stehen. Es wird geraten, die Pubertät abzuwarten und medikamentös nicht vor dem 16. Lebensjahr einzugreifen. In der Zwischenzeit leben die Betroffenen in der permanenten Angst, dass mit ihnen etwas Irreversibles passiert. Hat bei ihnen erst einmal ein Brust- oder Bartwachstum eingesetzt, ist eine Behandlung viel schwieriger und belastender.

Auf der anderen Seite gibt es das Risiko von Fehlentscheidungen...

Wichtig ist es, Zeit zu gewinnen. Das geht mit sogenannten Pubertätsblockern, unschädlichen Medikamenten, mit denen die Pubertät herausgezögert werden kann. Viel gefährlicher ist es, wenn die Jugendlichen keine Hilfe erhalten. Dann versuchen sie manchmal, sich mit Medikamenten aus dem Internet selbst zu „behandeln“. Therapeuten tragen Verantwortung und machen auch Fehler. Dieses Risiko ist mir bei der täglichen Arbeit sehr bewusst. Aber Angst ist kein guter Ratgeber. Respekt vor der Aufgabe und vor den Menschen, die mit einem solchen Anliegen in die Praxis kommen, ist für mich hilfreicher.

Es gibt Experten, die Pubertätsblocker für einen massiven Eingriff in die Entwicklung halten, aus der es kein Zurück gibt. Was sagen Sie dazu?

Interessanterweise stellt niemand diese Frage bei den Kindern, die wegen einer sehr früh einsetzenden Pubertät diese Medikamente erhalten. Auch das Verweigern eines Medikamentes ist eine Intervention. Im Recht gibt es dafür den Begriff der unterlassenen Hilfeleistung.

Wie ist die Perspektive der Kinder? Was hilft ihnen?

Ein Treffen mit anderen betroffenen Familien kann sehr hilfreich sein. Die Kinder brauchen Unterstützung, um mit Mobbing oder Ausgrenzung umgehen zu können. Sie wollen einfach nur „normal“ sein. Sie wollen Spaß mit ihren Freunden haben und sich nicht ständig mit existenziellen Problemen herumschlagen. Wenn die Kinder positiv begleitet und ernst genommen werden und sie in ihrer Entwicklung nicht durch Störungen aller Art behindert werden, haben sie letztendlich die gleichen Chancen auf ein glückliches Leben wie alle anderen auch.