Tierfreund

Kann ein Chamäleon wirklich jede Farbe annehmen?

Dr. Mario Ludwig über Mechanismen und Gründe für die beeindruckenden Farbwechsel der Reptilien – und warum diese manchmal ausbleiben

Kann ein Chamäleon wirklich jede Farbe annehmen? Lucie, 8 Jahre

Manche Legenden sind nicht totzukriegen, zum Beispiel die über die Farbgebung der Chamäleons. Den Reptilien wird nachgesagt, sie könnten sich zur Tarnung locker jedem Hintergrund anpassen. Setzt man sie auf eine rosa Tischdecke – zack, nehmen sie eine rosa Färbung an. Setzt man sie vor eine deutsche Flagge – zack, leuchten sie schwarz-rot-gold. Und angeblich ist für ein gestandenes Chamäleon auch eine Blümchentapete kein Problem. Aber ist das wirklich so?

Ein schneller Farbwechsel stellt für die meisten Chamäleonarten in der Tat kein größeres Problem dar. Dafür sorgt die Spezialhaut des Chamäleons, die aus drei Schichten mit jeweils unterschiedlichen Farbzellen aufgebaut ist. Die oberste Hautschicht enthält Farbzellen, die mit Carotinoiden bestückt sind, Substanzen, die für Gelb- und Orangetöne verantwortlich sind. Die mittlere Zellschicht enthält gar keine Farbstoffe, sondern besteht aus durchsichtigen Guaninkristallen, die das einfallende Licht brechen können. Durch die Lichtbrechung im Kristall kann das Chamäleon Blautöne erzeugen. Einen ähnlichen Effekt kennen wir vom „blauen“ Himmel oder vom „blauen“ Meer. Himmel und Meer erscheinen uns ja auch blau, obwohl sie keineswegs blaue Farbstoffe enthalten. Die unterste Hautschicht enthält dann wieder Farbzellen, in denen sogenannte Melanine Braun- und Schwarztöne erzeugen.

Der Farbwechsel selbst ist eine ziemlich raffinierte Angelegenheit: Die Menge des jeweiligen Farbstoffs in den entsprechenden Farbzellen verändert sich nämlich nicht. Was sich verändert, ist die Verteilung des Farbstoffs in der Zelle. Will ein Chamäleon also eine rote Farbe annehmen, dann breiten sich die roten und gelben Farbstoffe in der obersten Schicht aus. Will ein Chamäleon sich lieber in Blau hüllen, dann ziehen sich die Farbstoffe in der obersten Schicht zusammen, so dass die zweite, darunterliegende Schicht zum Vorschein kommt. Diese bricht das einfallende Licht und erzeugt dadurch einen Blauton.

Aber können Chamäleons wirklich alle Farben annehmen, sogar das Muster einer Tapete? Nein, das kann auch das farbfreudigste Chamäleon nicht. Zunächst mal: Nicht alle Chamäleons haben ein sehr breit gefächertes Farbrepertoire. Manche Arten können ihre Farbe überhaupt nicht wechseln. Aber egal welche Chamäleonart man vor eine Blümchentapete setzt, sie wird niemals Farbe und Muster dieser Tapete annehmen.

Viele Chamäleonarten passen ihre Körperfarbe nämlich gar nicht zur Tarnung an ihre Umgebung an. Chamäleons verfärben sich meistens aus ganz anderen Gründen: Erstens, wenn sie ihre Körpertemperatur verändern wollen. Viele Chamäleons können über ihre Färbung ihre Körpertemperatur steuern. Morgens, wenn es kalt ist, färben sich viele Chamäleons dunkel, denn je dunkler eine Oberfläche ist, desto besser heizt sie sich auf, da mehr Sonnenlicht absorbiert wird als bei hellen Farben. So können die wechselwarmen Tiere schneller aktiv werden. Ist das Chamäleon dann auf „Betriebstemperatur“, nimmt es eine helle Farbe an, um die Sonnenstrahlen zu reflektieren, so dass eine Überhitzung vermieden wird. Zweitens dient die Veränderung der Farbe der Kommunikation. Fast könnte man von einem Sprachersatz sprechen. Zum Beispiel versuchen männliche Chamäleons oft, durch einen Wechsel zu bunten, grellen Farben Weibchen auf sich aufmerksam zu machen. Grelle Punkte oder Streifen auf der Haut des Verehrers sollen der Chamäleondame signalisieren: „Hey, schau her, ich bin ein toller Typ“. Wenn dem Weibchen gefällt, was es sieht, antwortet es ebenfalls durch eine Farbveränderung. Oft nutzen Chamäleonmännchen auch einen Farbwechsel zu grellen Farben, um Rivalen einzuschüchtern. Treffen zwei Männchen der gleichen Art aufeinander, kommt es meistens zu einem regelrechten Farbduell. Bei dem kann man Sieger und Verlierer leicht unterscheiden: Während das siegreiche Männchen in bunter Pracht erstrahlt, zeigt der Unterlegene seine Rückzugsbereitschaft durch eher beige gehaltene Töne an. So wird auf elegante Weise unnötiges Blutvergießen vermieden.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.