Tierfreund

Wie funktioniert eigentlich das Schlangenbeschwören?

Dr. Mario Ludwig über Tricks, die Giftschlangen zum Tanzen bringen, und warum manche der Dompteure einen lebensgefährlichen Job ausüben

Wie schaffen es Schlangenbeschwörer, dass sich eine Giftschlange zu ihrer Musik bewegt?

Julie, 8 Jahre

Wer schon einmal in Indien oder in Nordafrika einen Bazar besucht hat, hat sie gesehen: Schlangenbeschwörer, die mit ihrem Flötenspiel schaffen, dass sich eine tödliche Giftschlange wie von unsichtbaren Fäden gezogen aus einem Bastkorb erhebt, hoch aufrichtet und sich dann scheinbar mit sanften Bewegungen zum Takt der Musik hin und her bewegt. Und das nur etwa einen halben Meter von der Nasenspitze ihres Herrn und Meisters entfernt.

Da stellt sich die Frage, ob Schlangenbeschwören tatsächlich eine geheimnisvolle und auch lebensgefährliche Kunst ist oder ob der Schein trügt. Um dies zu beantworten, muss man sich zunächst einmal mit der Anatomie von Schlangen beschäftigen. Schlangen besitzen weder ein Außenohr noch einen Gehörgang noch ein Trommelfell. Das bedeutet, dass Schlangen die gespielte Musik gar nicht hören können, einfach weil sie nahezu taub sind. Und damit kann natürlich auch von einer musikalischen Veranlagung der Gifttiere keine Rede sein.

Aber wie schafft es der Schlangenbeschwörer dann, seine taube Schlange zum „Tanzen“ zu bringen? Durch eine Reihe von Tricks! Es fängt damit an, dass die Schlangen beim Öffnen des dunklen Korbes, in dem sie gehalten werden, vom hellen Tageslicht geblendet werden und als erstes einen vermeintlichen Gegner präsentiert bekommen: die Flöte des Flötenspielers. Um sich vor dem vermeintlichen Gegner, nämlich der sich rhythmisch hin und her bewegenden Flöte zu schützen, richtet sich die Schlange auf und folgt mit ihrem Kopf exakt den Bewegungen der Flöte, um jederzeit zubeißen zu können. Bei Kobras kommt noch hinzu, dass die Tiere die Flöte, die traditionell aus einem Flaschenkürbis geschnitzt wird, oft mit dem gespreizten Halsschild eines balzenden Artgenossen verwechseln. Dadurch wird in der Schlange auch noch ein Konkurrenzverhalten provoziert. Ein weiterer Trick besteht darin, an der Flöte noch ein Fellbüschel zu befestigen – dadurch wird obendrein das Jagdverhalten der Schlange ausgelöst. All diese Maßnahmen führen bei der Schlange offensichtlich zu einer Art Reizüberflutung mit der Folge, dass die geistig völlig überforderte Schlange über längere Zeit in einem „Tanz“ verharrt. Einfach weil sie nicht weiß, welcher dieser Provokationen sie zuerst folgen soll. Sie wartet also ab, ob sich nicht ein „Favorit“ aus den verwirrenden und widersprüchlichen Reizen herauskristallisiert.

Im Prinzip eigenen sich fast alle größeren Giftschlangenarten zum „Schlangenbeschwören“. Welche Schlangen dann letztendlich genommen werden, hängt unter anderem stark von der Gegend und vom Vorkommen der Schlangen ab. In Indien werden in erster Linie Brillenschlangen genommen, aber auch Kettenvipern und Nachtbaumnattern. In Nordafrika sind es die zu den Kobras gehörende Uräusschlange, die Puffotter und die Sandrasselotter. Die meisten Schlangenbeschwörer fangen ihre Schlangen selbst in der freien Natur. Einige wenige kaufen sie bei professionellen Schlangenhändlern, deren Tiere aber auch nicht aus einer Zucht stammen, sondern bei denen es sich ebenfalls um Wildfänge handelt.

Bleibt noch die Frage zu beantworten, ob es sich beim Schlangenbeschwören wirklich um eine lebensgefährliche Tätigkeit handelt. Taub hin, taub her: Es sind ja noch immer hochgiftige Schlangen, mit denen die Schlangenbeschwörer hantieren! Aber auch Schlangenbeschwörer sind nicht lebensmüde. Deshalb entfernen die meisten die Giftdrüsen ihrer Tiere oder brechen ihren Schlangen die Giftzähne komplett heraus.

Allerdings sollte man sich als Zuschauer niemals darauf verlassen, dass man sich einer „beschworenen“ Schlange ohne Gefahr nähern kann. In Nordafrika gibt es unter den Schlangenbeschwörern immer noch Vertreter des bis ins alte Ägypten zurückreichenden Uräusschlangenkults. Für diese sehr der Tradition verhafteten Schlangenbeschwörer, oft Berber, wäre es eine schlimme Sünde, ihre Schlange, die für sie heilig ist, durch das Entfernen der Giftzähne zu verletzen. Sie üben deshalb ihr Handwerk nur mit „scharfen“ Schlangen aus.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.