Familie

Allein mit Kind: Besser als gedacht?

Wenn die heile Familienwelt zerbrochen ist, gilt das meist als Makel. Oder ist die Ein-Eltern-Familie das Modell der Zukunft? Zwei Mütter – eine verheiratet, eine geschieden – tauschen sich aus

Fast jede fünfte Familie in Deutschland ist eine Ein-Eltern-Familie – Tendenz steigend. Immer mehr Eltern trennen sich oder wollen ihr Kind von vorneherein allein aufziehen. Derzeit leben rund 2,2 Millionen Kinder unter 18 Jahren bei einem alleinerziehenden Elternteil, zu 90 Prozent bei der Mutter. Ist „Alleinerziehend sein“ mehr als eine Lebensphase, die sich zumeist unfreiwillig ergeben hat und über die es immer noch viele Vorurteile gibt? Ist es womöglich das Modell der Zukunft?

Fakt ist: Längst ist der Status „alleinerziehend“ als Familienform anerkannt. Und vielen Betroffenen gefällt offenbar ihre Lage. Zu einem großen Teil zeigten Alleinerziehende „eine positive Grundhaltung gegenüber der eigenen Lebenssituation, ausgeprägten Bewältigungsoptimismus und hohes Selbstvertrauen“, stellte das Bundesfamilienministerium in einer Studie über alleinerziehende Mütter fest.

Auch Eltern, die in der klassischen Mutter-Vater-Kind-Familie leben, sehen Alleinerziehende bisweilen im Vorteil. Das legt zumindest der folgende Briefwechsel zwischen zwei Müttern in unterschiedlichen Lebenssituationen nahe. Katja ist verheiratet und hat zwei Kinder, Mona ist geschieden und kümmert sich zu einem Großteil allein um die beiden Kinder. Hier erzählen sie, wie es ihnen geht und was sie über das Leben der jeweils anderen denken.

Liebe Mona, (schreibt Katja, verheiratet, zwei Kinder)

es ist wieder Wochenende. 48 Stunden Freizeit. Allerdings – entspannt wird es bei uns auch dieses Wochenende nicht zugehen. Samstagvormittag brettern wir in den Supermarkt, erledigen den Großeinkauf für die kommende Woche. Mittags kommt der Freund vom Sohn vorbei, dann randalieren die beiden im Kinderzimmer. Die Tochter ist bei einem Geburtstag eingeladen, da muss einer sie hinfahren und abholen. Vermutlich will wieder einer der Kinderfreunde bei uns übernachten, so läuft es oft. Und Sonntagmorgen die Krönung. Einer von uns – mein Mann oder ich – wird mit dem Sohn in aller Herrgottsfrühe in einer brandenburgischen Sporthalle beim Fußballturnier stehen. Der andere darf etwas länger schlafen und danach mit der Tochter abhängen, allerdings hat sich nachmittags die Oma zum Kaffee angekündigt. Dann ist das Wochenende schon fast vorbei.

Samstagabend – das weiß ich jetzt schon - werden mein Mann und ich die Kinder vor dem Fernseher parken und uns aus der Wohnung stehlen. Wir werden um die Ecke zum Italiener schleichen, uns an den Händen halten und für ein, zwei Stunden davon träumen, wie es wäre, wenn wir mal wieder ein Wochenende für uns hätten. Wir beide alleine. Wir lieben unsere Kinder über alles, aber manchmal vermissen wir ein klitzekleines bisschen unser altes Leben, die viele Zeit, die wir nur für uns hatten.

Schön war die Zeit!

Und jetzt erzählst Du mir am Freitag, Du hast dieses Wochenende wieder „kinderfrei“. Dein Ex-Mann ist dran, Eure Töchter sind bei ihm. Und Du überlegst, was Du Schönes machen sollst – vielleicht mal dieses exotische neue SPA am Hauptbahnhof ausprobieren oder abends mit der Freundin ins Kino. Ausschlafen, ein gutes Buch lesen, in Ruhe bügeln und dabei Fernsehen gucken, ohne ständig von Kinderwünschen unterbrochen zu werden. Vielleicht eine Kurzreise. Es sieht nicht so aus, als ob ich so ein Wochenende bald mal erleben werde.

Manchmal frage ich mich, ob alleinerziehend nicht das Modell der Zukunft ist. Es passt einfach viel besser in die heutige Zeit. Kinder zu kriegen bedeutet in gewisser Weise, sich für eine Weile aufzugeben. Sieben Tage Vollprogramm. Außer man trennt sich.

Plötzlich entkommt man für einige Tage der dominanten Rolle der Dauer-Mutter oder des Dauer-Vaters. Und ist wieder eine souveräne Frau, ein souveräner Mann. Kann Hobbys nachgehen, reisen, freischaffend arbeiten. Vorausgesetzt natürlich, der Ex zieht mit.

Heute wollen wir alles und von allem ein bisschen. Wir wollen Familie, aber nicht zu viel. Wir wollen Freiheit, aber nicht nur. Wir sind eine Gesellschaft der Rosinenpicker geworden. Vergiss den trockenen Alltags-Kuchen, schnapp Dir den saftigen Teil. Und wenn das Zusammenleben mit Kindern mal anstrengend wird, dann weiß man genau, bald kommt wieder die Auszeit. Ist man nicht blöd und total gestrig, wenn man noch das klassische Vater-Mutter-Kind-Modell lebt?

Liebe Katja, (schreibt Mona, geschieden, zwei Kinder – und damit alleinerziehend)

da liegt es wieder vor mir: eines dieser freien Wochenenden, um die Du mich so beneidest. Zu Recht! Welche Mutter hat schon regelmäßig freie Zeit für sich? Das sind meistens nur die Alleinerziehenden – vorausgesetzt, der Vater nimmt sich Zeit für die Kinder. Bei mir ist es so: Jedes zweite Wochenende sind unsere Kinder beim Papa und dazu noch zwei Nachmittage unter der Woche, an denen ich mich voll auf den Job konzentrieren kann.

Nicht nur bei Dir sehe ich Neid in den Augen für diese Freiheit. Ich kann mir sogar den Luxus leisten, an einem freien Wochenende zu Hause zu relaxen! Und bin überhaupt nicht zuständig für den „Familienkram“.

Ja, in dieser Hinsicht geht es mir wirklich besser als Euch. Denn meine Auszeit kommt bestimmt. Ich muss auch nicht mehr die schmutzigen Socken meines Mannes aufsammeln, nicht mehr seinen Missmut ertragen und all das, was mich sonst noch in der Ehe so gestört hat, dass ich keine andere Möglichkeit mehr sah, als mich zu trennen. Ich kann sogar den Kindern das zu vermitteln versuchen, was ich im Leben für wichtig halte, ohne dass er mir in den Rücken fällt! Zumindest in der Zeit, in der sie bei mir sind.

Du kannst mir aber glauben, dass es lange gedauert hat, bis ich die Vorteile sehen und nutzen konnte. Da ist zum einen das schlechte Gewissen. Welche Frau träumt nicht von einem harmonischen Familienleben? Und erst die Kinder! Es hat mir immer das Herz zerrissen, wenn die Kleine, damals noch in der Kita, donnerstags morgens schrecklich weinte, weil sie wusste: Heute geht es zu Papa und die Mama, die sehe ich erst mal nicht so schnell wieder.

Dennoch kann ich auch heute nicht immer abschalten, wenn die Kinder beim Vater sind. Bestimmt macht er seine Sache gut, ganz sicher sogar – gerade, weil er vieles anders macht als ich und, weil er seit der Trennung überhaupt mehr mit den Kindern macht. Einiges ist für mich trotzdem schwer zu ertragen. Etwa wenn er sie stundenlang vor dem Fernseher parkt und Fußball spielen geht oder sie wie neulich für zehn Stunden mit nach Dresden schleppt, weil er dort einen Termin nicht verpassen will. Gleichzeitig meckert er, dass er die Kinder gern mehr sehen würde. Absurd!

Liebe Mona,

mach Dir doch keine Gedanken über das Vaterprogramm. Es wird schon in Ordnung sein. Dein Ex ist der Vater Deiner Kinder, irgendetwas Gutes muss ja an ihm gewesen sein. Man kann ihm sicherlich die Kinder anvertrauen. Und wenn er es ganz anders macht als Du, wunderbar. Genieß die kostbare Zeit, die Du für Dich hast.

Aber ich weiß, es ist ein Problem vieler Alleinerziehender, nicht abschalten zu können. Damit bist Du nicht alleine. Viele meiner Freundinnen, die alleinerziehend sind, quält der Gedanke, was er wohl gerade mit den Kindern unternimmt – oder eben nicht. Obwohl, quälen ist nicht das richtige Wort. Sie ärgern sich. Er macht eigentlich immer alles falsch. Mit Argusaugen wird jeder Programmpunkt des Wochenendes analysiert und bewertet. Zu spaßig, zu erwachsen, zu seicht, zu billig. Das Ergebnis steht schon vorher fest: Die Ex-Männer sind egoistische Blödmänner.

Je entspannter Du Deine Kinder wieder in Empfang nimmt, desto eher haben sie kein schlechtes Gewissen, eine schöne Zeit gehabt zu haben. Also schalte ab, ärgere Dich nicht. Denk lieber an mich, wie ich durchs Wochenende hetze, und freue Dich des Lebens!

Was übrigens die heile Welt angeht – vergiss es. Es gibt heile Momente in einer Ehe, aber dann grätscht das Leben wieder rein und bringt einen aus dem Takt. Als bei uns das erste Kind kam, war mein Mann über Monate ein Totalausfall. Ich denke, er würde es nicht bestreiten. Plötzlich ein Kind zu haben, hat uns beide umgehauen. Ich weiß noch, wie wir damals vor dem improvisierten Wickeltisch standen und versuchten, unser Baby umzuziehen. Es war Winter, eisig kalt. Diese zarten, kleinen Ärmchen sollten in ein Baumwolljäckchen, die klitzekleinen Fingerchen verhakten sich im Stoff, wir hatten furchtbare Angst, unserer Tochter weh zu tun. Irgendwann rief mein Mann verzweifelt: „Wir können das nicht. Wir sind einfach keine Eltern.“ Ich glaube, er wäre am liebsten gegangen. Aber die Tochter lag halbnackt da, sie musste angezogen werden. Also habe ich anfangs alleine weitergemacht. Und ihm Zeit gegeben, sich an unsere Tochter zu gewöhnen. Das hat Monate gedauert. Das war kein hollywoodmäßiger Neustart in die Kleinfamilie. Aber so ist das Leben halt. Manchmal rumpelt es.

Liebe Katja,

das klingt gut: Irgendwann scheint Dein Mann ja wieder in die Verantwortung gegangen zu sein. Bei dem Vater meiner Kinder warte ich darauf heute noch. Er will anerkannt sein und mitreden, aber wichtige Dinge entscheiden und Unbequemes erledigen, das ist mein Part. Das scheinen auch die Kinder schon zu spüren, und daher kommt es im Anschluss an meine freie Zeit oft ganz schön dicke. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Kinder all ihre negativen Emotionen und Sorgen speichern, um sie mir, wenn sie wieder bei mir sind, vor die Füße zu spucken. Da wird getobt und geschrien. Und aus den Schulmappen tauchen Aufgaben auf, die an den Papa-Tagen prima hätten erledigt werden können. Ist aber nicht passiert.

Ich muss an meinen Tagen mit den Kindern alles managen, was ansteht oder was sie sich wünschen: Schularbeiten, Friseur, Zahnarzt, Schuhe kaufen, Hobbys, Verabredungen. Stress pur, ein Leben in Überschall-Geschwindigkeit. Dennoch respektiere ich die Papa-Kind-Zeit, indem ich mich nicht einmische, selbst nur in Ausnahmefällen mit den Kindern telefoniere. Auch aus Selbstschutz: Vielleicht rufe zu einer Zeit an, in der ich ins Essen hereinplatze? Das ist ein merkwürdiges Gefühl: als Mutter nicht dazu zu gehören. In der Anfangszeit nach der Trennung habe ich sogar alle Orte gemieden, an denen Familien waren, weil es mir zu weh getan hat. Stattdessen habe ich mich zu Hause vergraben, monatelang.

Ich habe Freundinnen, denen es immer noch so geht. Sylvia ist gefangen in ihrer Trauer und Wut. Sabine hat kein Geld, um sich etwas zu gönnen, weil der Vater zu wenig Unterhalt zahlt und ihr knappes Einkommen für den Alltag mit den Kindern drauf geht. Jana hat zwar viele Pläne für ihre freie Zeit, aber die brechen regelmäßig zusammen, weil der Papa die Kinder dann doch nicht nimmt oder früher als verabredet zurück bringt. Dass die Kinder so etwas auch nicht toll finden, ist ja klar.

Liebe Mona, es wundert mich nicht, dass Deine Töchter manchmal unausgeglichen vom Vater zurückkehren. Den Preis der Trennung zahlen die Kinder.

Allerdings – schwierige Phasen haben unsere Kinder auch. Zeiten, in denen man sich wirklich Sorgen macht. Eine Zeit lang sackte die Tochter in der Schule ab, der Kopf war regelrecht blockiert. Der Sohn zieht sich zurück, redet kaum, grübelt viel. Oder, wenn sie kleiner sind, läuft irgendetwas nicht nach Plan. Beim Spielen wird immer wieder der Klogang vergessen, das Malheur ist groß, eigentlich müsste das längst kein Thema mehr sein. Wenn solche Zeiten anbrechen, bin ich aber meist ruhiger als meine alleinerziehenden Freundinnen. Weil die mit ihrem schlechten Gewissen natürlich sofort allerlei hineininterpretieren: Die Trennung ist schuld, der Ex ist schuld, ich bin schuld. Aber am Ende gilt für uns beide: gelassen bleiben, Geduld haben und viel lieben. Kinder geraten – egal in welcher Familienform – manchmal aus dem Lot.

Womöglich ist ein Problem des alleinerziehend Seins auch, dass man andere Hoffnungen hatte. In der Ehe hatte sich manches verkantet und am Ende wirkte es so, als ob der einzige Ausweg aus dem Schlamassel die Trennung ist. Wir sind heute so sehr auf alles geeicht, was neu ist. Neu ist gut. Im Anfang liegt der Zauber. Und dann wird die Lage da draußen ohne Mann zwar irgendwie besser, weil der Ex nicht mehr das eigene Leben dominiert, aber richtig gut ist es auch nicht, weil niemand Neues kommt und man alleine da steht. Ich bin nicht so ein Fan von Neuanfängen. Sie sind immer auch ein Risiko, manchmal ist das, was kommt, schlechter als das, was war. Aber Plädoyers, um eine Ehe zu kämpfen, hört man selten. Eine Freundin, die sich vor kurzem von ihrem Mann trennte – aus Gründen, die sie mir nur schwer erklären konnte („Ist nicht mehr so wie früher.“ – „Ach.“) – fragte mich am Ende des Telefonats: „Und bei Dir? Hast Du nicht auch manchmal genug?“

Es ist wie ein roter Teppich, den man zur Scheidung ausgerollt bekommt. Hinein in die schöne neue Alleinerziehenden- Welt.

Liebe Katja, glaube mir: Ich habe mir die Trennung alles andere als leicht gemacht und wir haben vieles versucht, um die Ehe zu retten. Und dass es schwer ist, einen neuen Partner zu finden, habe ich schon damals geahnt. Welcher Mann hat schon Lust, in eine Rumpffamilie einzusteigen? „Suche Frau ohne Altlasten“ lese ich immer öfters in Annoncen. Na super. Dann gibt es da noch die Männer, die nur einen Seitensprung suchen. Die selber als Alleinerziehende und im Job eingespannt sind, so dass es schon bei der Terminkoordination scheitert. Oder die, die sagen, Kinder seien natürlich kein Hindernis, dann aber flugs ihre Sachen zusammenpacken, wenn der Nachwuchs anrückt, als hätte er eine ansteckende Krankheit.

Es ist schwer, als Alleinerziehende jemanden kennenzulernen. Man wird auf viele Partys ja auch gar nicht mehr eingeladen, weil die Gastgeberinnen Angst haben, dass man ihnen ihre Männer ausspannt. Außerdem fühlen sich viele Frauen mies, wenn sie sehen, wie ich alles allein schaffe, und meiden mich. Die Männer wiederum sind vom „Mannsweib“ eingeschüchtert und kritisieren, dass ich mich nicht einfach mal locker mache. Ja, wie denn? Zum Glück habe ich viele Freunde und Eltern, die mich unterstützen, aber das ist eben doch etwas anderes als ein Partner.

Trotzdem: Mir gefällt mein Leben! Es ist auf jeden Fall besser als das, das ich als Ehefrau geführt habe. Und es wird immer besser, je älter die Kinder werden und je leichter es mir fällt, die Situation zu akzeptieren. Ich würde mir aber wünschen, dass insbesondere die Frauen untereinander weniger biestig wären, offener, verständnisvoller. Vielleicht habe ich mit meinem Brief ja dazu beigetragen.

Viele liebe Grüße!

Deine Mona

Liebe Mona, ja, ich verstehe Dein Leben, ich bewundere Deine Kraft und liebe Deine Geschichten, wenn Du wieder mit dem Bohrer auf die Leiter gestiegen bist, weil kein Kerl im Hause war und man „ja alles alleine machen muss“. Derweil rufe ich den Elektriker an, weil die Lampen, die mein Mann angebracht hat, doch arg schief hängen (er würde jetzt lautstark protestieren). Ich weiß, Du hast Dir Deine freien Wochenenden verdient. Und wenn ich Dich mal neidisch anschaue, weil Du freitags eine gepackte Tasche für den kinderlosen Kurztrip mit ins Büro bringst, dann nimm es heiter. Klar, Frauen sind manchmal ein bisschen biestig. Das macht ja unseren Charme aus.

Viele liebe Grüße,

Katja

Und was meinen Sie? Schreiben Sie uns! Per Email an familie@morgenpost.de oder per Brief an Berliner Morgenpost, Redaktion Leben, Kurfürstendamm 21-22, 10874 Berlin.