Ehrenamt

Den Schmerz auffangen

Ehrenamtliche Notfallseelsorger stehen Opfern und Angehörigen nach Unfällen und Gewalttaten zur Seite

„Es gibt Ereignisse, die ich nie mehr vergessen werde“, sagt Angelika Merkel. Die 58-jährige ist Notfallseelsorgerin. Sie oder einer ihrer ehrenamtlichen Kollegen sind zur Stelle, wenn Polizei und Feuerwehr nach einem Unfall oder Todesfall um Unterstützung bitten. Angelika Merkel berichtet von jungen Männern, die sie nach dem Suizid des Freundes in einem Hotel betreut hat oder von Eltern, die den Verlust eines Neugeborenen verkraften mussten. Die ehemalige Krankenschwester engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich als Notfallseelsorgerin, weil sie Angehörigen und Betroffenen zur Seite stehen will: „Mir ist es wichtig, dass jemand Zeit hat, sich um diejenigen zu kümmern, die mit einem schrecklichen Erlebnis oder einem Verlust zurechtkommen müssen“, so Angelika Merkel. Sie hat in ihrem Berufsalltag im Krankenhaus erlebt, dass es in der Rettungsstelle niemanden gab, der für die Betroffenen ein offenes Ohr hatte und hat beobachtet, dass die psychosoziale Betreuung nach Unglücksfällen zu kurz kam.

Das Team der Notfallseelsorge und Krisenintervention kommt zum Einsatz, wenn für Angehörige, Betroffene oder Opfer seelischer Beistand benötigt wird. Oft geht es darum, die Nachricht vom Tod eines Angehörigen zu verkraften oder eine erfolglose Reanimation zu verarbeiten. In einer Großstadt wie Berlin gibt es aber auch häufig Situationen, in denen ein Verbrechen, Suizid oder ein Unfall die Betreuung von Betroffenen sofort an der Unfallstelle notwendig machen. Polizei, Feuerwehr oder die Verkehrsbetriebe fordern dann jemanden aus dem Notfallseelsorge-/Kriseninterventionsteam an, der sich Zeit nimmt für die Ängste und Sorgen von Angehörigen oder Unfall-Beteiligten.

Mit der Notfallseelsorge und Krisenintervention sind rund um die Uhr, evangelische und katholische Seelsorger und ausgebildete Kriseninterventionshelfer der Johanniter-Unfall-Hilfe, des Malteser Hilfsdienstes, des Arbeiter-Samariter-Bundes, des Berliner Roten Kreuzes und der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft im Einsatz, um andere in belastenden und extremen Situationen unterstützen zu können. „Die Menschen, die Schreckliches erlebt haben, finden mit uns jemanden an ihrer Seite, der für sie da ist“, sagt der koordinierende Leiter der Notfallseelsorge/Krisenintervention in Berlin, Pfarrer Justus Münster. „Und auch die Einsatzkräfte erhalten durch uns Entlastung und Hilfe bei ihrer Arbeit vor Ort“, ergänzt der Seelsorger. Ihm gelingt es auch, immer wieder Menschen zu finden, die bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren und sich den schwierigen Situationen im Umgang mit dem Tod zu stellen.

Wenn Angelika Merkel gefragt wird, was sie seit vielen Jahr bei ihrer selbstgewählten Aufgabe hält, muss sie nicht lange überlegen: „Anderen in einer Notsituation Beistand zu geben, ist mir ein wichtiges Bedürfnis und etwas, dass ich mir auch für mich selbst wünsche“, sagt die 58-jährige. Sie erzählt von dem starken Gefühl des Zusammenhalts unter den Ehrenamtlichen, den Erlebnissen, die gemeinsam verarbeitet werden können und dem Gewinn an Erfahrungen. „Ich lerne auch immer etwas dabei“, gibt sie zu. „Viele Menschen haben mir trotz der schrecklichen Situation, in der sie sich befanden, auch noch etwas mitgeben können“.

140 Notfallseelsorger und Mitarbeiter sind bei der Krisenintervention aktiv. Für das ehrenamtliche Engagement und die Arbeit der vielen Helfer wünscht sich Koordinator Justus Münster mehr Aufmerksamkeit und eine breitere Bekanntheit in der Öffentlichkeit. „Denn dann“, so Justus Münster, „können wir noch viel häufiger zur Stelle sein, wenn unsere Hilfe benötigt wird“.

In diesem Jahr wird die Berliner Notfallseelsorge, die ihren Namen später um die nicht-kirchlich-aktive Krisenintervention ergänzt hat, 20 Jahre alt. Zum Jubiläum beginnt am heutigen Sonnabend eine Festwoche, die auch für eine größere Bekanntheit der Organisation sorgen soll. Dazu wünscht sich Justus Münster, dass in den Nachrichten über Unglücke und Unfälle der Einsatz der Notfallseelsorger öfter Erwähnung findet. Auch mehr Information bei den Einsatzkräften von Polizei und Feuerwehr sei notwendig. „Wenn alle Feuerwehrkräfte und Angehörige der Polizei daran denken, dass es uns gibt, könnten wir noch viel häufiger gute Arbeit leisten“, ist Justus Münster sicher. Derzeit bewältigt die Berliner Notfallseelsorge/Krisenintervention etwa 300 Einsätze im Jahr. „Doch“, so Koordinator Justus Münster, „wenn ich lese, was alles in der Stadt an einem Tag passiert ist, sehe ich noch viele Einsatzmöglichkeiten für unser Team.“