Mamas & Papas

Mit Halbwissen lebt es sich leichter

Hajo Schumacher über anstrengende Experten und überflüssige Ratgeber

Wir sind eine gestresste Familie. Das muss so sein, sagt die Forschung, weil alle gestresst sind. Schuld sind weder die SPD noch der Islam, sondern – wir selbst. Zwei von drei Eltern finden, dass Erziehung sie unter enormen Druck setze. Kenne ich, vor allem das Erziehen von mir selbst. Die Disziplin, mit der die Jungs zum Musikunterricht, zum Sport und zur Schule gehen, stresst mich total. Ich hätte nach drei Tagen Burnout. Ich bin unerziehbar.

Besonders viele Eltern, so behauptet die Forsa-Studie, klagen über gesellschaftliche Erwartungen. Komisch. Wir haben kaum welche: Kinder dürfen, müssen aber nicht die Brandenburgischen Konzerte schon im Laufstall fiedeln können. Unsere Ansprüche sind viel niedriger, wir wünschen uns eigentlich nur drei Fertigkeiten: Kinder dürfen erstens nicht auf die Nerven gehen, sollten „Guten Tag“ sagen wegen des ersten Eindrucks und zu diesem Zweck wenigstens kurz mal vom Smartphone aufblicken, und drittens sollten sie zur Einschulung Brot schmieren und Schuhe binden beherrschen, damit wir nicht aufstehen müssen. Den Rest erledigen dann hoffentlich die Lehrer. Wofür bekommen wir denn die bayerischen Milliarden aus dem Länderfinanzausgleich?

Was stresst Eltern noch? Na klar, die vielen Erziehungsmethoden. Jahrtausende gab’s was hinter die Löffel. Das hat jeder kapiert und fast keinem geschadet. Nun wird diese bewährte Methode alle drei Wochen von Experten in Frage gestellt. Plötzlich sind wir alle Hirnforschungsversteher oder Epigenetiker. Es lebe das Halbwissen. Dass Alkohol und Nikotin und Stress nicht gut sind während der Schwangerschaft, wissen wir. Nun wird aber auch der Altalkohol verdammt, den Mutti zum Beispiel beim Mauerfall konsumiert hat, etwa 20 Jahre vor der Befruchtung. Die Leber vergisst nicht. Weil alle Sünden im Körper gespeichert sind, hat die Mutter nun ein schlechtes Gewissen, was Stress erzeugt und das Kind noch mehr belastet. Tja, die kindliche DNA lässt sich nicht so leicht veräppeln wie ein Ehemann. Einmal beim Stillen die Augen gequält gerollt, und aus dem Jungen wird ein Djihadist. Oder, schlimmer noch, ein Journalist. Immerhin frische Argumente im Streit um Erziehungsversagen. Die Chefin ist eben doch schuld, an allem.

Was hilft? „Kontingentes Reagieren“, sagt die Forschung, also sofortiges Eingreifen bei der leisesten Meldung des Nachwuchses. Und wir dachten bisher, wir müssten nur bei kindlicher Inkontinenz reagieren. Große Kopfhörer helfen übrigens, wenn kontingentes Reagieren wieder mal stresst. Die DNA der Bengel wird’s überleben.

Und wir? Wir auch. Weil wir keine Ratgeber mehr lesen, die als überraschendes Forschungsergebnis verkünden, dass man das Kind auch mal streicheln müsse, damit sich die Neuronen verschalten. Wir schalten weiterhin sicherheitshalber gar nichts, höchstens ab, und kaufen ein einziges, allerletztes Ratgeberbuch, Titel: „Lasst die Mütter in Ruhe“. Und die Väter erst.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Sandra Garbers.