Interview

„Gerade beim Einsatz von Waffen ist die Traumatisierung groß“

| Lesedauer: 4 Minuten
Franz Michael Rohm

Opfer von Straftaten brauchen häufig Unterstützung

Eva Schumann, Geschäftsführerin der Opferhilfe Berlin, berät Menschen, die Opfer einer Straftat wurden. Wir sprachen mit ihr über die Folgen von Überfällen für die Betroffenen und Möglichkeiten der Hilfe.

Berliner Morgenpost:

Frau Schumann, was genau ist die Opferhilfe Berlin?

Eva Schumann:

Unser Verein besteht seit 1986. Neben der Beratungsstelle hier gibt es auch noch unsere Zeugenbetreuung am Moabiter Gericht. Finanziert werden wir über die Senatsverwaltung für Justiz, Bußgelder und Spenden. Wir sind im Paritätischen Wohlfahrtsverband und dem Arbeitskreis der Opferhilfen in Deutschland organisiert. In der Beratung hier arbeiten wir zu dritt.

Wer kann zu Ihnen kommen?

Jede oder jeder, der Opfer einer Straftat wurde, unabhängig vom Delikt. Wir beraten bei Betrug, Raub, Körperverletzung oder auch Hinterbliebene bei Gewalttaten mit Todesfolge. Im Jahr beraten wir etwa 900 Klienten und Klientinnen. Statistisch gesehen kommen lediglich etwa zehn Prozent der Opfer von Straftaten in Beratungsstellen wie die Opferhilfe Berlin.

Haben Sie spezielle Beratungen für Opfer aus dem Einzelhandel?

Wir unterscheiden nicht zwischen einzelnen Berufsgruppen. Uns geht es darum, den Menschen zu helfen, ihnen die Möglichkeit zu bieten, an einem neutralen Ort das Geschehene aufzuarbeiten. Das beginnt immer mit dem Gespräch.

Und wie geht es weiter?

Die meisten Menschen haben so eine Situation zuvor noch nie erlebt. Wie es mit dem Gericht läuft, mit der Polizei. Wir informieren sie über die Verfahrensabläufe. Ein weiterer Schritt ist dann zu schauen, wo erhalte ich in meinem unmittelbaren Umfeld Hilfe. Also beim Partner, in der Familie, in der Freundschaft. Oder brauche ich Unterstützung von außerhalb. Das kann zeitintensiv sein. Manche kommen über Jahre in die Beratung. Sie suchen Unterstützung, das Erlebte zu verarbeiten.

Wie arbeiten Sie mit diesen Menschen?

Wir bieten individuelle Termine an. Viele sind sehr verzweifelt, weil sie große Ängste haben, etwa an ihre Arbeitsstelle zurückzukehren. Gerade beim Einsatz von Waffen ist die Traumatisierung groß. Wir erleben immer wieder Fälle, bei denen die Opfer sich gar nicht mehr aus der gewohnten Umgebung heraustrauen.

Wie gehen Sie konkret vor?

Wir unterstützen überwiegend therapeutisch. Alle Kolleginnen hier sind Sozialarbeiter mit besonderen Zusatzausbildungen. Ich beispielsweise bin Trauma-Beraterin. Wir haben spezielle Opferberater und arbeiten auch mit Systemischer Beratung. Bei besonders schweren Fällen vermitteln wir die Menschen an die Trauma-Ambulanz, also zur medizinisch-psychologischen Soforthilfe. Außerdem erhalten die Hilfesuchenden auch juristische Unterstützung.

Viele Einzelhändler haben gar keine Zeit, tagsüber ihr Geschäft zu schließen und Hilfe anzunehmen. Können Sie da helfen?

Wir sind sehr froh, dass wir eine Mitarbeiterin haben, die speziell Menschen aufsucht, die es nicht schaffen, zu uns zu kommen. Das sind auch Einzelhändler, die nicht für einen halben Tag ihr Geschäft schließen können. Wir bieten auch eine Beratung auf Türkisch an.

Was raten Sie Einzelhändlern, die mehrfach überfallen wurden?

Wichtig ist es, sich aktiv mit dem Vorfall auseinander zu setzen. Ihn nicht zu verdrängen oder nicht darüber zu reden. Dann bieten wir Selbstbehauptungskurse an oder vermitteln solche Kurse. Also: Wie präsent bin ich in einer vermeintlichen Gefahrensituation, wie setze ich meine Stimme ein. Wie gehe ich mit Ängsten und Unsicherheiten um. Dort lernt man, wie man deeskalierend wirkt und sich darauf vorzubereiten, wie man am schnellsten Hilfe holt.

Unterstützen Sie auch die Verwandten der Opfer?

Auf jeden Fall. Oft kommen Angehörige zu uns, die erst einmal erfahren wollen, wie ihren Verwandten geholfen werden kann. Aber auch, weil sie selbst nicht mit der Situation klarkommen. Manche fühlen sich schuldig, weil sie ihren Verwandten nicht helfen konnten. Andere entwickeln ebenfalls Ängste. Zu uns kommen auch Menschen, die Zeugen von gewalttätigen Auseinandersetzungen wurden. Auch denen helfen wir.

Müssen Hilfesuchende für Ihr Angebot bezahlen?

Nein, alle unsere Hilfsangebote sind kostenfrei. Wenn es nötig ist, vermitteln wir die Betroffenen auch weiter. Auch dabei möglichst ohne dass Kosten entstehen. Wir informieren beispielsweise über diesbezügliche mögliche Antragsstellungen, etwa über das Opferentschädigungsgesetz.