Tierfreund

Welches Tier ist am intelligentesten?

Dr. Mario Ludwig über Graupapagei Alex, seine Liebe zu Bananen und warum das gefiederte Tier wissenschaftliche Theorien revolutioniert hat

Welche Tiere sind eigentlich am schlausten? Elias, 9 Jahre

Die Wissenschaft ist sich da ziemlich einig: Menschenaffen, Delfine, Rabenvögel und Papageien sind so etwas wie die intellektuelle Speerspitze im Tierreich. Bei den Haustieren haben sich überraschenderweise Schweine als besonders intelligent erwiesen. Doch auch andere Tiere, die lange sträflich unterschätzt wurden, verblüfften in den vergangenen Jahrzehnten die Biologen immer wieder durch ihre Intelligenz. So sind zum Beispiel Tintenfische, und das wissen wir nicht erst seit der berühmten Krake Paul, zu komplexen Denkleistungen fähig. Sie haben ein Kurz- und Langzeitgedächtnis, nutzen Werkzeuge und lernen durch Beobachtung.

Welches nun aber das absolut schlauste Tier der Welt ist, darüber lässt sich streiten, da man hier oft Äpfel mit Birnen vergleichen muss. Zu unterschiedlich ausgeprägt sind die intellektuellen Fähigkeiten der Kandidaten. Mein persönlicher Favorit ist derGraupapagei Alex, der bis zu seinem Tod 2007 unangefochten als schlauster Papagei der Welt betrachtet wurde.

Graupapageien sind wahrscheinlich die sprachbegabtesten Papageien überhaupt, da es ihnen es offensichtlich am leichtesten fällt, menschliche Laute nachzubilden. Alex, der über 25 Jahre lang an einer amerikanischen Universität von der Wissenschaftlerin Irene Pepperberg trainiert wurde, hatte zwar „nur“ einen vergleichsweise geringen Wortschatz von rund 150 Worten, war jedoch zu weit mehr in der Lage, als Gehörtes sinnlos nachzuplappern. Er konnte Laute neu kombinieren und dadurch neue Wörter bilden. So nannte der Papagei, als er sein erstes Stück Apfel aß, die ihm unbekannte Frucht „banerry“ - zusammengesetzt aus banana und cherry (Kirsche). Alex war auch in der Lage, Wünsche zu äußern, beispielsweise „Wanna banana“ (Ich hätte gern eine Banane). Bot man ihm stattdessen eine Nuss an, wiederholte er zunächst höflich, aber bestimmt seinen Wunsch nach einer Banane, packte jedoch dann die Nuss mit dem Schnabel und warf sie erbost gegen seinen Betreuer. Zeigte sich dieser seinerseits verärgert, versuchte der harmoniebedürftige Alex die Wogen der Erregung mit einem „I’m sorry“ (Tut mir leid) zu glätten. Für seinen jüngeren Artgenossen Griffin brachte Alex dagegen weniger Verständnis auf. Wenn der weniger sprachbegabte Kollege undeutlich vor sich hinbrabbelte, wurde er von Alex mit einem scharfen „Talk clearly“ (Sprich deutlich) zu einer besseren Aussprache aufgefordert.

Aber Alex konnte noch viel mehr: Der Papagei, dem Wissenschaftler das Intelligenzniveau eines fünfjährigen Kindes bescheinigten, konnte bis sechs zählen, sieben Farben und fünf Formen unterscheiden, und zur Verblüffung der Wissenschaftler verstand Alex auch die Bedeutung der Zahl „Null“. Wenn er nämlich nach der Anzahl der Gegenstände, die auf dem Labortisch lagen, befragt wurde und dieser leer war, antwortete Alex korrekt „none“ (keiner).

Alex meisterte selbst schwierige Fragestellungen mit Bravour. Zeigte ihm seine Trainerin etwa drei rote und zwei blaue Schlüssel und befragte Alex anschließend nach der Anzahl der blauen Schlüssel, antwortete der gelehrige Papagei „zwei“. Und auch die Frage, was denn bei den Schlüsseln verschieden sei, beantwortete der Papagei vollkommen korrekt: „Die Farbe!“

Am Morgen des 6. September 2007 fand Irene Pepperberg Alex tot in seinem Käfig auf. Ein überraschender Tod, denn nur zwei Wochen zuvor hatte Alex seine jährliche Gesundheitskontrolle mit Bravour bestanden. Afrikanische Graupapageien können in Gefangenschaft normalerweise 60Jahre und älter werden. Sogar Alex’ letzte Worte sind überliefert: „Du bist ein guter Mensch, bis morgen. Ich liebe dich.“ Dieselben Worte, mit denen sich Alex jeden Abend von Irene Pepperberg verabschiedete, wenn diese das Labor verließ.

Die Forschung an Alex hat die Vorstellung, wie Vogelhirne arbeiten, revolutioniert. Hatte man in Forscherkreisen von der Leistungsfähigkeit der Denkorgane von Piepmätzen lange Zeit nicht allzu viel gehalten, gehen heute viele Wissenschaftler davon aus, dass die Intelligenz von Papageien oder Krähen mit der von Affen oder Delfinen vergleichbar ist.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.