Mamas & Papas

Dieses Jahr feiert Papa patriarchisch

Hajo Schumacher plant ein Weihnachtsfest mit Doppelkorn

Wir sind eine traditionsbewusste Familie. Deswegen bin ich seit 20 Jahren der Hausdepp, der Geschenke besorgt, Leckereien einkauft, den ganzen Firlefanz finanziert und sich zum Dank anhören darf, dass die Tanne nicht ökologisch genug war, die Geschenke zu mickrig ausgefallen sind und der gebratene Vogel auch am Leben hätte gelassen werden können. Nichts als Niederlagen und Demütigungen. Kein Wunder, dass ich unzufrieden bin. So geht das nicht weiter. Ab sofort bin ich wieder Chef. Und das Volk. Wir befehlen: Bei uns gibt’s dieses Jahr Dresdener Weihnachten. So wie früher. Für eine ordnungsgemäße Durchführung der Feierlichkeiten sorgt meine Selbsthilfegruppe PEgidA („Patriarchische Ernährer gucken in den Alkoholschrank“).

Ist doch wahr: Nie hat man seine Ruhe im eigenen Land, nicht mal beim Einkaufen. Haben diese Power-Shopper alle kein Zuhause? Die spinnen wohl, soviel Geld in der Stadt zu lassen. Wollen doch nur angeben. Sind wir Berliner eigentlich das Bethlehem Europas, wo jeder Esel seinen Luxusstall findet? Haut ab, zurück in eure Favelas nach Oslo und London und Stuttgart. Hier gibt’s nichts zu gucken und zu kaufen. Hier ist das christliche Abendland, hier wird nicht geteilt. Berlin den Berlinern.

So, jetzt müssen wir den Kindern nur noch beibringen, dass es keinen Tannenbaum gibt. Der kommt nämlich aus Osteuropa und wird von einem Holländer verkauft. Sollen wir rasch eine Fichte fällen im Tiergarten? Aber die Bäumchen dürften alle weg sein, wenn noch andere Familien dresdenerisch feiern. Die Enten an der Havel sollen auch schon verschwunden sein. Na gut, gibt’s eben Würstchen. Und Grünkohl. Der ist von hier. Wir wären früher froh gewesen. Der Verzicht auf italienischen Rotwein fällt schon schwerer. Egal. Echte Patriarchen können auch ohne Wein gute Laune haben, mit Doppelkorn zum Beispiel.

Geschenke fallen leider aus, weil unsere Paketboten einen Migrationshintergrund haben. Lego stammt aus Dänemark und der Elektronikkram aus China, weshalb der Gabentisch ziemlich leer bleibt. Immerhin: im Wald habe ich ein schönes Stück Holz gefunden. Ist doch ein tolles Geschenk für die Jungs. Was man damit alles machen kann. Das hat sonst keiner. Wir wären früher froh gewesen.

Nur die Chefin ist muffelig, weil es keinen Lachs gibt. Aber Lachse sind nun mal Ausländer, womöglich sogar irische. Halb Irland ist seit Jahrhunderten mit Migration beschäftigt, das wollen wir nicht unterstützen.

Wenn ich die Andeutungen aus dem Rest der Familie richtig interpretiere, werde ich am Heiligen Abend allein vorm Fernseher sitzen, mit Doppelkorn und einem kalten Würstchen – das Gas zum Kochen kommt ja aus Russland. Aber Einsamkeit kann einen patriarchischen Patrioten nicht erschüttern. Gucke ich mir eben noch mal in aller Ruhe die Aufzeichnung vom Weihnachtssingen aus Dresden an. Ist doch schön, wenn die Welt so übersichtlich ist.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Sandra Garbers.