Berliner helfen

Im Tandem zum Ausbildungsplatz

Ehrenamtliche „Hürdenspringer“ in Neukölln helfen Jugendlichen beim Schulabschluss und bei der Berufswahl

Lange wird Mahmoud nicht mehr zu Schule gehen. Aller Voraussicht nach wird der 16jährige im Sommer den Mittleren Schulabschluss in der Tasche haben. Was danach kommen soll, das weiß Mahmoud ganz genau: Er möchte eine Ausbildung als KFZ-Mechatroniker beginnen. Seit gut einem Jahr trifft sich der Schüler jeden Mittwochabend mit seinem Mentor Horst Schönig. Gemeinsam recherchieren sie nach passenden Stellen und verfassen Bewerbungsschreiben. „Mir hilft das sehr“, sagt Mahmoud. „Bevor ich Horst kennengelernt habe, kannte ich mich im Internet nicht gut aus. Auch von Textverarbeitung hatte ich nur wenig Ahnung.“

Der Architekt Horst Schönig aus Schöneberg und der Schüler aus Neukölln sind ein sogenanntes Tandem, das über das Projekt „Hürdenspringer+“ zueinander gefunden hat. Das Union Hilfswerk gründete die Initiative im Januar 2009; finanziert wird sie bisher vom Europäischen Sozialfonds, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Die Idee dahinter ist ganz einfach: Menschen, die erfolgreich im Berufsleben stehen, geben ihre Erfahrung an Jugendliche weiter, damit diese besser und sicherer in ihre eigene Karriere starten können. „Ich wollte mich gerne ehrenamtlich engagieren und zwar möglichst in einem Projekt, bei dem Chancengleichheit im Mittelpunkt steht“, sagt Horst Schönig. Über eine Freiwilligenbörse wurde er auf das Projekt „Hürdenspringer+“ aufmerksam. Mit Mahmoud trifft er sich in den Räumen des Unionhilfswerks am Karl-Marx-Platz. Die Gegend in Neukölln gilt als „Problem-Kiez“. Die Zahl der Schulabbrecher, der jugendlichen Arbeitslosen und auch der Menschen, die von Sozialleistungen abhängig sind, ist groß.

Auch wenn immer wieder über den Mangel an Auszubildenden berichtet wird - es gibt in Berlin viele Jugendliche, die keine Lehrstelle finden oder zumindest nicht die, die sie sich gewünscht haben. Auf dem Weg zum Ausbildungsplatz liegen viele Hürden. Eltern sind aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in der Lage, ihre Kinder beim Start ins Berufsleben zu unterstützen. Gerade bei Flüchtlingen oder bei Einwanderern, die noch nicht lange in Deutschland sind, herrscht oft Unsicherheit über den Zugang zum Arbeitsmarkt. Das duale Ausbildungssystem mit Berufsschule und praktischer Ausbildung im Betrieb existiert nur im deutschsprachigen Raum. Aufwändige Bewerbungsverfahren sind in anderen Teilen der Welt allenfalls für Akademiker, nicht aber für Schulabgänger, bekannt. „Horst hat mir oft ganz konkret gesagt, was ich in den Bewerbungen schreiben soll“, sagt Mahmoud. „Außerdem konnte ich ein Schülerpraktikum bei BMW machen, das er mir vermittelt hat. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht“.

Derzeit gibt es bei „Hürdenspringer+“ rund 60 der Tandems mit Mentoren und ihren Schützlingen, die Mentees genannt werden. 152 Jugendliche haben bereits an dem Programm teilgenommen. Mitunter trafen sich die Tandems jahrelang, so lange, bis die Jugendlichen ihre Ausbildungen abgeschlossen hatten. Die Mentoren sprechen mit den Mentees über ihre Stärken, Interessen und Fähigkeiten. Sie erarbeiten Bewerbungsunterlagen und bereiten auf Vorstellungsgespräche vor, unterstützen beim Führen des Berichtsheftes oder motivieren zum regelmäßigen Besuch der Berufsschule. Außerdem sind sie im Gespräch mit den Eltern, Lehrkräften und Ausbildern. 90 Prozent der Jugendlichen, die an dem Projekt teilnahmen, konnten später eine „tragfähige Anschlussperspektive erarbeiten“ wie es im Pädogenjargon heißt. Das bedeutet, dass sie ihren Platz auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt gefunden haben. Und nicht nur das. Die Projektleiterin Stefanie Corogil berichtet, dass sich viele der Jugendlichen später selbst in anderen Projekten engagieren.

Die Tandems werden von den fünf Mitarbeitern des Projektbüros zusammengestellt. „Dabei achten wir darauf, dass die Chemie stimmt. Manchmal ist ein wenig mehr Geduld oder Schlagfertigkeit gefragt“, sagt Stefanie Corogil. Ehrenamtliche wie Horst Schönig müssen vorab eine Weiterbildung absolvieren, aber auch die Jugendlichen nehmen vorab an Informationsveranstaltungen statt. „Es ist wichtig, dass beide Seiten wissen, was sie erwartet“, sagt Stefanie Corogil. „Deshalb wird gleich zu Beginn eine Mentorenvereinbarung getroffen.“ Die Jugendlichen und die Ehrenamtlichen verpflichten sich, mindestens ein Jahr zusammenzuarbeiten. Die regelmäßigen Treffen mit Horst Schönig lassen Mahmoud zuversichtlich in die Zukunft blicken. Der Schüler wurde bereits von der Firma Bombardier zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Bisher hat es zwar noch nicht mit dem gewünschten Ausbildungsplatz geklappt, mehrere Bewerbungen laufen derzeit noch. „Jeder, der solch eine Chance bekommt, sollte sie nutzen“, findet der Schüler. „Für mich war das auch wichtig, weil ich vorher in der Schule ziemlich faul war. Ich brauchte wirklich einen Anschubser von außen.“

Die Eltern der Jugendlichen sind bei einem ersten Treffen mit dabei. Die Mitarbeiter vom Unionhilfswerk sorgen auch dafür, dass die Mentoren in die Familie der Mentees eingeladen werden. „Die Integration findet so auf vielen Ebenen statt“, sagt die Projektleiterin, doch die öffentliche Förderung für das Projekt endet dieses Jahr. Ohne Spenden kann es nicht fortgesetzt werden.