Interview

Zu viel Spielzeug? Darüber wurde schon im Biedermeier diskutiert

Eine Historikerin über die Geschichte der Kinderzimmer

Die Bildungshistorikerin Nele Güntheroth leitet den Fachbereich Forschungskolleg bei der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Dort war sie auch verantwortlich für die Ausstellung „Wie Kinder in Berlin wohnen“, die das Stadtmuseum vor einigen Jahren gezeigt hat. Mit ihr sprach Anette von Nayhauß.

Berliner Morgenpost:

Seit wann gibt es überhaupt so etwas wie Kinderzimmer?

Nele Güntheroth:

Wir haben frühe Nachrichten aus dem 16. und 17. Jahrhundert, in denen von Kinderkammern oder -stuben die Rede ist. Das waren wohl reine Schlafkammern. Die Forderung nach eigenen Zimmern für Kinder kam Ende des 18. Jahrhunderts auf. Dabei muss man natürlich nach Schichten unterscheiden. Der Adel hatte immer Bereiche für die Kinder. Da ging es allerdings nicht darum, den Kindern einen Rückzugsraum zu geben, sondern um eine räumliche Trennung von den Eltern, die ja auch die Betreuung und Erziehung in die Hände von Kindermädchen und Hauslehrern gegeben haben.

Wann hat das Bürgertum Zimmer für die Kinder eingerichtet?

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kamen kolorierte Stiche in Umlauf, die Kinderzimmer zeigen. Zu sehen sind ein Kinderbett und Spielzeug, aber auch Spiegel in einer Höhe, in der Kinder sich gar nicht darin sehen können. Diese Zimmer sind eher ein verkleinerter Salon als ein wirkliches Kinderzimmer – und wohl auch eher Wunschbild als Realität. Die Erkenntnis, dass Kinder ein eigenes Zimmer brauchen, kam im Zuge der Aufklärung, die ja auch mit einer Pädagogisierung der Kindheit einher ging. Die Eltern begannen, sich mit den Bedürfnissen ihrer Kinder zu beschäftigen, und dazu gehörte es, kindgemäße Räume zu schaffen.

Für die Mehrheit der Kinder konnte davon aber keine Rede sein, oder?

Mit der Industrialisierung wurde die Produktion aus den Häusern in Werkstätten nach außen verlagert. Damit entstanden freie Räume, die sicherlich teils als Kinderzimmer genutzt wurden. Andererseits sorgte die Industrialisierung in den Städten für ein starkes Bevölkerungswachstum. In Berlin zum Beispiel lebten 1870 etwa 800.000 Menschen. Um 1900 waren es schon über eine Million mehr, die Bevölkerungszahl hatte sich innerhalb von 30 Jahren also mehr als verdoppelt.

Wie löste man das Problem?

In den Städten entstanden Mietskasernen, in denen die Wohnungen oft nur aus Stube und Küche bestanden, dort hausten mehrere Personen. Wo soll da ein Kinderzimmer sein? Eine Statistik eines Berliner Schularztes von 1906 zeigt: Nur eines von 6000 Kindern im Zentrum Berlins schlief im eigenen Zimmer, bei den meisten waren es drei oder mehr Personen. Der Spitzenwert waren neun Menschen, die in einem Zimmer schliefen. Da ging es nicht um ein eigenes Zimmer, sondern um ein eigenes Bett. 63 Prozent der Kinder schliefen damals zu zweit in einem Bett.

Um dem Elend in den Mietskasernen zu begegnen, kam es zum sozialen Wohnungsbau. Wurden damals die Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt?

Die Wohnungen, die die Wohnungsbaugenossenschaften in den 1920er- und 1930er-Jahren gebaut haben, hatten neben einem eigenen Bad oft auch ein kleines Zimmer für die Kinder. Der Zweite Weltkrieg brachte hier noch einmal einen Bruch. In den 1960er-Jahren entstanden im sozialen Wohnungsbau viele Wohnungen in West-Berlin – im Ostteil der Stadt hieß es „staatlicher Wohnungsbau“. Damals regelte die DIN-Norm 18001 die Stellflächen für Möbel und Öfen und auch die Flächen der Kinderzimmer: Für ein Kind durften 7,4 Quadratmeter nicht unterschritten werden, für zwei Kinder waren es 11,4 Quadratmeter, und es musste eine Spielfläche von mindestens 1,20 mal 1,80 Meter frei bleiben. Heute haben die meisten Kinder schon ein größeres Bett!

Sie haben heute oft auch das größte Zimmer der Wohnung, oder?

Wenn man heute über Bauen und Wohnen nachdenkt, gehört das Kinderzimmer unbedingt dazu. Aber das heißt nicht, dass jedes Kind einen großen Raum für sich hat. Wie es wirklich aussieht, wissen wir gar nicht genau. Das wird ja nicht systematisch beobachtet. Natürlich spiegelt das Kinderzimmer immer die gesellschaftliche und pädagogische Auffassung der Eltern wieder.

Die Kinderzimmer heute sind meistens mit Spielzeug geradezu überfrachtet.

Ach, diese Diskussion, wie viel Spielzeug zu viel ist, ist so alt wie das Kinderzimmer selbst. Das war schon im „Kindersalon“ der Biedermeierzeit Thema. Wie viel Spielzeug die Kinder haben, ist immer ein Aushandlungsprozess zwischen den Vorstellungen der Eltern und den Wünschen der Kinder. Da spielt auch der Konsumdruck eine Rolle. Kinder müssen mitentscheiden dürfen, denn sie brauchen ihre Welt. Das gilt heute noch mehr als früher, als die Kinder viel häufiger draußen gespielt haben und mit mehreren Geschwistern aufwuchsen. Heute geht das Kind in sein eigenes Zimmer.

Weil die Eltern Angst haben, ihre Kinder draußen spielen zu lassen.

Es gibt ja heute tatsächlich viel mehr Verkehr als früher, und es sind weniger vertraute Erwachsene in der Nähe, die mal nach den Kindern gucken. Weil Kinder kaum noch auf der Straße spielen können, ist eine ganze Gattung von Spielen ausgestorben. Sie wurden früher von einer Kindergeneration zur nächsten weitergegeben und kaum aufgeschrieben. Heute gibt es so viele organisierte Angebote. Außerdem nimmt die Zeit am Computer zu.

Kinder breiten sich mit ihren Sachen oft in der ganzen Wohnung aus. Wie wichtig ist das Kinderzimmer dann überhaupt noch?

Sehr wichtig. Natürlich suchen Kinder den Kontakt zu Erwachsenen. Aber sie brauchen auch Ruhe und die Möglichkeit, sich in eigene Beschäftigungen zu vertiefen. Vor einigen Jahren haben wir Grundschulkinder gefragt, welcher Gegenstand in ihrem Zimmer am wichtigsten ist. Die wenigsten nannten Spielsachen, über die Hälfte hat geantwortet: das Bett. Es ist ein Rückzugsort für sie, einer, an dem sie sich geborgen fühlen. So einen Ort brauchen die Kinder. Da ist es fast egal, wie klein oder groß das Kinderzimmer ist.