Berliner helfen

Die Chance auf eine Kindheit

Der Verein Straßenkinder kümmert sich um Kinder und Jugendliche am Rande der Gesellschaft

Wenn Eckhard Baumann von seinen alltäglichen Erlebnissen mit Kindern berichtet, könnte man annehmen, dass er von Waisenkindern in einem von Armut geprägten Land spricht - und nicht von Kindern, die in Berlin leben. Eckhard Baumann hat vor 14 Jahren den Verein Straßenkinder gegründet, der mit einem mobilen Beratungsfahrzeug am Alexanderplatz und anderen einschlägigen Plätzen versucht, Kinder und Jugendliche von der Straße zu holen oder zu verhindern, dass sie überhaupt dort landen. Bis zu 2500 Kinder und Jugendliche geraten in Deutschland jedes Jahr auf die Straße, mehrere hundert davon in Berlin, genaue Zahlen gibt es nicht.

Ein typisches Straßenkind-Schicksal ist der Fall der 14-Jährigen Jenny aus Lichtenberg „Letztes Jahr im Herbst lernte ich sie bei unserem Donnerstags-Frühstück am Alex kennen. Jenny wuchs bei ihrer Mutter und bei ihrem Stiefvater auf. Ihren leiblichen Vater kennt sie kaum. Als ihr Stiefvater, zu dem sie ein sehr gutes Verhältnis hatte, vor zwei Jahren starb, kam sie in ein Kinderheim, da sie mit ihrer Mutter nicht zurecht kam. Seit dem hatte sie keinerlei Kontakt mehr zu ihr. Jenny war seitdem in verschiedenen Heimen und Wohngruppen und landete schließlich auf der Straße“, erzählt Eckhard Baumann.

Das Mädchen kam regelmäßig zu dem Frühstück für Straßenkinder und fasste Vertrauen zu Baumann. Sie konnte überzeugt werden, wieder in ihre Wohngruppe und zur Schule zu gehen. Doch vor einem Monat bat Jenny dringend darum, abgeholt zu werden - sie war aus ihrer Wohngruppe geflogen. Gemeinsam mit dem Vormund gelang es Eckhard Baumann, sie über den Jugendnotdienst unterzubringen. „Außer mir hatte sie niemanden, den sie hätte anrufen können“, sagt der dreifache Vater.

Überforderte Mütter und Väter, zerbrochene Familienstrukturen, Drogenmissbrauch, Erkrankungen und mangelnde Bildung der Eltern sind die Ursachen für das Elend der Kinder. Vor vier Jahren hat der Verein Straßenkinder eine ehemalige Apotheke inmitten einer Plattenbausiedlung in ein Kinder- und Jugendhaus namens „Bolle“ umgebaut. „Wissen Sie, dass es in Deutschland Kinder gibt, die aufgrund von Hunger stehlen?“, fragt Eckhard Baumann und erzählt von drei Brüdern im Alter von elf, neuen und acht Jahren, die vor ein paar Tagen durch die Tür des Kinderhauses „geschossen“ kamen, dicht gefolgt von der Kassiererin des Supermarktes um die Ecke: „Die Jungs haben Junk-Food gestohlen!“, rief sie. Baumann bat sowohl die Verkäuferin, als auch die Delinquenten in sein Büro. Dort stellte sich heraus, dass die Jungen regelmäßig Essen klauten, weil ihr alleinerziehender Vater ihnen kein Frühstück macht. Baumann entschied: „Für den einen Tag gab es zur Strafe Hausverbot - aber in Zukunft Frühstück für die drei Brüder bei Bolle, gegen das Versprechen nicht mehr zu stehlen.“

Viele Kinder, die in dem Haus von 15 Pädagogen und Erziehern betreut werden, leben am Rand der Gesellschaft. Wie das neunjährige Mädchen, das mit ihrer fünfköpfigen Familie ohne Strom in einer Zwei-Zimmer-Wohnung lebt. Der Vater eines anderen Mädchen pendelt zwischen Deutschland und Polen als Zuhälter hin und her. „Kinder suchen sich ja ihre Eltern nicht aus - wir wollen diesen verlorenen Kindern eine Chance auf eine Kindheit geben“, sagt Baumann.

Bei Bolle gibt es nicht nur ein warmes, gesundes Mittagessen sondern vor allem auch „Futter“ für den Kopf und Zuwendung die Seele: gemeinsames Lesen und Spielen, Musizieren, Fußball- und Basketballspiele und Hilfe bei den Schularbeiten. „Wir müssen die Kinder stark machen, damit sie trotz ihres schlechten Starts eine Chance haben im Leben“, ist Eckhard Baumann überzeugt. Der Bedarf ist groß - nicht nur in Marzahn-Hellersdorf. Der Verein Straßenkinder plant einen 600 Quadratmeter-Anbau für das Kinder und Jugendhaus, der durch Spenden finanziert werden muss - wie die gesamte Arbeit des Vereins.

Weitere Informationen unter www.strassenkinder-ev.de