Tierfreund

Von Killertigern und Mörderkrokodilen

Dr. Mario Ludwig über menschenfressende Tiere und die Gründe, warum diese ihr übliches Beuteschema verlassen haben

Sie schreiben viel über Rekorde im Tierreich. Ich habe zu diesem Thema eine etwas makrabre Frage: Welches Tier hat die meisten Menschen gefressen? E. Becker, per E-Mail

Diesen makabren Rekord beansprucht eine Bengal-Tigerin für sich. Eine Tigerin, der innerhalb von gerade mal sieben Jahren 436 Menschen zum Opfer gefallen sind. Damit tötete die Tigerin, die als „Champawat-Menschenfresserin“ in die Geschichte einging, mehr Menschen als jedes andere Tier zuvor oder danach.

Begonnen hatte die Tigerin ihr Terrorregime 1900 im westlichen Nepal. Nachdem die Raubkatze dort innerhalb weniger Jahre über 200 Menschen getötet hatte, wurde sie von der nepalesischen Armee in einer gigantischen Treibjagd über die Grenze nach Indien in die Provinz Kumaon getrieben, wo ihr weitere 236 Menschen zum Opfer fielen. In Kumaon waren die Menschen bald derart verängstigt, dass sie oft tagelang nicht mehr ihre Häuser verließen. Erst der berühmte britische Großwildjäger Jim Corbett konnte die Menschenfresserin 1907 aufspüren und töten. Eine Untersuchung der getöteten Tigerin brachte dann auch an den Tag, warum die Raubkatze auf Menschenjagd gegangen war: Ihre Reißzähne waren so stark beschädigt, dass sie damit kaum noch zubeißen konnte. Sie hatte wohl die Jagd auf ihre natürliche Beute wie Antilopen und Hirsche deshalb aufgegeben, weil ihr das Kauen des festen Fells und zähen Fleisches dieser Tiere nicht mehr möglich war, und sich daher unglücklicherweise der „zarteren“ Beute Mensch zugewandt.

Aktueller Rekordhalter in Sachen „Menschen verzehren“ ist ein Nilkrokodil namens Gustave, das schon fast 30 Jahre lang im Ruzizi - Nationalpark in Burundi sein Unwesen treibt. Unbestätigten Angaben zufolge sollen schon über 300 Menschen dem mit Abstand größten Krokodil Afrikas zum Opfer gefallen sein. Gustave, ein gepanzerter Riese von sechs Metern Länge und einem Gewicht von über einer Tonne, soll, so schätzen Krokodilexperten, mindestens 65 Jahre alt sein. Das Durchschnittsalter von Nilkrokodilen liegt bei 45 Jahren.

Die wirkliche Anzahl von Gustaves Opfern ist Gegenstand vieler, teilweise erbittert geführter Diskussionen. Während viele Einheimische berichten, die Zahl von 300 Opfern sei untertrieben, glaubt so mancher Krokodilforscher nicht daran, dass ein einziges Krokodil für eine derart hohe Zahl von Todesfällen verantwortlich sein kann.

Die Gründe, warum Gustave zum Menschenfresser wurde, liegen im Dunkeln. Eine bei Wissenschaftlern beliebte Erklärungsmöglichkeit ist die „Ersatztheorie“, die von der Tatsache ausgeht, dass die Bevölkerung im Ruzizidelta in den vergangenen Jahren zugenommen hat, während die Wildbestände dank hemmungsloser Bejagung drastisch reduziert wurden. Was läge da näher als die Vermutung, dass Gustave seine Nahrungsgewohnheiten an die zur Verfügung stehende Beute angepasst hat. Vielleicht hängt Gustaves fatale Vorliebe für Menschenfleisch aber auch mit den zahllosen Opfern des blutigen Bürgerkriegs in der Demokratischen Republik Kongo zusammen, deren Leichen oft achtlos in den Ruzizi-Fluss geworfen wurden und dort mit Sicherheit den Speisezettel der ansässigen Krokodile ergänzten. Nach einer anderen Theorie sind es die ungewöhnliche Größe und das gewaltige Gewicht, die Gustave daran hindern, schnell bewegliche Tiere wie Fische oder Antilopen zu erbeuten, weshalb er sich auf schwerfälligere Beutetiere wie kleine Nilpferde oder auch Menschen spezialisiert hat.

Natürlich haben viele Jäger, aber auch Soldaten mit allen Mitteln versucht, das „Mörderkrokodil“ zu erlegen oder lebend zu fangen. Aber alle derartigen Versuche waren nicht von Erfolg gekrönt. Auch heute noch wird Gustave ab und an im Ruzizi-Fluss gesichtet. Menschen sind dem Krokodil jedoch in letzter Zeit keine mehr zum Opfer gefallen. Die Menschen in den Dörfern am Ruzizi glauben den Grund zu kennen: „Offensichtlich ist Gustave im Alter milde geworden“.

Bei all den Diskussionen um „Killertiger“ und „Mörderkrokodile“ sollten wir indes eine Tatsache nicht aus den Augen verlieren: Uns Menschen sind viel mehr Krokodile und Tiger zum Opfer gefallen als umgekehrt. Der größte Killer ist und bleibt der Mensch.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.