Kinderzimmer

20er

Wo ihr Bett stand, wie das Zimmer aussah: Das weiß Johanna Thürmann nicht mehr so genau. Es ist so lange her und doch eigentlich egal, findet sie.

Viel wichtiger ist, dass ihre Eltern sie auf die höhere Schule geschickt haben. Das war in den 1920er-Jahren keine Selbstverständlichkeit für Mädchen. Und dann suchten ihre Eltern auch noch eine Reformschule aus, auf der Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet wurden. „Das war damals sehr ungewöhnlich“, sagt Johanna Thürmann. Stolz klingt in ihrer Stimme mit, wenn sie darüber spricht.

Johanna Thürmann ist 98 Jahre alt. Als sie geboren wurde, gab es in Deutschland einen Kaiser, der Erste Weltkrieg war noch nicht vorbei. Zwei Söhne hatten ihre Eltern schon, als die Mutter mit dem dritten Kind schwanger wurde. Die Familie lebte in einer Zweizimmer-Wohnung in Gesundbrunnen, erst fünf Jahre zuvor waren die Eltern aus Danzig nach Berlin gekommen. „Sehr arm“ seien ihre Eltern gewesen. Beide waren Schneider, aber als die Kinder kamen, nähte die Mutter nur noch für die Familie. Und sie stickte, das fällt Johanna Thürmann wieder ein, als sie ein Küchentuch mit Kreuzstich entdeckt. „Ohne Fleiß kein Preis“ steht darauf, und für einen Moment sitzt sie wieder in der Familienküche, der Vater nähend im Schneidersitz auf dem Tisch. „Genau diesen Spruch hat meine Mutter auf einen Vorhang gestickt“, erinnert sie sich.

Zwei Zimmer für die ganze Familie

Das Küchenhandtuch mit dem Kreuzstich-Spruch gehört zur Museumswohnung der Gewobag in Haselhorst. So originalgetreu wie möglich wollte das Berliner Wohnungsunternehmen die Wohnung wieder herrichten, um zu zeigen, wie es dort direkt nach dem Bau in den 1930er-Jahren aussah. Zwei Zimmer, Küche, Bad auf 45 Quadratmetern waren für eine Familie mit zwei Kindern vorgesehen. In der Museumswohnung allerdings steht kein Kinderbett: Stattdessen wurde das größere Zimmer als Wohnzimmer, das kleinere als Schlafzimmer eingerichtet. Der Blick in die Wohnstube mit Samtsofa, Spitzendeckchen und Vitrinenschrank für das Sonntagsgeschirr weckt bei Johanna Thürmann keine Kindheitserinnerungen: „Nein“, sagt sie, „für so eine Einrichtung hatten meine Eltern gar nicht genügend Geld.“

Vielleicht auch deshalb war die gute Stube in ihrem Zuhause nicht nur den Sonn- und Feiertagen vorbehalten. „Zum Klavierüben musste ich ja hinein“, sagt die alte Dame und lacht. Musik sei den Eltern wichtig gewesen. Als sie acht Jahre alt war, bekam sie Klavierunterricht. Ob sie in der Wohnung auch Kinderspiele gespielt hat? „Ich kann mich gar nicht erinnern, wir waren doch immer im Hof.“ Riesengroß sei der gewesen, und beim Sarghändler habe ein großer Handkarren gestanden: „Dort saß ich auf der Spitze und war der Kapitän.“ Wenn sie das Wetter doch nach drinnen zwang, setzte sie ihr Spiel in der Küche fort, wo sie an den Knäufen der Schubladen drehte, um ihr Schiff sicher durch die Wellen zu bringen.

Die Küche ist auch bei ihrem Besuch in der Haselhorster Museumswohnung der Ort, an dem sie ihre Kindheit und Jugend wiederfindet. Ein historischer Herd in der Kochnische, ein Holztisch und ein großes Küchenbuffet: „So ähnlich sah es bei uns aus“, sagt sie. Wie in der Museumswohnung lebte die Familie lange in zwei Zimmern, in einem schliefen sie und ihr Bruder, der älteste Sohn der Familie war kurz nach Johannas Geburt an der Grippe gestorben. Ob die Eltern im Wohnzimmer schliefen, daran kann sie sich nicht erinnern. Dass das zweite Zimmer als Wohnzimmer genutzt wurde, weiß sie hingegen sicher. Und als sie zwölf Jahre alt war, zog die Familie ohnehin in eine größere Wohnung. Jetzt gab es ein Zimmer nur für die Kinder, in dem sie spielen konnten, zum Beispiel mit der Puppe, die ihr Onkel für sie gemacht hatte. Aber das, winkt Johanna Thürmann ab, sei doch wieder nicht so wichtig. „Ich hatte eine schöne Kindheit, weil ich tolle Eltern hatte.“

Die Haselhorster Museumswohnung der Gewobag ist am letzten Sonntag im Monat von 14.30 bis 16.30 Uhr geöffnet, im Dezember jedoch nicht. www.gewobag.de/museumswohnung