Mamas & Papas

Fliegende Rentiere und Männer im Kamin

Sandra Garbers über das Kinderrecht auf weihnachtliche Legenden

Kürzlich spielte die Tochter mit ihrer besten Freundin im Kinderzimmer. Die beiden hatten die Tür hinter sich zugemacht, um in Ruhe heimlich Tictacs zu essen. Hin und wieder hörte ich ein Lachen. Dann ging plötzlich die Tür auf. Meine Vierjährige kam mit sehr ernstem Gesicht heraus. „Mama, es gibt doch den Weihnachtsmann, oder?“, fragte sie. „Maja hat gesagt, es gibt keinen.“ Ihre Freundin Maja ist zwei Jahre älter. Sie geht schon zur Schule und ist ziemlich abgeklärt. Vor kurzem hat sie meiner Tochter erzählt, dass es den lieben Gott nicht gibt und dass man auf gar keinen Fall in den Himmel kommt, wenn man gestorben ist, sondern unter der Erde liegt und langsam verrottet.

Okay, jetzt also der Weihnachtsmann. Ich finde, eine Vierjährige sollte noch an den Weihnachtsmann glauben dürfen. Außerdem kommen ihre dreijährigen Cousinen am Heiligabend zu uns, meine Tochter würde ihre neuen Erkenntnisse sofort weitergeben. Und die Dreijährigen sie dann in ihrer Kita. Und die in der Kita an ihre kleineren Geschwister. Ich musste diese Eskalation stoppen.

Also: „Na klar gibt es den Weihnachtsmann, wer bringt denn sonst die Geschenke?“, versuchte ich es. „Der kommt durch den Kamin, wenn du gerade nicht da bist.“ – Tochter: „Aber wir haben doch gar keinen Kamin.“ – Ich: „Das stimmt zwar, aber bei den Leuten, die keinen Kamin haben, kommt er durch den Schornstein.“ Jetzt schaltete sich Maja ein: „Meine Mama sagt, es gibt keinen Weihnachtsmann, und die Geschenke kaufen die Erwachsenen.“ Dieses kleine Biest. Ich: „Also ich kaufe nix.“ Meine Tochter sah mich erschrocken an, Maja war nun verunsichert. „Ja, oder das Christkind bringt Heiligabend die Geschenke.“ Majas Eltern kommen aus Süddeutschland und finden diesen amerikanisierten Weihnachtsmann schrecklich. Ich: „Das Christkind? Das ist nicht größer als der hier.“ Ich zeigte auf meinen anderthalbjährigen Sohn, der mit seinen blonden Löckchen tatsächlich ein bisschen aussieht wie das Christkind. „Wie soll so ein kleines Wesen denn all die Geschenke tragen?“ Die beiden Mädchen dachten nach. „Gibt es denn den Nikolaus?“, fragte meine Tochter. Maja: „Der ist schon lange tot“. Grrrrrr.

Ich stellte mir vor, wie Maja nach Hause kam und ihren Eltern vom Weihnachtsmann und dem Nikolaus erzählte. Und wie die dann sofort mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen kamen, nach denen es höchst unwahrscheinlich sei, dass Rentiere fliegen können. Oder ein übergewichtiger alter Mann durch einen Schornstein passt.

Und dann erzählte ich den beiden Mädchen, dass es sowohl den Weihnachtsmann als auch das Christkind gebe. Aber weil das Christkind ja noch so klein sei, bräuchte es die Hilfe vom starken Weihnachtsmann. Für dieses Jahr haben sie es mir geglaubt. Und nächstes Jahr muss ich mich einfach besser auf Weihnachten vorbereiten.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher.