Tierfreund

Warum fressen fleischfressende Pflanzen eigentlich Fleisch?

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Dr. Mario Ludwig über Photosynthese, Nahrungsergänzungsmittel, pflanzliches Parfum und Käse in der Klappfalle

Fleischfressende Pflanzen sind ja immer ein bisschen geheimnisumwittert. Für uns Menschen ist es ziemlich ungewöhnlich, dass eine Pflanze sich von Tieren ernährt, denn normalerweise ist das genau umgekehrt. Da stellen sich gleich mehrere Fragen: Welche Tiere werden gefressen? Wie fangen festsitzende Pflanzen ihre beweglichen Opfer? Und die vielleicht wichtigste Frage: Warum frönen „Carnivore Pflanzen“, wie es wissenschaftlich korrekt heißt, überhaupt der Fleischeslust?

Die meisten fleischfressenden Pflanzen ernähren sich von kleinen Tieren wie Insekten oder Spinnen. In den Tropen gibt es aber auch einige wenige Arten, die es gerne eine Nummer größer haben. Nepenthes rajah, so der wissenschaftliche Name einer fleischfressenden Kannenpflanzenart, die nur in einem kleinen Gebiet der Insel Borneo vorkommt, ist eine von zwei fleischfressenden Pflanzen, die sich auch mal ein kleines Säugetier zu Gemüte führt. Möglich machen dies ihre vergleichsweise riesigen Blätter, die zu sehr effektiven, kannenähnlichen Fallgruben umgewandelt wurden. Die Fallen enthalten mehrere Liter Verdauungssaft, in dem ihre Opfer bis hin zur Größe einer Ratte ertrinken und anschließend verdaut werden. Ihre Beute locken die Pflanzen dabei mit Duftstoffen an, die angenehm nach süßem Nektar, aber auch nach Aas riechen können. Die fleischfressenden Pflanzen arbeiten mit fünf verschiedenen Fallentypen. Es gibt Klebfallen, Klappfallen, Reusen, Gleit- und Saugfallen. Das Prinzip der Falle ist jedoch stets das gleiche: Das Beutetier wird mit der Falle (zum Beispiel bei der bekannten Venusfliegenfalle mit einer Klappfalle) gefangen und von Verdauungssäften zersetzt. Der durch diesen Vorgang entstandene Nahrungsbrei wird dann von der Pflanze aufgenommen. Vom Insekt bleibt nur der unverdauliche Chitinpanzer übrig.

Aber warum fressen die Pflanzen überhaupt Tiere? Dazu muss man wissen: Fleischfressende Pflanzen ernähren sich nicht ausschließlich von Tieren, sondern betreiben wie andere „normale“ Pflanzen auch Photosynthese. Will heißen, dank des Blattfarbstoffs Chlorophyll sind sie in der Lage, die Energie des Sonnenlichtes nutzbar zu machen und Kohlendioxid und Wasser in Sauerstoff und den wichtigen Nährstoff Traubenzucker umzuwandeln. Fleischfressende Pflanzen haben ein ganz anderes Manko: Sie leben oft auf stickstoffarmen Böden, wie wir sie zum Beispiel in Mooren finden. Pflanzen sind jedoch dringend auf Stickstoff angewiesen, um im Körper Eiweiße – unersetzliche Grundstoffe des Lebens – zu produzieren. Im Moorboden ist jedoch, wie gesagt, Stickstoff Mangelware. Um über die Runden zu kommen, brauchen fleischfressende Pflanzen daher stark stickstoffhaltige Nahrungsergänzungsmittel in Form von Tieren.

Im Labor kann man einer fleischfressenden Pflanze auch gerne anstatt einer Fliege ein Käsestückchen geben – oder sie einfach gut mit einem stickstoffhaltigen Dünger düngen. Auch mit dieser „Ersatznahrung“ kann eine fleischfressende Pflanze gut überleben.

Weltweit gibt es etwa 1000 verschiedene Pflanzenarten, die Tiere verspeisen – in Deutschland sind es aber gerade mal 13 Arten an fleischfressenden Pflanzen, die hier existieren. Alle Arten stehen unter strengem Naturschutz. Aber fleischfressende Pflanzen werden auch im großen Stil in Gärtnereien gezüchtet, deshalb kann man sie völlig legal in vielen Gartencentern kaufen, wobei die Haltung für einen Laien nicht ganz einfach ist.

Auf gar keinen Fall sollte man versuchen, die Pflänzchen aus reinem Spaß an der Freude bis zum Abwinken mit Fliegen zu füttern. Was zu viel ist, ist zu viel. Das gilt auch für fleischfressende Pflanzen. Wer seiner Venusfliegenfalle ab und an ein winziges Stückchen Käse oder ein Bröckelchen Fleisch mit der Pinzette verabreicht, tut mehr als genug, um die Nährstoffbilanz seines beblätterten Zöglings auszugleichen.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt. Wenn Sie eine Frage an unseren Kolumnisten haben, schreiben Sie eine E-Mail an familie@morgenpost.de .