Tierfreund

Können Vögel auch den Mount Everest überqueren?

Dr. Mario Ludwig über Flugrekorde von Zug- und anderen Vögeln und ihre Fähigkeit, sich auch bei extremer Kälte und in dünner Luft zu behaupten

Zumindest eine Vogelart kann nachweislich den höchsten Berg der Welt überqueren: die Streifengans. Streifengänse wurden bereits mehrfach beim Flug über den Mount Everest beobachtet. Bei der Streifengans handelt es sich um eine unserer Graugans sehr ähnliche Gänseart, die in Zentral- und Südasien zu Hause ist und dort, in Gefangenschaft, auch gerne als Haustier gehalten wird.

In großen Höhen fliegen zu können, ist für Streifengänse ausgesprochen wichtig. Die Vögel, die ihren Namen den beiden schwarzen Streifen seitlich am Kopf verdanken, müssen nämlich gleich zweimal im Jahr das höchste Gebirge der Welt, den Himalaya, überqueren. Und zwar immer dann, wenn sie zwischen ihren Brutgebieten in der Mongolei und im tibetischen Hochland und ihren Überwinterungsgebieten im deutlich wärmeren Indien wechseln. Allerdings meiden die Streifengänse dabei die ganz hohen Gipfel und fliegen lieber, wenn es möglich ist, durch Täler, auch wenn sie dabei große Umwege in Kauf nehmen müssen. Herausgefunden hat man dies, indem man rund 100 Streifengänse mit GPS-Geräten ausgerüstet hat, die bei der Himalaya-Überquerung der Vögel kontinuierlich Messdaten lieferten. Diese Messdaten zeigten klar, dass die Streifengänse in 95 Prozent aller Fälle unterhalb einer Höhe von 5500 Metern bleiben. Auf die größte gemessene Höhe brachte es eine Streifengans über dem Königreich von Buthan – immerhin stolze 7290 Meter.

So ganz genau hat man noch nicht herausgefunden, wie die Vögel es schaffen, mit der bitteren Kälte zurecht zu kommen und vor allem auch der extrem dünnen, sauerstoffarmen Luft, die in über 8000 Meter Höhe herrscht. Die Wissenschaft vermutet, dass spezielle Anpassungen in der Lunge und in den roten Blutkörperchen für dieses „Hochleistungsfliegen“ verantwortlich sind. Übrigens sind neben Streifengänsen auch noch andere Vogelarten durchaus in der Lage, hohe Berge zu überwinden. In über 6500 Metern Höhe hat man schon Kraniche, Adler und sogar Stockenten gesichtet. Den Vogel schossen aber Alpenkrähen ab, die schon wiederholt am 7920 m hohen Südsattel des Mount Everest beobachtet wurden, wo sie sich von Abfällen der Bergsteiger ernähren, aber sich auch – und jetzt wird es makaber – an den Leichen von tödlich verunglückten Bergsteigern gütlich tun. So hat man einmal in 8160 m Höhe die Leiche eines Bergsteigers gefunden, die sehr wahrscheinlich von Alpenkrähen angeknabbert worden war. Und auch noch eine weitere Vogelart könnte, zumindest rein theoretisch, locker den Mount Everest überfliegen, nämlich der Sperbergeier. Diese Vögel, die mit einer Flügelspannweite von fast zweieinhalb Metern zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt gehören, halten nämlich mit einer Flughöhe von exakt 11.280 Metern den absoluten Höhenflugweltrekord im Tierreich.

Woher man das weiß? 1973 prallte ein Sperbergeier im Himmel über der Elfenbeinküste mit einem Passagierflugzeug zusammen. Als der geschockte Pilot beim Aufprall auf seinen Höhenmesser schaute, stellte er fest, dass die Kollision einer Höhe von 11.280 Metern stattgefunden hatte. Allerdings wird ein Sperbergeier dennoch nie den Mount Everest überfliegen können. Sperbergeier leben nämlich ausschließlich in Afrika. Und das ist vom Mount Everest, der ja bekanntlich in Asien liegt, doch ziemlich weit entfernt. Kürzlich haben amerikanische Wissenschaftler in einem Laborexperiment gezeigt, dass sogar Hummeln dank einer speziellen Flugtechnik theoretisch den Mount Everest überfliegen könnten. In der Praxis dürfte das jedoch nicht funktionieren. Dazu ist es dort einfach viel zu kalt. Hummeln kommen erst bei 10 °C auf Betriebstemperatur. Auf dem Mount Everest herrschen aber Minusgrade. Außerdem ist so eine Hochgebirgsüberquerung für eine Hummel viel zu anstrengend. Dazu reicht die Energie des kleinen Insekts bei weitem nicht aus.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt ab sofort an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt. Wenn Sie oder Ihr Kind eine Frage an unseren Kolumnisten haben, schreiben Sie eine E-Mail an familie@morgenpost.de . Rechtsexperte Dr. Max Braeuer beantwortet auf der Ratgeberseite Ihre Fragen.