Berliner helfen

Ehrenamt statt Ruhestand

Beim „Berliner Beratungsdienst e.V.“ helfen Senioren Jüngeren

Ausschlafen, Dauerurlaub, Faulenzen: Für die einen ist das ein Traum-Ruhestand, für Joachim Hesse und seine Kollegen dagegen ein Graus. Nach offiziellem Eintritt in den Ruhestand arbeitet der frühere Firmeninhaber voller Tatendrang weiter: Sein Wissen und seine Routine aus einem halben Jahrhundert Berufserfahrung stellt er zusammen mit über einem Dutzend Gleichgesinnten beim „Berliner Beratungsdienst e.V.“ (bbd) jüngeren Menschen zur Verfügung – ehrenamtlich. Inzwischen ist der Großvater von zwei Enkeln sogar Vorsitzender des Vereins, der über die immowelt.de-Initiative „Verändere Deine Stadt“ günstige Büros und Läden für junge Start-Ups sucht.

Joachim Hesse war als Diplom-Ingenieur jahrzehntelang Betriebsleiter und Geschäftsführer, 15 Jahre lang hatte er seinen eigenen Betrieb. Seine Frau freute sich auf die gemeinsame Zeit nach dem Ende des aktiven Geschäftslebens. Doch ihr Mann hatte andere Pläne: Statt ein ruhiges Rentnerleben zu führen, will der 72-Jährige seine Erfahrung weitergeben – als Vorsitzender des „Berliner Beratungsdienstes“. Der Verein bietet Menschen, die eine Firma gründen wollen, kompetente Beratung an. Doch statt dafür viel Geld zu verlangen, arbeiten die über ein Dutzend Wirtschafts-Oldies ehrenamtlich.

„Guter Rat ist teuer – aber nicht bei uns“, betont Joachim Hesse, dessen Vereinskollegen allesamt ehemalige Führungskräfte oder Unternehmer sind. Sie geben Tipps für eine Existenzgründung, unterstützen bei Problemen im laufenden Betrieb und bieten Schulungen an. Zudem bemühen sie sich auch bei der Suche nach einem passenden Standort und hoffen, über „Verändere Deine Stadt“ günstige Büros und Geschäftsräume für junge Gründer zu finden.

Auch Banken vertrauen auf die Rentner

Das Vereins-Credo „Alt hilft Jung“ kommt an: „Seit der Gründung 1987 betreute unser Verein rund 5.600 Ratsuchende“, bilanziert Joachim Hesse stolz. „Daraus resultierten über 2.500 Existenzgründungen mit 3.000 Arbeitsplätzen.“

Wer auf die Tipps der ergrauten Wirtschaftsprofis setzt, kann viel Geld sparen, was gerade am Anfang besonders wichtig ist. Die Beratungsstunde für Existenzgründer in dem schlichten Ladengeschäft in Neukölln kostet nur 25 Euro, das erste Gespräch ist sogar kostenlos. „Auf dem freien Markt werden Stundensätze von 75 bis 100 Euro aufwärts verlangt“, weiß der Vereinsvorstand. Geld verdienen die Senioren durch ihre Beratung nicht: „Unsere Einnahmen reichen gerade für Miete, Benzingeld und Büroutensilien“, sagt Joachim Hesse.

Die Arbeit der Unternehmenssenioren ist in höchsten Fachkreisen anerkannt. Auch Banken und die Job-Center verlassen sich auf die Erfahrung der Vereinsmitglieder. Sie lassen Business-Pläne von den Senioren – unter ihnen Produktionstechniker, Einzelhändler, Immobilien-Experten und Maschinenbauer – überprüfen, bevor sie einer Finanzierung oder der finanziellen Unterstützung eines Projekts zustimmen.

Die Entscheidung, ob jemand eine positive oder eine negative Beurteilung bekommt, machen sich die Männer und Frauen im Un-Ruhestand nicht leicht. Fünf bis sechs Stunden investieren sie jeweils in eine Bearbeitung: „Wir legen manchen Kandidaten auch nahe, auf ihre Pläne zu verzichten, wenn die Voraussetzungen und das Umfeld für das Vorhaben nicht stimmen“, beschreibt Hesse seine Arbeit und die der Kollegen.

Für den Erfolg der Ratsuchenden checkt Joachim Hesse selbst im Urlaub täglich seine E-Mails. „Es wäre ja schlimm, wenn jemand wegen mir eine Frist nicht einhalten könnte. Wir haben einen Ruf zu verlieren“, erklärte der gewissenhafte Vorstand. Seine Ehefrau ist von dem wöchentlichen 25-Stunden-Einsatz allerdings nicht allzu begeistert. „Andererseits ist sie auch glücklich, wenn ich glücklich bin. Deshalb toleriert sie mein Engagement.“

Existenzgründer werden kritisch befragt

Von den Erfahrungen der Erfahrenen profitieren auch Elke Dornbach (37) und Nadia Massi (44) von der Bioase44 in Neukölln. Im Internet waren die beiden auf den bbd gestoßen, weil sie Hilfe bei der Erstellung ihres Business-Plans gebraucht hatten. Ihr Projekt: eine Kombination aus Café und Lebensmittelladen, bei dem man Mitglied werden und so verbilligt einkaufen kann. Joachim Hesse und sein Kollege Jörg Boshold waren skeptisch: „Wir waren uns nicht sicher, ob so etwas funktionieren kann.“ Nadia Massi erinnert sich: „Die Termine bei ihm waren nicht ohne. Wir wurden ganz schön auseinandergenommen. Aber es war eine gute Vorbereitung für das Gespräch mit der Bank.“

Inzwischen gibt es die Bioase44 über anderthalb Jahre und sechs Berliner haben dort einen Job gefunden. Die beiden Frauen können eine rundum positive Bilanz ziehen: „Wir leben seit einem Vierteljahr selbstständig ohne staatliche Unterstützung, und alles, was an Produkten in unserem Laden steht, ist bezahlt.“

Als Dankeschön haben sie ihre Berater eingeladen. „Auf diesen Kaffee freue ich mich ganz besonders, es ist der schönste Lohn, wenn unser Wissen der nächsten Generation weiterhilft“, sagt Joachim Hesse. Um noch mehr jungen Gründern zu helfen, sucht der bbd immer mal wieder Räume zu erschwinglichen Preisen. Wer einen hat, kann sich über www.veraendere-deine-stadt.de mit Joachim Hesse und seinen Kollegen in Verbindung setzen.

Nähere Infos: www.bbdev.de