Rheuma

„Jedes zweite Kind kommt später zu uns, als wir uns das wünschen“

Interview mit der Kinderrheumatologin Dr. Kirsten Minden

Dr. Kirsten Minden ist Kinder- und Jugendrheumatologin an der Charité und am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum Berlin. Wir sprachen mit ihr über Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der Krankheit.

Berliner Morgenpost:

Wie viele Kinder sind in Berlin von Rheuma betroffen?

Dr. Kirsten Minden:

Was das reine Gelenkrheuma – Fachbegriff: Juvenile idiopathische Arthritis – betrifft, schätzen wir die Zahl betroffener Kinder in Berlin auf etwa 500 bis 600. Darüber hinaus gibt es noch eine große Anzahl anderer rheumatischer Erkrankungen, aufgrund derer Kinder in den kinderrheumatologischen Ambulanzen der großen Krankenhäuser Buch, Friedrichshain und Charité behandelt werden.

Was sind die Ursachen von Rheuma im Kindesalter?

Heute geht man davon aus, dass dem Gelenkrheuma eine Regulationsstörung im körpereigenen Abwehrsystem zugrunde liegt. Eine genetische Empfänglichkeit und äußere Faktoren tragen dazu bei, dass das Abwehrsystem sich nicht wie gewünscht gegen eingedrungene Krankheitserreger richtet, sondern auch gegen körpereigene Strukturen wie die Gelenkinnenhaut oder das Auge. Diese Strukturen werden dann zum Ziel von körpereigenen Abwehrzellen, die dort Entzündungen auslösen.

Man liest immer wieder von Rheuma als Nachwirkung einer Kinderkrankheit oder eines Infektes. Wie sehr müssen sich Eltern davor fürchten?

Es kommt relativ selten vor, dass Kinder auf einen Infekt mit einer Gelenkentzündung reagieren. Diese Gelenkentzündung ist dann in der Regel harmlos und heilt meist nach zwei bis vier Wochen folgenlos wieder aus. Der „Hüftschnupfen“ ist hierfür ein typisches Beispiel, es können aber auch andere Gelenke betroffen sein. Klingt die Gelenkentzündung allerdings nicht innerhalb von sechs Wochen ab, muss auch an Gelenkrheuma gedacht werden.

Heißt das, ich sollte mein Kind, wenn es einen Hüftschnupfen gehabt hat, grundsätzlich aufmerksamer beobachten?

Nur, wenn solche kurzzeitigen Entzündungen öfter auftreten. Dann sollte man das Kind einem Kinderrheumatologen vorstellen.

Man hört immer wieder, dass die Kinderärzte Rheuma nicht erkennen und die Kinder deshalb zu spät behandelt werden...

Wir wissen aus Studien, dass die Kinder mit Gelenkrheuma heute wesentlich früher einem Rheumatologen vorgestellt werden als noch vor einigen Jahren. Aber es wird durchaus auch heutzutage noch zu spät daran gedacht. So kommt jedes zweite Kind später zu uns, als wir uns das wünschen. Das heißt, vom Auftreten des ersten Symptoms bis zur Erstvorstellung beim Kinderrheumatologen vergehen mehr als die angestrebten sechs bis acht Wochen.

Wann müssen Eltern aufhorchen?

Wenn bei relativem Wohlbefinden des Kindes an einem Gelenk eine Schwellung besteht, die länger als vier bis sechs Wochen anhält, dann sollte man an Rheuma denken. Ein Problem ist, dass Gelenkrheuma häufig bei Kleinkindern auftritt, bei denen Gelenkschwellungen nicht immer leicht zu erkennen sind und die eher nicht über Schmerzen klagen. Vielmehr nehmen die Kinder schmerzentlastende Schonhaltungen ein und vermeiden bestimmte Bewegungen. Je nachdem, welche Gelenke erkrankt sind, fällt auf, dass die Kinder weniger toben als sonst, hinken, anders greifen und Schwierigkeiten beim Anziehen oder anderen Alltagsbewegungen haben. Diese indirekten Schmerzäußerungen können erste Hinweise auf Rheuma sein. An eine seltene Art von Rheuma ist auch bei Hautausschlägen und Fieber unklarer Ursache zu denken. Bei älteren Schulkindern können Fersen- oder tiefsitzende Rückenschmerzen wegweisend sein.

Wie kann man durch Rheuma ausgelöste Beschwerden von harmlosen unterscheiden? Viele Kinder leiden ja zum Beispiel unter Wachstumsschmerzen auch in Gelenken.

Schmerzen sind nicht das hervorstechendste Merkmal bei Gelenkrheuma. Kinder mit Gelenkrheuma geben häufig wenig oder gar keine Schmerzen an. Sie haben nicht nachts, sondern eher morgens Beschwerden. Man spricht von einer so genannten Morgensteifigkeit, die Kinder müssen sich erst „warm laufen“. Ganz anders ist das bei den harmlosen Wachstumsschmerzen. Diese treten in erster Linie abends und nachts auf. Morgens sind die Kinder wieder fit und bewegen sich völlig unauffällig.

Wie stark müssen sich Kinder mit Gelenkrheuma körperlich schonen?

Da haben sich die Empfehlungen gegenüber früher komplett geändert. In akuten Krankheitsphasen wird zwar vorübergehend von sportlichen Aktivitäten und Schulsport abgeraten und alternativ Krankengymnastik empfohlen. Ansonsten gilt aber, dass auch rheumakranke Kinder aktiv sein und alles machen sollen, was ihnen Spaß macht. Es gibt zunehmend Belege dafür, wie positiv sich Sport auf das Wohlbefinden der Kinder und die Prognose der rheumatischen Erkrankung auswirkt. Nicht umsonst ist Sport inzwischen ein integraler Bestandteil der Behandlung rheumakranker Kinder.

An welche Ansprechpartner können sich Eltern wenden, bei deren Kind die Diagnose Rheuma gestellt wurde?

Eltern können bei der Deutschen Rheumaliga, speziell den Elternkreisen rheumakranker Kinder, Rat und Unterstützung finden. Auch die Deutsche Kinderrheuma- Stiftung (www.kinder-rheumastiftung. de) und die kinderrheumatologische Fachgesellschaft bieten auf ihren Webseiten viele Informationen über die Erkrankung und sogar eine Versorgungslandkarte, auf der man wohnortnahe Behandlungszentren finden kann (www.gkjr.de).