Tierfreund

Können Riesenschlangen wirklich Menschen verspeisen?

Dr. Mario Ludwig über maßlose Übertreibungen, wahre Gruselgeschichten und das flexible Schlangenmaul

„15 Meter - Anakonda verschlingt brasilianisches Schulkind“: Wir alle kennen diese Schlagzeilen, die regelmäßig in der Regenbogenpresse auftauchen. Wie aber sieht es in der Realität aus? Können Pythons oder ihre südamerikanischen Verwandten, die Anakondas, tatsächlich einen Menschen überwältigen und verschlingen?

Von den 70 uns bekannten Riesenschlangenarten sind allein von ihrer Größe her gerade mal vier in der Lage, zumindest einen kleinen Menschen „am Stück“ herunterzuschlucken, nämlich die sogenannten „Big Four“: Anakonda, Netzpython, Tigerpython und Nördliche Felspython. Alles Arten, die zumindest mit einzelnen Exemplaren schon einmal die Sechs-Meter-Marke überschritten haben. Nimmt man allerdings die nicht gerade zahlreichen Fälle, in denen Riesenschlangen Menschen angegriffen haben, mal etwas genauer unter die Lupe, wird schnell klar, dass die Gefahr, die von Riesenschlangen für Menschen ausgeht, meist gewaltig übertrieben wird und schon fast an Hysterie grenzt.

Es darf jedoch nicht verschwiegen werden, dass es im Laufe der Jahre zu ganz wenigen, aber gut dokumentierten und durch glaubhafte Zeugenaussagen bestätigten Situationen gekommen ist, in denen tatsächlich Menschen von Riesenschlangen getötet und verschlungen wurden. Gerade Kinder sind schon mehrfach Pythons oder Anakondas zum Opfer gefallen. 1979 wurde zum Beispiel in Südafrika ein 13-jähriger Hirtenjunge von einem über viereinhalb Meter langen Felsenpython attackiert und verspeist. Als später Dorfbewohner wütend mit Stöcken auf die durch ihre Mahlzeit grotesk aufgeblähte Schlange, einschlugen würgte diese die Leiche des Jungen, die bereits stark eingespeichelt war, wieder hervor.

Zu einer weiteren gut dokumentierten „menschlichen Schlangenmahlzeit“ kam es neun Jahre später auf der philippinischen Insel Mindoro. Dort hatten Jäger 1998 im Dschungel einen etwa sieben Meter langen Netzpython mit ungewöhnlich prall gefülltem Leib entdeckt. Nachdem die Filipinos die gigantische Schlange getötet und ihren Körper aufgeschnitten hatten, machten sie eine gruselige Entdeckung: Im Verdauungstrakt des Reptils befand sich, inmitten schleimiger Verdauungssäfte, ein erwachsener Mann, der von seinen Verwandten am Tag zuvor als vermisst gemeldet worden war. Die Haut des Opfers war bereits stark von der Magensäure verätzt. Am linken Fuß fanden sich Bissspuren.

Aber wie schafft es eigentlich eine Riesenschlange mit ihrem doch relativ kleinen Maul, einen so riesigen Brocken, wie ein Mensch nun einmal ist, am Stück herunterzuschlucken? Die Antwort auf diese Frage ist vergleichsweise simpel: Riesenschlangen verfügen über zwei ausgesprochen flexible Unterkiefer. Unterkiefer, die sie einfach aus dem Oberkiefer aushängen können und die dadurch dem Schlangenmaul eine ungeheure Flexibilität verleihen. Nach der Mahlzeit genügt ein herzhaftes Gähnen – und schon sitzt alles wieder am richtigen Platz.

Übrigens: Berichte über Riesenschlangen, deren Länge 15 oder gar 20 Meter und mehr betragen haben soll, sind mehr als zweifelhaft. „Offizieller“ Rekordhalter und als solcher auch im Guinness-Buch der Rekorde geführt ist immer noch ein zehn Meter langer Netzpython, der 1912 in Celebes gefangen wurde. Beim Weltrekordler handelt es sich nicht etwa um ein besonderes stattliches Männchen, sondern um ein Weibchen. Das ist für Schlangenexperten keine Überraschung: Bei Riesenschlangen können die Herren der Schöpfung in der Regel nämlich bei Länge und Umfang in den seltensten Fällen mit ihren Weibchen mithalten.

Die „New York Zoological Society“ hat übrigens bereits vor über 50 Jahren eine Prämie von 50.000 US-Dollar für denjenigen Schlangenjäger ausgelobt, der den Mitgliedern dieser Gesellschaft eine lebende Riesenschlange von mehr als 30 Fuß (9,14 m) Länge präsentiert. Eine Summe, die heute noch darauf wartet, abgeholt zu werden.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt. Senden Sie Ihre Fragen an familie@morgenpost.de .