Mamas & Papas

Zum Teufel mit der Regenjacke

Hajo Schumacher über überflüssige Handy-Kommunikation

Wir sind eine digitale Familie. Alle haben ein Handy, weil alle anderen auch ein Handy haben. Außer Hans. Mit 9 braucht man kein Handy. Hans sieht das natürlich anders. Denn ohne Handy ist er einsam in der Schule. Nie wird er mitten in die Mathearbeit hinein angerufen, weil eine besorgte Mutter mitteilen muss, dass auf ihrer Wetter-App die Regenwahrscheinlichkeit um dramatische drei Prozent gestiegen ist, weshalb das Kind bitte die Regenjacke anlegen möchte, die aber dummerweise zu Hause hängt, was wiederum der Vater wissen lässt, der auf „cc“ gesetzt ist. Fazit: Das Kind muss sich selbst helfen, was vermutlich auch ohne Handy passiert wäre. Zuvor aber steht ein Besuch beim Direktor an, weil das Mobiltelefon im Unterricht bimmelte. Die Wartezeit vorm Lehrerzimmer vertreibt der Schüler sich mit geSMSten Unschuldbeteuerungen an die Eltern, die wiederum einen nicht ganz unaggressiven Dialog darüber führen, wer heute morgen die Regenjacke vergessen hat. Alle abgelenkt, alle stinkig, aber wieder zwei Dutzend SMS abgesetzt. Man will ja seine Flatrate ausnutzen. Kurzum: Mit einem Handy lässt sich der Vormittag wunderbar rumkriegen, ohne ernsthafte Tätigkeiten verrichten zu müssen. Warum nur mögen die Matheleistungen schlechter werden in der digitalen Wissensgesellschaft?

Zu einsamer Meisterschaft in digitaler Zeitvernichtung hat es unser Großer gebracht. Neulich kam er wieder mal entrüstet nach Hause. „Treffpunkt 13 Uhr, U-Bahn Hallesches Tor“, hatte die Nachricht eines Kumpels gelautet, der Hilfe beim Zusammenstecken schwedischer Latten brauchte, die im Idealfall eine Art Wohnungseinrichtung ergeben. Leider hatte Karl seinen Akku leergesimst, weshalb er nicht mitbekam, dass der Treffpunkt verlegt worden war, man sich dafür aber erst um 14 Uhr einfinden möge.

Das ist ja das Tolle an mobiler Kommunikation: Man kann Pläne jederzeit ändern, am besten im letzten Moment, weil jemand anderes seine Pläne auch geändert hat. Der digitale Irrsinn entfaltet erst in der Kettenreaktion seine ganze Schönheit, weil alle denken, man könne ja spontan noch was Optimaleres machen. So verwandeln sich Zusagen in Optionen. Was im klassischen Schnurtelefonat in fünf Minuten zuverlässig verabredet worden wäre, braucht in mobilen Zeiten ein ganzes Wochenende. Zuerst treffen sich die jungen Menschen an einer zentralen U-Bahn-Station, wo alle mit ihren Freunden mailen, um die Optimalste aller Partys zu finden, die leider in Berlin-Buch steigt. Noch während der Fahrt gehen Nachrichten ein, dass niemand mehr in Buch sei, weil die beste Party im Z-Klub steigt, in Mitte. Also zurück nach Mitte, während ein Kumpel mailt, dass bei Andis Geburtstag die Post abgeht, in Spandau. Der Abend endet in einem Buswartehäuschen bei Dosenbier. Statt wenigstens einer mittelmäßigen Party gab es stundenlang BVG. Immerhin brauchte der Junge keine Regenjacke.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Sandra Garbers.