Berliner helfen

Neue Fahrräder für Neukölln

Berliner helfen e. V. unterstützt die Jugendverkehrsschule mit 4.500 Euro. Trotzdem bleibt die Zukunft des Projekts ungewiss

Sie sehen aus wie eine Fußballmannschaft in ihren orangefarbenen, nummerierten Leibchen. Doch statt auf dem Fußballplatz zu sein, sitzen die Schüler der Schule am Zwickauer Damm im Klassenraum der Jugendverkehrsschule Neukölln. Die Leibchen tragen sie, damit sie beim Fahrradfahren später gut sichtbar sind.

Roswita Zohm steht vorne an der Tafel. Sie unterrichtet aber nicht Mathe oder Deutsch, sondern erklärt den Kindern, welche Verkehrszeichen was bedeuten und wie man sich mit dem Fahrrad auf der Straße verhält. Drei bis vier Schulklassen unterrichtet sie am Tag. Erst theoretisch an der Tafel, dann praktisch auf dem Übungsgelände der Jugendverkehrsschule Neukölln im Heideläuferweg 11. „Wer kennt dieses Verkehrszeichen?“, fragt Zohm. Hände schießen in die Luft. „Das ist das Stopp-Zeichen, da muss man bremsen!“ „Und dann, was macht man dann?“ Jetzt sind die Gesichter der Schüler ratlos. „Wollt ihr vom Fahrrad fallen?“, hilft Frau Zohm den Zwölf- und 13-Jährigen auf die Sprünge. „Ach so, man muss einen Fuß auf den Boden stellen, damit man nicht umkippt“, kommt es von allen Seiten.

Die Straße ist gefährlich. Vor allem für Kinder, die mit dem Fahrrad unterwegs sind. In der Jugendverkehrsschule können sie auf speziell eingerichteten Plätzen mit Ampeln, Zebrastreifen und Verkehrsschildern üben und auch die Fahrradprüfung ablegen. Unterstützt werden die Kinder von pädagogisch geschulten Mitarbeitern wie Roswita Zohm.

Siegfried Müller, 82, war Polizeibeamter. Seit 1978 ist er für die Verkehrsschulen in Neukölln verantwortlich. Auch nachdem er 1993 in Pension ging, kümmerte er sich weiterhin darum - ehrenamtlich. „Ich habe gesagt, ich mache das nur in Uniform und ohne Geld. So kann ich auch meinen Mund aufmachen.“ Jetzt, nach fast 40 Jahren, kann er mit gutem Recht sagen: „Das ist mein Lebenswerk“.

Das Bezirksamt kommt für die Fixkosten des Grundstücks und Büromaterial auf. Der Rest finanziert sich durch Spenden und Sponsoren auch von Berliner helfen e.V. Mit 4.500 Euro, der Hälfte des Erlöses aus dem Britzer Mühlenfest, kann die Verkehrsschule sich neue Fahrräder kaufen. Die andere Hälfte des Erlöses aus dem Britzer Mühlenfest geht an den Verein „Kinder in Gefahr“.

„Es gibt hier einen immensen Verschleiß“, erklärt Müller. Pro Jahr üben 28.000 Kinder mit den Fahrrädern. Außerdem müssen immer Helme, Miniaturverkehrszeichen und weiteres Material angeschafft werden. 700 Euro pro Monat sind notwendig, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Im Herbst 2005 gründete Müller den „Förderverein der Jugendverkehrsschulen Neukölln e.V.“. Die Mitglieder unterstützen die Verkehrsschulen nun so gut es geht.

Trotzdem steht das Projekt alle zehn Monate zur Disposition. Siegfried Müller braucht für die Schulen im Heideläuferweg und im Wörnitzweg je vier Mitarbeiter. Er bildet sie sechs Wochen lang aus. „Sie müssen geeignet sein für die Arbeit mit Kindern und es muss eine gewisse Kontinuität herrschen, damit Vertrauen entstehen kann“, erklärt Müller. Doch diese Kontinuität zu schaffen ist fast unmöglich, da die Mitarbeiter meist Arbeitslose sind, die vom Jobcenter geschickt werden. Sie arbeiten für 1,50 Euro die Stunde und werden vom Jobcenter bezahlt. Bleiben können sie maximal zehn Monate, das ist so geregelt. „Jedes Jahr um diese Zeit muss ich also wieder neue Mitarbeiter suchen.“

Ende des Jahres wird Siegfried Müller zurücktreten. Er hatte seinen Sohn als nachfolgenden Projektleiter vorgesehen. Doch dieser verunglückte tödlich bei einem Motorradunfall vor zwei Jahren. Wenn Siegfried Müller in dieser schweren Zeit nicht sein Team gehabt hätte, das ihn unterstützte, hätte er schon damals aufgegeben, sagt er. „Die Politik ist sich einig, dass die Verkehrsschulen unterstützt werden müssen, doch den Worten folgen keine Taten“, so seine Kritik. Siegfried Müller könnte schon längst seinen Ruhestand genießen, doch sein Ehrenamt liegt ihm am Herzen: „Vergiss niemals, Freund und Helfer zu sein. Das hat man mir schon auf der Polizeischule gesagt.“

In Berlin gibt es insgesamt 25 Jugendverkehrsschulen. Anfang dieses Jahres wurden zwei Jugendverkehrsschulen in Mitte geschlossen. Wenn Siegfried Müller aufhört, droht den Verkehrsschulen in Neukölln vielleicht ein ähnliches Schicksal.