Kommentar

Muss das sein?

Beatrix Fricke über Loom-Armbänder und was uns ein Trend über Modeerscheinungen und Gruppendruck beibringen kann

Erst waren es nur die Mädchen. Dann auch die Jungs. „Max und Finn tragen jetzt auch Loom Bands“, verkündete Valerie atemlos, als sie neulich aus der Schule kam. „Und Luis hat gesagt, dass die Packung bei Nanu Nana nur 95 Cent kostet! Und dass die da ganz tolle Farben haben! Mama, können wir da auch hingehen?“

Ich reagierte etwas verwirrt. Loom-Bänder – das waren doch diese knallbunten Gummiringe, die meine Töchter, zehn und acht Jahre alt, vor den Sommerferien von einem Stadtbummel mit Papa mitgebracht hatten. Vielleicht ein paar Stunden hatten die Kinder damit verbracht, aus ihnen Armbändchen zu weben, „das ist jetzt voll angesagt, Mama!“ Die fertigen Schmuckstücke und das restliche Rohmaterial landete dann schnell im Regal, neben Lillifee-Dosen, Hello-Kitty-Blöcken, Fußball-Sammelbildchen, Filly-Pferden und anderen Must-haves aus der Vergangenheit. Bis Max, Finn und Luis dem Trend im Klassenzimmer neues Leben einhauchten.

Tausende Eltern stellen sich derzeit wohl die Frage, die sie sich schon bei anderen Modeerscheinungen gestellt haben: Muss das sein? Brauchen meine Kinder auch diese Dinger, die angeblich alle haben? Und wo wird das hinführen? Vor ihrem geistigen Auge erscheinen Mädchen, die als Teenager ihr komplettes Taschengeld in kunterbunte Schminke investieren, und Jungs, die aberwitzig teure Sneakers fordern – mit denselben Argumenten, die sie schon bei den Loom-Bändern benutzt haben. Haben jetzt alle. Machen jetzt alle. Muss sein. Wer nicht in ist, ist out.

Was also tun? Ich bin für Gelassenheit. Meist ist es ja so, dass Eltern nur abwarten müssen. Was heute angesagt ist, ist in vier bis sechs Wochen schon wieder vergessen, und das Begehren nach den bisweilen recht kostspieligen Gegenständen und Aktivitäten hat sich von selbst erledigt. Erst recht, wenn Erwachsene auf den Trend aufspringen. In Sachen Loom-Bänder machen mir Prominente Hoffnung. Inzwischen trägt Miley Cyrus die bunten Gummi-Armbänder, Kate Middleton tut es, auch David Beckham und sogar der Papst. Eigentlich eine schöne Sache. Denn es ist zu bezweifeln, dass sie die Dinger selbst herstellen. Kinder sind es, die die Erwachsenen mit den Armbändern beschenken, und wer würde schon ein barsches „Nein, danke!“ in ein freudig-erwartungsvolles Kindergesicht schleudern? Ich nicht, sage ich, und rücke mein neuestes blau-lila Schmuckstück zurecht, das ich von der Achtjährigen überreicht bekommen habe. Die moderne Version des Freundschaftsbändchens, ein nettes Zeichen der Verbundenheit.

Gleichzeitig beschleicht mich der Verdacht, dass die Erwachsenen die Moden, über die sie so gern stöhnen, selbst mit befeuern, indem sie ihnen jede Menge Aufmerksamkeit schenken. Es gibt kaum eine Gazette, die nicht über den Sommertrend berichtet hat. Und das nicht selten mit moralischem Zeigefinger. Geschäftemacherei und Umweltverschmutzung sind nur zwei Stichworte. Ach, ich gönne dem Erfinder der original „Rainbow Loom Bands“, dem Maschinenbauer und Familienvater Cheeong Choon Ng aus Michigan, seinen Reichtum. Die Bändchen, die er vor vier Jahren samt Webrahmen entwickelt hat und die seitdem einen Siegeszug um die Welt angetreten haben, haben ihn zum Millionär gemacht. Nun entwickelt der findige Mann ein Spielset, mit dem man Figuren aus den Gummis fertigen kann. Dafür muss er sich mit Nachahmern herumschlagen und mit Experten, die vor den Gefahren warnen, die manche der Gummiprodukte für Kleinkinder und die Umwelt bergen sollen. Es bestehe Erstickungs- und Strangulationsgefahr, im Silikon könnten sich gefährliche Weichmacher befinden, neue Abfallberge wüchsen, so die Kritiker. Das mag ja sein. Aber gilt das nicht auch für viele der anderen Plastikteile, die sich in den Kinderzimmern häufen?

Ich vertraue darauf, dass meine Kinder selbstbewusst genug sind, sich nicht von jeder neuen Modewelle hinweg tragen zu lassen, und dass sich Angebot und Nachfrage von allein regeln. So, wie ich es aus meiner eigenen Kindheit kenne. Den Zauberwürfel? Wollte ich natürlich unbedingt haben. Genauso wie diese dicken Jojos, mit denen wir in jeder Pause spielten. Monchichis dagegen, diese japanischen Stoffäffchen mit dem Knautschgesicht, fand ich hässlich und Tamagotchis lästig – obwohl viele aus meiner Klasse ihre virtuellen Küken hingebungsvoll pflegten.

Und manchmal führen Modetrends ja auch zu tollen Nebeneffekten. Als ich kürzlich die Kinder aus der Schule abholte, stolperte ich vor dem Werkraum über einen Haufen Jungs, vor sich einen Berg Loom-Bänder. Man entwickle gerade eine Handyhülle, erklärten sie mir wichtig, das sei jetzt sogar Thema im Unterricht. Toll, sagte ich und erinnerte mich an den Elternabend, bei dem die Lehrerin „Handarbeit“ und „Fahrradreparatur“ angekündigt hatte. Die Jungs wollte sie mit Schrauberei motivieren, die Mädchen sollten häkeln lernen. Ich grinste. Hatte es da einen Rollentausch gegeben? In dem Moment schoss meine Tochter um die Ecke. Sie strahlte und hielt mir ihre Hände hin. „Boah, die riechen voll nach Gummi!“, rief sie aus. Ich schnupperte. Der Geruch stammte eindeutig nicht von Loom-Bändern. Es roch nach Reifen und Öl. Richtig: Die Mädchen hatten Fahrradschläuche geflickt, während die Jungs sich fürs Weben entschieden hatten. Was früher als peinlich gegolten hätte, war jetzt cool. Danke, Mister Cheeong Choon Ng.