Tierfreund

Sind Faultiere eigentlich wirklich faul?

Dr. Mario Ludwig über die ungewöhnliche Lebensweise des zotteligen Säugetiers und den Sinn seines energiesparenden Verhaltens

Wenn man Faultiere beobachtet, könnte man auf diese Idee kommen: „Bloß keine Hektik, kein Stress bitte, erst mal gaanz langsam“, das scheint das Lebensmotto der Säugetiere mit dem zotteligen Fell zu sein. Tagelang hängen die Tiere nahezu regungslos im Geäst von Bäumen herum. Lediglich ab und an greifen sie sich, wie in Zeitlupe, mit ihren langen Armen ein paar Blätter, die sie dann, ebenfalls in Zeitlupe, fressen. Ansonsten schlafen sie und lassen sich durch so gut wie nichts in ihrer vermeintlichen Lethargie stören.

Sogar die Paarung von Faultieren erfolgt hoch oben im Geäst, in der für die Faultiere so typischen Slow-motion-Lebensweise. Der einzige Grund, warum Faultiere ihren Baum ab und an verlassen, ist trivial: Sie müssen auf die Toilette gehen. Das machen Faultiere etwa alle ein bis zwei Wochen. Dazu steigen die Tiere gemächlich vom Baum herunter, verrichten ihr Geschäft und vergraben selbiges sorgfältig.

Allerdings ist „aufs Klo gehen“ für Faultiere eine beschwerliche und auch sehr gefährliche Tätigkeit. Faultiere können sich am Boden nämlich lediglich mit einer Geschwindigkeit von 0,15 Stundenkilometern fortbewegen, da sie nicht auf allen Vieren gehen , sondern sich am Boden nur mit ihren Armen „vorwärtsziehen“ können. Den Faultieren fehlt im Gegensatz zu anderen Vierbeinern ein kräftiger Trizepsmuskel, mit dem sie ihren Körper hochstemmen könnten. Dafür ist bei Faultieren der Bizeps, also der Muskel, der sie in ihrer Hängeposition hält, überdimensional entwickelt. Und derart exponiert und langsam sind Faultiere ein leichtes Opfer für große Raub-säuger wie den Jaguar. Warum die Faultiere für den Toilettengang ihren schützenden Baum verlassen, hat die Wissenschaft bisher noch nicht herausgefunden.

Aber zurück zum Thema Faulheit. Eigentlich gilt ja: Alles in der Natur hat seinen Sinn. Aber worin liegt der Sinn, faul im Baum zu hängen, anstatt munter im Geäst rumzuturnen wie die Affen? Stopp, sagt da die Wissenschaft: Mit Faulheit hat die Lebensweise der Faultiere überhaupt nichts zu tun. Faultiere sind nicht faul, sie sind nur langsam. Und das ist ein großer Unterschied. Die Langsamkeit ist sogar ein regelrechtes Erfolgskonzept: Hoch oben in den Baumwipfeln hat das Faultier eine Nische gefunden, die kein anderes Tier nutzen will. Es ernährt sich dort von den extrem nährstoffarmen Blättern der Baumkronen. Blättern, die von allen anderen Tieren mangels ausreichenden Nährstoffgehalts als Futterquelle verschmäht werden. Aber um mit dieser nährstoffarmen Kost zurecht zu kommen, bedarf es eines äußerst energiesparenden Verhaltens. Ein Verhalten, das dem Faultier durch seine bewegungsarme Lebensweise geradezu auf den Leib geschrieben ist. Zusätzlich verschwenden Faultiere auch keine unnötige Energie, um ihre Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Ganz untypisch für ein Säugetier senkt das Faultier seine Körpertemperatur völlig problemlos um bis zu acht Grad, sobald die Umgebung abkühlt. Das heißt, nach einer kühlen Nacht müssen sich die Faultiere in die Morgensonne hängen, um auf „Betriebstemperatur“ zu kommen.

Und ihre Langsamkeit bietet den Faultieren noch einen weiteren, geradezu überlebenswichtigen Vorteil: Durch ihre bewegungsarme Lebensweise, aber auch durch ihr durch Algenbesatz moosgrün gefärbtes Fell sind Faultiere bestens getarnt und für Fressfeinde kaum auszumachen. Allerdings kann ein Faultier durchaus auch anders: Wird es attackiert, ist ganz schnell Schluss mit gemütlich. Dann schlägt das vermeintlich langsamste Säugetier der Welt, ohne lang zu fackeln, blitzschnell mit den langen, scharfen Krallen seiner Vorderbeine zu. Und das kann für einen Gegner ziemlich schmerzhaft werden.

Übrigens: Faultiere haben nicht, wie oft behauptet wird, den längsten Schlaf im Tierreich. Faultiere schlafen zwar in Gefangenschaft stolze 16 Stunden am Tag. Aber Weltrekordler sind sie damit noch lange nicht: Den Weltrekord hält der Koala. Der australische Beutelbär verpennt sogar rund 20 Stunden des Tages.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt ab sofort an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt. Wenn Sie oder Ihr Kind eine Frage an unseren Kolumnisten haben, schreiben Sie eine E-Mail an familie@morgenpost.de . Rechtsexperte Dr. Max Braeuer beantwortet künftig auf der Ratgeberseite Ihre Fragen.