Jugend

Spieglein, Spieglein an der Wand...

... wer ist die Schönste in unserer Klasse? Ungeschminkt in die Schule: Für viele junge Mädchen ist das undenkbar. Wie Eltern damit umgehen und was Experten sagen

Mittwochnachmittag, halb drei, ein Drogeriemarkt in der Wilmersdorfer Straße. Vor dem Kosmetikregal stehen drei Teenager, die Schultasche umgehängt, aufwendig geflochtene Haare, und begutachten das Angebot. „Süüüüß“ finden sie den leuchtendgelben Nagellack. Eine von ihnen nimmt einen Eyeliner aus dem Regal, legt ihn zurück und sagt: „Eigentlich benutze ich ja nur Mascara.“ Die Freundin versucht, sie zum Kauf zu überreden: „Eyeliner betont voll schön deine Augen!“

Die drei entdecken ein Werbeposter, auf dem eine „Germany’s Next Top-Model“-Teilnehmerin für Mascara wirbt: „Das ist Jolina“, sagt eins der Mädchen andächtig, die Wimperntusche aber findet sie „voll teuer, 9,95 Euro. Ich frag’ meine Mutter, ob sie mir die kauft.“

Unwahrscheinlich ist es nicht, dass die Mutter die zehn Euro herausrückt. Der Umsatz mit Kosmetik steigt, was nicht zuletzt an den jüngeren Kundinnen liegt. Die ersten kommen schon in der Grundschule mit Mascara oder Lidschatten in den Unterricht, ab der siebten oder achten Klasse nimmt die Zahl zu. Und bei den 15-, 16-Jährigen gibt es kaum noch ein Mädchen, das sich nicht zumindest ab und zu schminkt. Im Jahr 2009 zeigte eine Verbraucherstudie: Fast die Hälfte (47 Prozent) der 12- bis 15-Jährigen benutzen regelmäßig Kosmetik.

Bei den 16- bis 19-Jährigen sind es sogar 62 Prozent. Von ihren Müttern haben sie sich das allerdings kaum abgeschaut: Nur 41 Prozent aller Frauen benutzen regelmäßig Make-up, am häufigsten Lippenstift oder Lipgloss und Mascara. Das ist das Make-up, das sie auch ihren Töchtern erlauben. „Gegen Lipgloss und Wimperntusche habe ich gar nichts einzuwenden“, sagt Bettina, 44, Mutter einer 13-Jährigen. „Für Rouge oder Lidstrich finde ich sie einfach noch zu klein.“

Geschminkt, aber nicht zu sehr: Darauf lassen sich die meisten Mütter ein. Auch die von Tanisha und Kathi, 12. Die beiden Achtklässlerinnen kennen sich gut aus mit dem Thema Schminken. In die Schule aber dürfen sie nur mit Mascara und Labello. Tanishas Mutter hat Kajal verboten, „das findet sie für junge Leute nicht so schön“, sagt die Tochter. Kathi darf erst mit Rouge und Puder in die Schule, wenn sie 14 ist, und nur, wenn sie nicht aussieht „wie in den Tuschkasten gefallen“, erzählt sie.

Wie in den Tuschkasten gefallen

„Du siehst ja aus wie in den Tuschkasten gefallen“: Das ist eine Formulierung, die schon die Mütter zu hören bekamen, als sie ihre ersten Erfahrungen mit Lippenstift und Lidschatten machten. Eine, bei der sie damals genervt mit den Augen rollten und die sie jetzt trotzdem verwenden, weil sie die Dinge so schön auf den Punkt bringt. Aber toleranter als ihre eigenen Eltern wollen sie eben trotzdem sein. Und deshalb ist die Frage in den meisten Familien heute längst nicht mehr, ob sich 12- oder 13-Jährige überhaupt schminken dürfen. Sondern nur noch wann und wie viel.

Und wie lange sie dafür morgens das Bad blockieren dürfen. Wenn ihre Tochter morgens länger im Bad brauche, komme der ganze Zeitplan durcheinander, sagt eine Mutter, 45. Auch Tanishas Vater, sonst sehr entspannt, ist wenig begeistert, wenn seine Tochter morgens stundenlang vor dem Spiegel steht: „Er sagt eigentlich nie etwas dazu, wenn ich mich schminke“, sagt die Zwölfjährige. „Nur wenn ich morgens zu lange brauche, fragt er, ob es nicht ein bisschen schneller geht.“

Die Eltern wissen schon, warum sie das Morgenritual vor dem Schminkspiegel lieber noch ein bisschen hinauszögern wollen – Erfolg haben sie dabei aber nicht immer: „Zum Teil schminken sich die Mädchen schon in der sechsten oder siebten Klasse“, hat die Psychotherapeutin Inés Brock festgestellt, die sich in ihren Forschungen auch mit der weiblichen Identitätsbildung beschäftigt hat. Die öffentliche Wahrnehmung, was Weiblichkeit betrifft, sei ein wichtiger Grund für die frühe Eitelkeit. Die Mädchen gucken Fernsehsendungen wie „Germany’s Next Top-Model“, auf Instagram oder Facebook sehen sie Fotos einer perfekt gestylten Selena Gomez oder Demi Lovato. Und auf dem Schulklo die gut gefüllten Make-up-Täschchen der anderen Schülerinnen. Von Gruppendruck spricht Inés Brock: „Gerade bei Mädchen in dem Alter werden die Gruppenbeziehungen ganz stark durch Ausgrenzen bestimmt. Wer sich nicht an die Gruppe anpasst, darf nicht dabei sein.“

Das erzählen auch Tanisha und Kathi: „Wenn eine nicht geschminkt ist, reden die anderen darüber. Und wenn sie zu doll geschminkt ist, lästern sie“, sagt Kathi. Fast alle Mädchen in der Klasse tragen Make-up. Aber sie selbst machen nicht nur deshalb mit, weil sie sich unter Gruppenzwang fühlen, versichern sie: „Gibst du da was drauf?“, fragt Kathi ihre Freundin. „Nö, oder? Da geben wir beide nichts drauf.“ Nur weil sie sich dann schöner fühlen, stehen sie morgens vor dem Spiegel, sagen sie: weil die Augen größer wirken, weil sie dann nicht so müde aussehen und, klar, weil sie ein bisschen älter aussehen wollen. Nicht für die Jungs, sagen sie, da sind sie nicht einmal sicher, ob die das wirklich gut finden: „Manche mögen es ja eher, wenn man natürlich aussieht“, sagt Kathi.

Inés Brock hat in ihren Studien sogar beobachtet, dass „die gleichaltrigen Jungen es eher als bedrohlich empfinden, wenn sich die Mädchen mit ihrer Aufmachung älter machen als sie sind“. Was vielleicht auch daran liegt, dass ihnen die Mädchen in der körperlichen Reife in dem Alter ohnehin voraus sind: Während mit zwölf Jahren schon mehr als jedes Fünfte, mit 13 Jahren sogar die Hälfte der Mädchen die erste Periode hatten, hat der Stimmbruch erst bei jedem zehnten zwölfjährigen Jungen eingesetzt, bei den 13-Jährigen ist es jeder dritte.

Viel früher dran als die Eltern sind sie damit nicht. Das Eintrittsalter in die Pubertät ist zwar seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts um etwa zwei Jahre gesunken. Allerdings hat es sich in den 70er- und 80er-Jahren bei einem Durchschnittswert von 12,5 bis 13 Jahren eingependelt, wie der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey 2007 feststellte. Seither ist es nur wenig niedriger geworden.

Gleichzeitig ist das Alter, in dem Kinder oder Jugendliche in die Pubertät kommen, weit gefächert – und das gilt auch für die Interessen Gleichaltriger. Wenn sich ein Teil der Klasse plötzlich für Themen wie Make-up und Kleidung interessiert, trage das zum Gruppendruck bei, sagt Inés Brock: „Die Mädchen, die noch nicht so weit sind, spüren dann wieder den Druck, sich anzupassen, auch indem sie sich ebenfalls weiblich zurechtmachen.“

Natürlich gibt es sie trotzdem, die Zwölfjährigen, die mit Make-up noch gar nichts anfangen können. Charlotte zum Beispiel, die sich nur „an Fasching und Halloween und einmal, als ich einen Musikauftritt hatte“, angemalt hat. Sie gefalle sich nicht besser mit Make-up, deshalb finde sie es einfach unnötig, sagt Charlotte entschieden. Und außerdem würden „in der Kosmetik immer noch viele Tierversuche durchgeführt“, und deshalb sei sie sowieso dagegen.

Vorbilder auf Youtube

Aber die meisten Teenager sehen das eben doch anders. Zwei von drei 14- bis 18-Jährigen schminken sich täglich, mehr als in jeder anderen Altersgruppe, zeigt die Bauer-Media-Verbraucheranalyse von 2011. 2008 wurde in Deutschland nach Angaben des Portals statista.com Mascara für 195 Millionen Euro verkauft, Make-up für 175 Millionen Euro, Lippenstifte für fast 108 Millionen Euro, und der Kosmetikumsatz ist seither noch einmal gestiegen.

Ein bisschen haben dazu auch Kathi und Tanisha beigetragen. Auch wenn sie nur dezent geschminkt in die Schule gehen: Die Ausstattung, um sich das ganz große Make-up aufzulegen, hätten sie.

Tanishas Kosmetiksortiment enthält 20 mal Wimperntusche, sechs Mal Rouge – und „ganz viel Lidschatten“, auch wenn sie den eigentlich nie benutzt. „Ich hatte letztes Jahr einen Schmink-Adventskalender“, erklärt Tanisha, wie es dazu kam. Kathi hat nicht ganz so viel Auswahl, aber dafür eine große Schwester, bei der sie sich ab und zu etwas „borgt“. Das meiste haben sie geschenkt bekommen oder die Mütter haben Reste aussortiert. Aber natürlich gehen sie auch selbst in den Drogeriemarkt. „Man muss immer vorher dran riechen“, erklärt Kathi, „schließlich hat man das ja den ganzen Tag im Gesicht“. Außerdem müsse die Wimperntische das richtige Bürstchen haben „und sie darf nicht klumpen“.

Woher die Zwölfjährigen wissen, worauf sie beim Make-up achten müssen? Und was sie mit Eyeliner, Kajalstift, Lipliner oder Augenbrauenstift anfangen sollen? „Von Mama“, sagt Marie, ebenfalls zwölf und in der achten Klasse. „Und von Dagi und Bibi.“ Dagi Bee und Bibi sind zwei Youtuberinnen, die in ihren Filmen zeigen, wie man Eyeliner und Puder aufträgt oder die Augenbrauen in Form bringt. Jeweils mehr als eine Million Zuschauer wollen das offenbar so regelmäßig sehen, dass sie die Kanäle der beiden abonniert haben, um immer sofort mitzubekommen, wenn eine von ihnen ein neues Video einstellen. Erwachsene dürften eher nicht darunter sein – die Videos richten sich eindeutig an ein Teenagerpublikum.

Mit wedelnden Händen und weit aufgerissenen Augen erläutert Dagi ihren Zuschauerinnen, dass sie es „mega-mies“ findet, wenn nach dem Abschminken noch Eyeliner-Reste auf dem Auge bleiben, es „pupsegal“ ist, welche Grundierung die Mädchen auftragen und sie mit Kajal „nicht so die tollen“ Erfahrungen gemacht hat.

Eine Viertelstunde lang zusehen, wie man Eyeliner aufträgt? Marie zuckt die Achseln: „Die Youtubefilme sind lustig“, sagt sie. Weil Dagi darin mit ihrem Freund Beziehungsprobleme nachstellt oder über die verschiedenen Arten von Sitznachbarn in der Schule nachdenkt. Ein bisschen wie eine ältere Schwester ist Dagi für die Teenies, eine, die coole Freunde hat und sich trotzdem Zeit nimmt, den Kleineren Tipps zu geben.

Kinderorientierte Verpackungen

Dass Dagi Bee dabei ständig Produkte in die Kamera hält, finden die Zuschauerinnen gar nicht schlimm, ganz im Gegenteil, so wissen sie doch gleich, was sie brauchen.

Und die Kosmetikindustrie hat die Teenager sowieso längst als Kundinnen entdeckt. „Deshalb sieht die Mascara ja so aus wie sie aussieht“, sagt Tanisha über die neonpinkfarbene Schrift auf der Verpackung, mit der eine ältere Zielgruppe wahrscheinlich nicht so viel anfangen kann. Und auch Marie erzählt, sie habe nur deswegen so viele Lidschatten, weil sie die Verpackung „so süß“ findet, „eine sieht aus wie ein Buch und eine wie ein Briefumschlag“. Aber, so beeilt sie sich hinzuzufügen, „natürlich mag ich auch die Eyeshadow-Farben“. Von „kinderorientierten Kosmetikprodukten, die schon sehr junge Mädchen ansprechen“, spricht Psychotherapeutin Brock. Immerhin sei es in Deutschland noch nicht so verbreitet, noch jüngere Mädchen zu schminken und zu kleiden wie junge Frauen. Diesen Lolita-Effekt beobachte man eher in den Großbritannien und den USA.

Aber auch bei 12-, 13-jährigen Mädchen fürchten die Eltern, dass ihre Töchter mit rotem Lippenstift und schwarzem Lidstrich die falschen Botschaften aussenden. Selbst wenn sie so nicht in die Schule gehen. Denn wenn es endlich geklappt hat mit dem Eyeliner, muss das natürlich mit dem Handy dokumentiert werden. Und das Selfie wird anschließend auf Instagram oder Facebook gestellt – wo es dann je nach Einstellungen für die Freundinnen, die ganze Klasse oder sogar öffentlich zu sehen ist.

Das ist vielen Eltern unheimlich. Sie versuchen, mit klaren Regeln gegenzusteuern, zum Beispiel, indem sie ihrem Nachwuchs verbieten, Selbstporträts in soziale Netzwerke zu stellen. Doch gleichzeitig wissen sie, dass sie vieles gar nicht mitbekommen. „Den Eltern bleibt nur, das Gespräch mit der Tochter zu suchen“, rät Inés Brock, „sie zu fragen: Wie möchtest du wahrgenommen werden?“ Gerade die Väter seien wichtig, sie könnten ihren Töchtern vermitteln, dass sie Übergriffigkeit nicht hinnehmen müssten: „Väter sollten deshalb die Töchter beispielsweise nicht necken, dass ihnen Brüste wachsen.“ Stattdessen sollten die Eltern als Gesprächspartner zur Verfügung stehen, empfiehlt die Therapeutin, und vor allem: ihre Töchter für andere Dinge wertschätzen als für Schönheit. Dann erledige sich das Thema manchmal ganz von selbst. „Wenn ein Mädchen in ihren Hobbys Bestätigung erfährt oder wenn es in ihrer Peer Group cool ist, sich zum Beispiel vegan zu ernähren, rückt das Äußere in den Hintergrund.“

Spätestens mit dem Ende der Pubertät gehen die meisten Mädchen sowieso entspannter mit ihrem Äußeren um. Nina, 18, lacht heute, wenn sie sich an ihre ersten Erfahrungen mit dem Thema erinnert. An die Diskussionen vor dem Spiegel im Schullandheim: erst Sonnencreme oder erst Puder? An dunklen Puder nur im Gesicht, aber nicht auf dem Hals, der dann eine ganz andere Farbe hatte. Oder an die ersten Übungen mit dem Augenbrauenstift: „Bis ich da das richtige Maß zwischen zu hell und zu dunkel gefunden hatte, nannte meine Schwester mich Milhouse. Das ist Bart Simpsons bester Freund, er hat blaue Haare und dicke, dunkle Balken als Augenbrauen.“ Inzwischen wisse sie, was ihr steht und was nicht, sagt Nina. Zuvor aber habe sie mit ihren Freundinnen alles ausprobiert, von leuchtend rotem Lippenstift bis zu dickem schwarzen Eyeliner.

Fettes Make-up fördert Pickel

Immerhin: Aus hautärztlicher Sicht spricht nichts dagegen, wenn sich Teenager schminken. Sie müssten nur darauf achten, die richtigen Produkte zu verwenden, sagt Burkhard Bratzke, stellvertretender Vorsitzender des Berliner Dermatologen-Verbandes: „Was mit zwölf Jahren noch gut geeignet war, passt für eine 13-Jährige eben nicht mehr, wenn sich die Haut durch Hormone verändert hat. Wenn die Haut zu Pickeln neigt, dürfen Kosmetika keine Inhaltsstoffe enthalten, die Akne fördern, der Fachausdruck ist ,nicht komedogen’.“ Zu fettes Make-up sei könne Pickel ebenso fördern wie einige Haarpflegeprodukte, und sorgfältiges Abschminken sei wichtig.

Das haben Tanishas und Kathis Mütter ihren Töchtern offenbar auch ans Herz gelegt. Jedenfalls klingt es sehr nach mütterlicher Weisheit, wenn Tanisha erklärt, für das Abschminken müsse man genau so viel Zeit aufwenden wie für das Schminken. Lästig finden sie das, genau so wie Momente, wenn etwas schief geht und sie noch einmal von vorn anfangen müssen.

Aber darauf verzichten? Kommt nicht in Frage. Nicht einmal für Charlotte, die Achtklässlerin, die bisher so gar nichts mit Wimperntusche, Kajalstift und Lipgloss anfangen kann. Sogar sie ist überzeugt, auf Dauer mit dieser Haltung nicht durchzukommen: „Ich glaube, wenn ich älter bin, 17 oder erwachsen, werde ich mich ein bisschen schminken. Weil es ja wohl alle machen.“