Gesundheit

Im Spagat zwischen zwei Leben

Ein Sohn stößt bei der Sorge um die demente Mutter an seine Grenzen. Er sucht für sie einen Platz in einer Wohngemeinschaft

Manchmal steht Gitti Keyser vor ihrem Haus und wartet, dass ihr Sohn von der Schule kommt. Doch Andi kommt nicht, zumindest nicht von der Schule. Der 45-Jährige wohnt schon lange nicht mehr Zuhause, der kleine Junge ist erwachsen. Doch das vergisst seine 72-jährige Mutter ab und zu. Seit sechs Jahren leidet sie unter Demenz. Auf den ersten Blick merkt man Gitti Keyser nichts von der Krankheit an, die hellblauen Augen der 72-Jährigen strahlen pure Lebensfreude aus. Mit einem versonnenen Lächeln erzählt sie von früher: Wie sie in Moabit als Kind aufwuchs, als junge Frau vier Jahre auf ihren zukünftigen Mann gewartet hat, der als Fluchthelfer in der DDR inhaftiert worden war und von ihrer Arbeit als Datentypistin. „Die Erinnerung an früher ist noch frisch“, erzählt ihr Sohn Andi, während er seine Mutter liebevoll umarmt. „Was in den letzten 30 Jahren passiert ist, ist meist wie ausgewischt.“

Gitti Keyser kennt ihre eigene Adresse nicht mehr. Sie weiß auch nicht, ob gerade Mai oder September ist. Sie schmiert die Butter nicht mehr aufs Brot sondern auf die Wurst. Manchmal beschließt die körperlich rüstige Frau, nachts picknicken zu gehen und wird am nächsten Morgen mit ihrer Packung Toast orientierungslos im Wald gefunden. „Da das in letzter Zeit immer häufiger passiert, habe ich jetzt ihre Wohnung gekündigt und suche dringend einen Platz in einer Demenz-WG“, sagt ihr einziger Sohn. Kein Einzelfall: In Deutschland leben gegenwärtig 1,5 Millionen Demenzkranke. Wenn sich keine Therapiemöglichkeit findet, werden in den nächsten vier Jahrzehnten täglich mehr als hundert zusätzliche Krankheitsfälle dazukommen, warnt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft.

„Der Mama ist nicht bewusst, wie krank sie ist. Wenn wir über ihre Krankheit reden, spielt sie es herunter und sagt, sie könne alles noch alleine – aber eigentlich geht gar nichts mehr. Sie vergisst zu essen, sich zu waschen und manchmal sogar auf die Toilette zu gehen. Ohne Unterstützung ist sie komplett hilflos“, erzählt der Sohn. Er besucht seine Mutter täglich, putzt und wäscht für die Frau, die früher pedantisch den Haushalt geführt hat. Das Eltern-Kind-Verhältnis hat sich umgekehrt. „Sie hat mich auch schon nicht mehr als ihren Sohn erkannt. Das war ein Schock.“

Der Alltag des Kaufmanns hat sich komplett verändert seit vor sechs Jahren die Erstdiagnose gestellt worden ist. Es ist ein tagtäglicher Spagat zwischen dem eigenen Leben und dem der Mutter. Irgendwann wurde die Doppelbelastung dem Mann, der derzeit die Filiale eines Geschäfts für französischen Bio-Tee leitet, zuviel. Er erlitt einen Nervenzusammenbruch und musste in psychosomatische Behandlung. 18 Monate war er krankgeschrieben, kümmerte sich rund um die Uhr um seine Mutter. „Zum Glück habe ich keine Kinder, ein normales Familienleben wäre nicht möglich. Aber irgendwann musste ich trotzdem wieder arbeiten gehen.“

Seit Anfang diesen Jahres ist Gitti Keyser deshalb tagsüber in der Via-Tagespflege in Neukölln untergebracht. Dort wird sie bekocht, umsorgt, spielt mit anderen älteren Mensch-ärgere-dich-nicht oder singt. Doch wenn sie ab 16 Uhr wieder Zuhause ist, hat ihr Sohn keine ruhige Minute mehr. Entweder weil seine Mutter im Viertelstundentakt im Laden anruft und ihn fragt: „Warum hast du angerufen?“ oder weil sie sich gar nicht meldet – dann ist sie wieder mal verschwunden. Wie oft er die Mutter schon von der Polizei oder aus einem Krankenhaus abgeholt hat, weiß er nicht. „Ich liebe Mama, sie steht an erster Stelle – aber ich kann nicht mehr. Ich muss auch mal an mich denken.“ Dass die demente Frau in einem Heim untergebracht wird, scheidet für ihn aus. „Sie braucht Ansprache und das Gefühl selbstständig zu sein. Denn sie glaubt, dass sie alles im Griff hat. Die optimale Alternative wäre eine Demenz-WG.“

In diesen Wohngemeinschaften haben die Bewohner ein eigenes Zimmer mit ihren Möbeln, Pfleger sind immer da, aber auch die Angehörigen gehören bei der Rundum-Betreuung zum Team. Über die Internet-Initiative „Verändere Deine Stadt“ hofft Andi, einen Platz in Neukölln – in der Nähe seiner eigenen Wohnung zu finden. „Das wäre optimal“, findet der Sohn, während seine Mutter das dritte Kännchen mit Milch auf den Wohnzimmertisch stellt. „Ach Mama“, seufzt er und zeigt auf das Gedeck. Die Rentnerin knufft ihren Sohn in die Seite und lächelt schelmisch: „Mensch Andi, ich werde leider nicht erleben, wie du mal bist, wenn du in meinem Alter bist.“ Der streichelt ihr über die Wange: „Eigentlich schade, dann hätten wir noch ganz viel Zeit zusammen.“