Tierfreund

Warum hat ein Zebra eigentlich Streifen?

Dr. Mario Ludwig über hungrige Löwen, gierige Insekten, die Hitze Afrikas und das perfekte Felldesign gegen alle Widrigkeiten

Klar: Es ist sein Streifenmuster, dass das Zebra zu einem der auffälligsten Tiere Afrikas macht. Aber worin besteht der Vorteil, dass ein Zebra wie ein Pferd im Sträflingsanzug aussieht? Das ist eine Frage, die nicht nur Kinder im Grundschulalter umtreibt, sondern der auch die Wissenschaft seit nahezu 50 Jahren immer wieder nachgeht. Und es existieren eine ganze Menge durchaus plausible Erklärungen.

Die gängigste Erklärung ist, dass die Streifen zur Tarnung vor hungrigen Löwen dienen. Das erscheint auf den ersten Blick unsinnig. Wenn wir nämlich das schwarz-weiß gestreifte Fell eines Zebras in einem Zoo in Augenschein nehmen, dann erscheint es uns doch gerade besonders auffällig. Das ändert sich jedoch sofort, wenn wir Zebras in ihrer natürlichen Umgebung und aus dem Blickwinkel eines hungrigen Löwen betrachten. In der afrikanischen Savanne, inmitten der hochgewachsenen Gräser oder im Schatten der Bäume, sind die schwarz-weißen Streifen ein perfekter Sichtschutz, verschwimmen doch Streifen und Farbe unter diesen Bedingungen mit der Umwelt und lösen die Konturen des Tieres auf. Besonders schwierig wird es für die Raubkatzen, wenn mehrere Zebras eng zusammen stehen. Dann können sie oft vor lauter Streifen ein einzelnes Zebra gar nicht mehr als solches erkennen. Aber so ganz schützt das Fell wohl doch nicht. Wenn man sich die Hitparade der am häufigsten von Löwen erlegten Beutetiere anschaut, dann findet man das Zebra hinter dem Gnu auf Platz 2.

Nach Ansicht anderer Wissenschaftler schützt das Streifenmuster die Zebras vor dem Stich der Tsetsefliege. Diese blutsaugenden Stechfliegen ernähren sich von menschlichem und tierischem Blut und übertragen die gefürchtete Schlafkrankheit. Aber offensichtlich haben die Augen der Insekten ein Problem mit dem schwarz-weißen Streifenmuster der Zebras und steuern lieber das ruhige Braun von Gazellen und Rindern an. Um diese These zu unterstützen, haben schwedische Wissenschaftler vor kurzem ein hochinteressantes Experiment durchgeführt. Sie stellten auf einem Bauernhof, auf dem es reichlich Pferdebremsen gab, unterschiedliche Pferdemodelle auf: schwarze, graue, weiße und gestreifte. Bei den gestreiften Modellen hatten die Streifen zudem eine unterschiedliche Breite und waren verschieden angeordnet. Die Wissenschaftler präparierten dann die Pferdemodelle mit Insektenkleber, dadurch konnten sie feststellen, welches Muster wie viele Bremsen anzog. Die Ergebnisse waren eindeutig:

1. Die wenigsten Bremsen flogen auf die gestreiften Modelle. 2. Je schmaler die Streifen waren, desto weniger Bremsen wurden angezogen. 3. Das Modell, das die größte Ähnlichkeit mit einem Zebrafell hatte, hatte die wenigsten Bremsen angezogen. Die Wissenschaftler interpretierten das so, dass Zebras im Lauf der Evolution ein Felldesign entwickelt haben, das kaum Attraktivität für blutsaugende Insekten hat.

Eine ganz andere Hypothese besagt, dass das Streifenmuster für die Kühlung der Zebras verantwortlich ist. Wir wissen ja zum Beispiel, dass ein schwarzes Auto in der Sonne stärker aufgeheizt wird als ein weißes. Das hängt damit zusammen, dass die Farbe Schwarz das Licht inklusive der Wärmestrahlen absorbiert, während die weiße Farbe das Licht reflektiert. Und das ist auch der Grund, warum beim Zebra die schwarzen Streifen bei Sonneneinstrahlung deutlich wärmer werden als die weißen. Diese Temperaturunterschiede wurden mal bei prallem Sonnenschein in der afrikanischen Savanne gemessen. Und siehe da: Der Temperaturunterschied kann bis zu 20° C betragen. Nach Ansicht der Wissenschaft hat genau dieser Temperaturunterschied einen kühlenden Effekt. Die Temperaturunterschiede entlang der Streifenränder führen nämlich zur Bildung vieler kleiner Luftwirbeln, die dem Zebra angenehme Kühlung verschaffen.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt ab sofort an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt. Wenn Sie oder Ihr Kind eine Frage an unseren Kolumnisten haben, schreiben Sie eine E-Mail an familie@morgenpost.de. Rechtsexperte Dr. Max Braeuer beantwortet künftig auf der Ratgeberseite Ihre Fragen.