Mamas & Papas

Hans und die Gummibandwurst

Hajo Schumacher über kindliche Bastellust und hässliche Schmuckmode

Wir sind eine bastlerisch begabte Familie. Ob Weihnachten oder Geburtstag – stets muss man mit Geklebtem, Geknetetem, jedenfalls emotional stark Aufgeladenem rechnen, das fortan seinen Weg macht vom Schreibtisch übers Regal durch den Kellerkarton bis zum Recyclinghof. Aber man wird nicht alles los. Auf dem Küchenbord liegen unter einem Fettfilm begraben noch zwei Tonklumpen. „Schäferhunde“, hatte Hans einst erklärt. Von der Wohnzimmerlampe baumelt ein zählebiges Wäscheklammerkrokodil. Immerhin löst sich der Klorollenhalter auf Wäschebügelbasis langsam auf. Hoffentlich beschert uns dieser Herbst möglichst wenig Naturgerümpel aus dem Grunewald, dachte ich. Leider kam es schlimmer. Noch vor Beginn der Kastaniensaison entdeckte Hans seine Liebe zur primitiven Kunst. Er macht jetzt Freundschaftsbändchen, so wie die ganze Schule, wahrscheinlich die ganze Stadt, also jenes Gebimsel, das der Mann von Welt am Unterarm trägt und Wolfgang Petri bis zur Achsel.

„1000 Gummis kosten nur 75 Cent“, behauptet unser in Zahlendingen nicht immer ganz sattelfester Sohn. In Wahrheit war es natürlich umgekehrt: 75 Gummis kosten etwa 1000 Cent. Gummis? Ja, leider. Während Alt-Hippies auf Ibiza die Bändsel wenigstens noch aus Fäden, echter Wolle, also total biologisch flechten, wird die nächste Generation Strippe aus Gummibändern und auf einer Art supersimpler Strickliesel gefertigt, die sogar Jungen verstehen. Das Produkt ist eine Gummibandwurst, schön bunt, aber nicht wirklich geschmeidig am Handgelenk, erst recht nicht, wenn sich die Armhaare eindrehen, was umso schmerzhafter ist, wenn drei, vier, fünf Gummibändsel zu tragen sind, weil das Kind sonst ja traumatisiert wird. Als gute Eltern freuen wir uns natürlich unbändig über jedes mit großer Hingabe angefertigte Schmuckstück, was den unschönen Begleiteffekt hat, dass man immer weiter beschenkt wird. So hat es bei Wolfgang Petri bestimmt auch angefangen. Die Bänder sind weder schön noch angenehm zu tragen, aber nun mal mit Unmengen kindlicher Liebe aufgeladen. Zum Glück fällt bei der inflationären Produktion gar nicht auf, wenn ich hin und wieder ein Bändchen verliere.

Weil Hans dämmert, dass die Familie inzwischen überausgestattet ist, denkt er über einen professionellen Vertrieb nach. Viele Promi-Begleiterinnen haben ihre Karriere schließlich auch als Schmuckdesignerin begonnen oder beendet. Neulich machte sich Hans mit einer Decke und etwa 50 Produkten aus seiner Kollektion Richtung Viktoria-Luise-Platz auf. Prima, endlich Zeitung lesen. Nach einer halben Stunde war er leider schon wieder daheim. Alles verkauft? Von wegen. „Da saßen zehn andere Kinder“, klagte er, „und die haben auch nichts verkauft.“ Na gut, mein Kleiner. Dann machst du Papa eben noch ein Bändchen. Aha, es gibt nur noch Gummis in Orange, Gold und Rosa? Macht nichts. Genau meine Farben. Und morgen kaufen wir neue.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Sandra Garbers.