Mamas & Papas

Der Wunsch nach absolutem Mittelmaß

Sandra Garbers über medizinische Statistik und fiese Eltern-Kommentare

Man stelle sich das mal vor. Man trifft einen richtig guten Kerl, man überlegt sich bereits, wie sein Nachname mit dem eigenen Vornamen klingt, da sagt er: „Schönheitsmäßig liegst du im Normalbereich, ich denke 50 Prozent der Frauen sind schöner als du, aber auch 50 Prozent hässlicher.“ Hm. Was würde man da tun? Wahrscheinlich würde man ihm genau ins Mittel seines Körper hauen, da, wo es 100 Prozent weh tut.

Mit dem Kerl wird man vermutlich keine Kinder haben, aber vielleicht mit einem anderen und dann wird alles anders. Denn dann kommen die Perzentilen ins Spiel. Perzentilen sind eine Erfindung der medizinischen Statistik, um Eltern in den Wahnsinn zu treiben. Eine Art Maßeinheit, anhand derer man ganz genau sehen kann, wie groß und wie schwer das eigene Kind im Vergleich zu allen anderen ist. Liegt es beim Gewicht bei Perzentile 50, sind 50 Prozent der Kinder leichter und ebenso viele schwerer als das eigene Kind. Absolutes Mittelmaß also. Wenn die Perzentilen in unser Leben treten, will man nur noch eines sein: absolutes Mittelmaß. Weil jede Abweichung einen gleich fürchten lässt, dass man einen Riesen oder einen Zwerg großzieht.

Zum Glück ist man hierbei allerdings nicht nur auf Perzentilen angewiesen. Ein wesentlich wichtigerer Gradmesser sind die Mütter aus dem Pekip-Kurs, der Babymassage oder dem frühkindlichen Musikkarussell. Sie machen sich Sorgen, dass die Eltern eines großen/kleinen Babys vielleicht noch gar nicht gemerkt haben, dass ihr Kind nicht normal ist. Deshalb versuchen sie ihrer Sorge regelmäßig mit vorsichtig-einfühlsamer Kommentierung Ausdruck zu verleihen. Etwa so: „Deine Lara ist aber wirklich sehr groß geworden.“ Pause. „Ich will dir ja keine Angst machen, aber hast du schon mal die Handwurzelknochen vermessen lassen?“ Oder sie spielen es geschickt über Bande: „Laras Bruder ist aber groß geworden. Naja, bei Jungen ist das ja auch nicht so schlimm.“

Man kann gar nicht früh genug anfangen, die anderen Eltern auf mögliche Schwachpunkte ihrer Kinder hinzuweisen. Am besten schon im Säuglingsalter, dann sind die Eltern besonders empfänglich dafür. Etwa so: „Die Livia nimmt ja gar nicht zu, oder? Vielleicht ist deine Milch einfach nicht sättigend. Schwierig, weil ja gerade das Gehirnwachstum ansteht.“ Man kann das natürlich unbegrenzt variieren. „Was????? Lena trägt schon Größe 86???? Das hat meine mit 14 Monaten getragen. Naja, die Marlene war halt schon immer sehr zierlich.“ Oder: „Mach dir keine Sorgen, ich kenne ein Kind, dass auch immer winzig klein war und in der Pubertät wurde es dann doch noch normal.“

Das Mittelmaßmantra beschränkt sich übrigens rein auf Gewicht und Größe.

Wenn es darum geht, Lieder auswendig zu lernen, fehlerfrei Kilimandscharo zu buchstabieren oder Fahrrad zu fahren, kann das Kind sehr gerne aus dem Rahmen fallen. Bitte schön, so weit es will.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher.