Interview

„Schwelende Konflikte können zu Magengeschwüren führen“

Eine Psychologin über Sinn und Unsinn von Aufregung

Was der Ärger der Deutschen im Urlaub über ihr Zuhause sagt, wie unterschiedlich sich Unpünktlichkeit auf eine Partnerschaft auswirken kann und warum man Kindern in der Trotzphase nicht nachgeben sollte, weiß die Berliner Psychologin und systemische Therapeutin Dr. phil. Verena Delle Donne. Mit ihr sprach Frédéric Schwilden.

Berliner Morgenpost:

Frau Delle Donne, der Buchautor Matthias Nöllke plädiert dafür, Ärger nicht herunterzuschlucken, sondern in vollen Zügen zu genießen. Ist das eine gute Idee?

Grundsätzlich ist das vernünftig, aber natürlich in Maßen. Auf der Straße herumschreien, mit Schimpfwörtern um sich werfen, weil man sich ärgert, das ist nicht gesellschaftsfähig und vernünftig. Trotzdem: Schwelende Konflikte sind nicht gesund. Das kann sogar zu körperlichen Folgen führen, wie etwa Magengeschwüren.

Was bedeutet Ärger eigentlich?

Ärger, beziehungsweise Wut ist nach dem Verständnis des amerikanischen Psychologen Paul Ekman eine der sieben Grundemotionen. Ärger ist eine evolutionär bedingte, wichtige Emotion. Der Organismus wird aktiviert und macht den Menschen sehr schnell handlungsbereit.

Warum entsteht Ärger?

Meist aus einem nicht befriedigten Bedürfnis heraus. Kinder, die müde sind, die sich nicht genügend beachtet fühlen, eifersüchtig sind, daran kann man die Entstehung von Ärger am einfachsten beobachten. Bei Erwachsenen ist es aber nicht anders. Partner ärgern sich über herumliegende Socken des anderen. Kollegen über unaufgeräumte Arbeitsplätze. Häufig ärgert man sich über Routinen. Dadurch entstehen Vorurteile. Man weiß, dass der Partner häufig das Badezimmer flutet. Also erwartet man es immer. „Immer machst du das“, sagt man dann schnell. Dass es auch manchmal nicht passiert, nimmt man gar nicht mehr wahr.

Der Anwalt Ferdinand von Schirach erzählt in seinem Buch „Verbrechen“ die Geschichte des Arztes Friedhelm Fähner, der Jahrzehnte lang die Zurechtweisungen seiner Frau ertragen hat, weil er ihr versprochen hat, immer für sie da zu sein. Mit 72 und nach der abertausendsten Beleidigung spaltet er ihr mit einer Gartenaxt den Schädel.

Daran sieht man, dass es nicht gut ist, Ärger aufzuschieben. Vor allen Dingen ist es wichtig, in Beziehungen das Gespräch zu suchen. Die Anstauung von Ärger kann zur eben solchen gewaltigen Entladungen führen.

Im Urlaub ärgern sich die Deutschen laut einer Umfrage der Uni-Leipzig von 2010 am meisten über eine schlechte Unterkunft (25 Prozent), über das Wetter (20 Prozent) und über andere Touristen (15 Prozent). Am wenigsten ärgern Sie sich über Ihren Partner (5 Prozent). Was sagt das über Deutschland?

Positiv könnte man sagen, die deutschen Urlauber können zu dem Schluss kommen, dass es zu Hause doch am Schönsten ist. Das ist doch eine positive Erkenntnis. Das mag jetzt banal klingen, aber gerade diese Auslegung zeigt doch, wie nützlich es sein kann, sich über die kleinen Dinge des Lebens zu freuen.

Streiten sich Paare im Urlaub wirklich so häufig? Es ärgern sich ja nur 5 Prozent über den Partner.

Im Urlaub können langandauernde Konflikte offen gelegt werden. Was aber nicht schlecht ist. Konstruktives Streiten gehört zu einer guten Partnerschaft dazu. Es gibt dazu auch eine Theorie aus der Paartherapie, nach der man sich den Partner danach aussucht, was man mit ihm zusammen lernen kann.

Ich selber bin nicht pünktlich, mein Partner ist es aber. Dadurch kommt es zwar zum Streit, aber ich lerne eventuell, pünktlich zu sein?

Genau. Das sagt zumindest die Theorie. Es könnte natürlich auch sein, dass der Partner lernt, geduldiger mit Unpünktlichkeit umzugehen.

Streit kann, so er in einem Lerneffekt mündet, sogar gut sein?

Lernen ist häufig ein schmerzhafter Prozess. Lernen ist anstrengend. Trotz der Anstrengungen, gewisse Streitregeln müssen eingehalten werden.

Zum Beispiel?

Jedes Paar, jede Gruppierung von Menschen definiert ihre eigenen Streitregeln. Körperliche Gewalt ist immer destruktiv und sollte tabu sein. Es ist hilfreich, wenn alle Parteien ihre Position darlegen können. Und es ist gesund, den Ärger nicht mit ins Bett zu nehmen, sondern die Sache zu klären. Gerade bei partnerschaftlichen Streitereien vor den eigenen Kindern ist es aber besonders wichtig, sich vor den Kindern zu einigen.

Warum bei Kindern?

Für Kindern impliziert ein heftiger Streit der Eltern eine existenzielle Bedrohung. Kinder haben, auch wenn sie es in dem Moment nicht verbal ausdrücken können, Angst davor, dass die Eltern sich trennen.

Selbst wenn man sich nicht einigt, vor dem Kind nochmal in den Arm nehmen und zeigen, wir sind da?

Ja, wobei das für das Paar auch gut sein kann, weil es allen zeigt, dass der Streit eben nicht die Beziehung gefährdet, sondern auf einer anderen Ebene stattfindet.

Wie streite ich denn als Elternteil richtig mit meinem Kind?

Wenn das Kind zum Beispiel trotzt, wird man schnell hilflos. Ein Kind, das die Nachbarschaft oder den Supermarkt zusammenschreit und auf dem Boden liegt, überfordert. Gerade in solchen Situationen, in der Trotzphase zwischen 2 bis 6 Jahren, ist es wichtig, sich nicht mit in diese Stimmung hineinzubegeben. Eltern müssen das aushalten. Klar sagen: Ich bin für dich da, möchte das aber anders. Nachgeben sollte man nicht. Dadurch verstärkt man nur die Macht und die zukünftigen Trotzreaktionen des Kindes.