Ärgernisse

Das regt mich so auf!

Immer schön ausgeglichen sein? Die Freundlichkeit der Welt genießen? Das ist oft falsch, sagt der Autor Matthias Nöllke

Einfach mal aufregen!

Es gibt ja nicht nur die eigene Familie. Viel schlimmer sind natürlich: die anderen Familien. Mit diesen Eltern, die ihre Kinder falsch erziehen. Und das nicht mal konsequent. Diese Eltern, die ihre Unterdurchschnittskinder als hochbegabt, aber unterfordert ausgeben. Eltern, die ihre Kinder bis zum Abitur mit dem „Babyphon“ überwachen. Eltern, die ihre Kinder auf YouTube stellen und mit ihren „Pardauz!“-Videos höhere Klickraten bekommen als die Beatles. Kinder, die das Familienauto aussuchen dürfen. Kinder, die deine Kinder verpetzen. Kinder, die dich im Schachspielen besiegen, und du kannst nicht mal so tun, als hättest du sie gewinnen lassen.

Dein Partner und seine schlechten Angewohnheiten

Jeder Mensch hat so seine schlechten Gewohnheiten. So drehen manche die Zahnpastatube niemals zu, andere putzen sich erst gar nicht die Zähne. Manche kratzen sich am ganzen Körper, bevor sie einschlafen. Andere stehen nachts auf, um zu bügeln. Viele haben sich alberne Redensarten angewöhnt, unappetitliche Tischmanieren, grauenhafte Hobbys.

Manche dieser Angewohnheiten bestanden bereits, als wir unseren Liebling kennenlernten. Seltsamerweise sind sie uns damals nicht aufgefallen. Und wenn sie uns aufgefallen sind, dann haben sie uns nicht gestört. Vielleicht fanden wir sie sogar ganz reizvoll. Oder lässig. Und wenn wir sie nicht ganz reizvoll oder lässig fanden und sie uns schon damals gestört haben, dann dachten wir: Das gewöhnen wir ihm ganz schnell wieder ab. Und ist es nicht auch so gewesen, dass er die eine oder andere schlechte Gewohnheit abgelegt hat – um sie durch eine neue, meist viel schlimmere zu ersetzen?

Man kann sich schon fragen: Warum gehen uns diese Gewohnheiten so sehr auf die Nerven? Häufig sogar immer stärker? Warum haben wir uns nicht einfach an sie gewöhnt? Das liegt an mehreren Dingen. Zunächst ist natürlich wieder mal unser Partner schuld: Er gibt sich immer weniger Mühe, wird bequem, nimmt auf uns keine Rücksicht, sondern macht einfach, was ihm Spaß macht. Und was ihm Spaß macht, ist einfach nur ein anderes Wort für: schlechte Gewohnheiten.

Aber dann liegt es auch an uns selbst, dass uns die schlechten Gewohnheiten unseres Partners immer mehr peinigen (während wir an unseren eigenen immer mehr Gefallen finden). An die guten Seiten unseres Partners haben wir uns schnell gewöhnt. Wir nehmen sie als selbstverständlich hin. Bleiben seine schlechten Eigenschaften übrig.

Und es kommt noch etwas hinzu: Viele dieser Gewohnheiten werden ja von Mal zu Mal schlimmer. Sie regen uns überhaupt erst ab einer bestimmten Wiederholung auf. Wenn er von seiner Reise nach Griechenland erzählt, finden wir das beim ersten Mal vielleicht sogar lustig, spannend, interessant. Doch allmählich kennen wir sämtliche Erlebnisse auf dieser Reise in- und auswendig. Auch und gerade die hinzuerfundenen.

Dann ist die Luft raus. Und schließlich wird es quälend. Du fragst dich: Warum erzählt er bloß immer und immer wieder die gleiche Scheiße? Wenn sich das oft genug wiederholt, bist du im Endstadium angekommen. Entweder du bringst ihn jetzt endlich um. Oder du revanchierst dich mit einer von deinen eigenen schlechten Gewohnheiten, die ihn zur Weißglut bringen. Aber hast du überhaupt welche? Oder sind das nicht vielmehr deine liebenswerten kleinen Schwächen?

Schreiende Kinder

Bitte mal Handzeichen: Wer mag schreiende Kleinkinder? Nicht viele, stelle ich gerade fest. Und das ist auch kein Wunder. Denn die Kinder schreien ja nicht, um sich bei uns beliebt zu machen. Sondern weil sie etwas wollen. Und zwar sofort, verdammt noch mal! Von solchen schreienden Kindern spreche ich und nicht von denen, die sich gerade wehgetan haben. Schreiende Kinder, die etwas wollen, was sie aber nicht bekommen sollen. Und die kannst du nicht trösten. Im Gegenteil, wenn du mit der „Alles wieder gut“-Nummer anfängst, drehen sie erst richtig auf. Mit ihrem Gebrüll. Und dann stehst du dumm da. Zugegeben, manche Kinder lassen sich ablenken. Aber das sind nicht die kleinen Teufel, von denen hier die Rede ist.

Um nicht missverstanden zu werden: Diese kleinen Teufel sind alle wunderbare, wertvolle Menschen. Einzigartig und liebenswert, was man sich immer wieder sagen muss, wenn sie ihre Brüllattacken bekommen.

Vor allem aber haben sie uns eines voraus: Sie können sich ungehemmt aufregen – und sind trotzdem immer im Recht. Beneidenswert ist das, liebe Kinder. Genießt diese Zeit, sie geht so schnell vorbei und kehrt nie wieder zurück. Da kann man sich kindisch aufführen, wie man will, der Bonus ist aufgebraucht, sobald du in die Schule kommst. Und du darfst erst wieder alle anschreien, wenn du irgendwo Chef geworden bist.

Sagen wir es offen: Kindergeschrei macht uns fertig. Egal, ob es von unseren eigenen Kindern kommt oder von anderen Blagen. Wir können nichts anderes tun, als es erdulden. Erwachsene, die sich über schreiende Kinder aufregen, die vielleicht selber anfangen zu schreien – oh ja, die gibt es, aber was sind das für Leute? Üble Typen, die sich nicht im Griff haben, Ungeheuer, denen man mal die Meinung geigen sollte.

Aber es hilft nichts, Kindergeschrei ist nicht zu ertragen. Darum machen unsere Lieblinge ja so ausgiebig Gebrauch davon. Denn das macht die Sache für uns erst so richtig unangenehm: Du bist so, wie du eigentlich nicht sein willst. Gerne wärst du der gelassene Kinderfreund. Oder die Mutter, die ihrem kleinen Fratz beruhigend die Hand auflegt – und schon ist alles wieder gut. Doch so läuft es eben nicht. Stattdessen bist du genervt. Vielleicht sogar am Rande der Verzweiflung, wenn es dein Fratz ist, der da tobt.

Denn die Leute, die sich das Geschrei anhören müssen, die haben leider wenig Mitleid mit dir. Sie wählen die bequemste und irgendwie auch politisch korrekte Lösung: Sie sind nicht böse auf das Kind, sie sind böse auf dich. Wenn dein Kind schreit, dann gibt es dafür einen Grund. Und der Grund bist du. Du bist schuld. So als hätte dein Kind einen Ausstellknopf oder wenigstens einen Lautstärkeregler.

Wenn es aber nicht dein Kind ist, dann ertappst du dich dabei, wie deine Gelassenheit spätestens nach zehn, zwanzig Sekunden dahinschmilzt – und du zusiehst, dass du davonkommst. Nicht schön, keine Sache, die man unbedingt weitererzählt, aber immerhin besser als sich dieses nervenzerfetzende Geschrei weiter anzuhören.

Kinder, die dich besiegen

Es ist doch einfach so: Kinder müssen lernen, mit Niederlagen umzugehen. Das ist wichtig im Leben. Ich spreche aus Erfahrung. Spielbrett umwerfen, die siegreichen Eltern mit Würfeln bewerfen, das geht einfach nicht. Dass du gewonnen hast, das muss so ein Kind auch mal aushalten. Aber du kannst sie natürlich nicht immer verlieren lassen, die Kinder. Sie brauchen immer wieder ein „Erfolgserlebnis“. Sonst glauben sie am Ende noch, man könnte sich die ganze Spielerei sowieso schenken. Weil ja immer die Großen gewinnen. Also bist du mal nicht so. Und lässt die kleine Hexe und den kleinen Scheißer auch mal gewinnen.

Allerdings kommt es vor, dass die Kleinen gewinnen, weil sie einfach besser sind als du. Und da fängt es an, unangenehm zu werden. Denn es zeigt sich, dass Erwachsene noch viel schlechter verlieren können als Kinder. Vor allem gegen Kinder. Peinlich ist das. Vor allem wenn du selbst dieser Erwachsene bist.

Es ist aber auch gar nicht so einfach, wie man immer meint. Als Erwachsener, oder sagen wir gleich: als Mann, bist du ja darauf geeicht, möglichst oft zu gewinnen. Je öfter, desto besser. Das hat man sogar in Experimenten an Ratten rausgefunden: Wer immerzu verliert, dem geht es dreckig. Der wird krank und bringt nichts mehr zustande. Wer gewinnt, dem geht es immer besser. Und zwar egal, wie idiotisch das Spiel ist.

Wenn du nun also gegenüber so einem Knirps den Kürzeren ziehst, musst du das erst mal verdauen. Gegen die eigenen Kinder zu verlieren, ist dabei noch am leichtesten. Da kann man sich ja noch mitfreuen. Außerdem kannst du dir ihren Triumph selbst ein wenig zurechnen. Immerhin hast du sie so weit gebracht. Nehmen wir an, deine Tochter schlägt dich im Schach. Nicht schön, aber du kannst dir immer noch sagen: Wer hat ihr dieses Spiel denn beigebracht? Wer hat geduldig mit ihr gespielt und ihr den einen oder anderen Kniff gezeigt? Das warst doch du. Und wenn deine Kinder eines Tages über dich hinauswachsen, so geht das schon irgendwie in Ordnung. Du kannst dich ja auf Go oder Sudoku verlegen. Oder ein Quizspiel.

Bei den Quizspielen ist ja das Gute, dass es immer eine Kategorie gibt, bei der die Kleinen und die Dummen im Vorteil sind, die Promi-Nachrichten lesen, die Charts hören und Daily Soaps angucken. Glaub bloß nicht, dass die Spielehersteller diese Kategorien für bildungsferne Kinder und Jugendliche eingeführt haben, damit die auch eine Chance haben. Die Wahrheit ist: Solche Dumpfbacken-Kategorien gibt es nur, damit wir Erwachsenen im Falle einer demütigenden Niederlage zu unseren Kindern sagen können: „Toll, wie du dich bei diesen Serien auskennst. Wenn du nur halb so viel für die Schule tun würdest ...“

Gegen die eigenen Kinder zu verlieren, ist also halb so schlimm und lässt sich früher oder später ohnehin nicht vermeiden. Aber jetzt stell dir mal vor, du vergeigst die Sache gegen irgend so ein verrotztes Nachbarskind. Muss ja nicht mal Schach sein. Kann so ein blödes Geschicklichkeitsspiel sein. Oder Halma. Oder Monopoly. Da kommen schon die bedenklichen Charaktereigenschaften der kleinen Leute zum Vorschein. Geld, Geld, Geld, und sich freuen, wenn die Mitspieler ins Gefängnis wandern!

Natürlich kann man immer so tun, als wäre einem der Ausgang des Spiels völlig egal. Als würde es nur darum gehen, gemeinsam Spaß zu haben. Das Problem ist nur, dass dir das niemand mehr abkauft, wenn du im Verlauf des Spiels irgendwann mal Ernst gemacht hast. Dann merken schon die kleinsten Zwerge, dass du hier eine ganz erbärmliche Nummer abziehst. Du hast gegen den Knirps verloren und tust so, als hättest du ihn gewinnen lassen. Uh, ganz schwach. Stärker blamieren kannst du dich jetzt nur, wenn du auch noch losheulst.

Man kann schneller in so eine verteufelte Lage kommen, als man denkt. Manchmal musst du dich sogar gegen wildfremde Kinder behaupten. Wenn man nämlich herausgefordert wird. Stell dir nur vor, du ziehst im Schwimmbad deine Runden. Und plötzlich krault so ein kleiner dicker Junge an dir vorbei. Du siehst ihm an, er will dich abhängen. Wenn er als Erster am Beckenrand anschlägt, wird er jubeln wie die Schwimmer bei den Olympischen Spielen. Natürlich kannst du ganz gemütlich weiterschwimmen und den Knirps seinen Spaß haben lassen. Aber das setzt voraus, dass du bis jetzt auch schon „ganz gemütlich" unterwegs warst. Vielleicht bist du aber ein bisschen schneller geschwommen, treibst Sport, willst mal sehen, was du noch so draufhast. Dann kommst du nicht so leicht davon.

Also gut, du erhöhst das Tempo und plötzlich willst du nur noch gewinnen. Du ziehst hektisch deine Arme durchs Wasser, schlägst wie wild mit deinen Beinen, tauchst nur noch kurz auf, um Luft zu schnappen. Und du siehst den dicken kleinen Jungen vor dir, wie er verzweifelt versucht, den Abstand zu halten. Den Abstand, der immer kleiner wird und kleiner …

Egal, ob du nun als Erster oder als Zweiter oder gar nicht am Beckenrand anschlägst: Du hast dich zum Idioten gemacht. Entweder bist du eine lahme Ente, die vermutlich schon beim Babyschwimmen abgehängt würde. Oder du bist ein vernagelter Erfolgsfaschist, der nicht in der Lage ist, einem dicken kleinen Junge einen winzigen Triumph zu gönnen. Am besten gehst du erst mal eine Runde duschen.

Neue Wunderkinder und Höchstbegabte

Wenn du anderen Eltern zuhörst, was die so von ihren Kindern erzählen, dann fragst du dich schon: Warum können meine Kinder nicht auch solche Wunderkinder sein wie alle anderen? Da spielen welche Klavier wie der junge Mozart. Oder Fußball wie der alte Zinédine Zidane. Andere malen, komponieren, schreiben Geschichten, lesen Goethe oder haben ihre technischen Begabungen. Reparieren Küchengeräte, Rasenmäher oder den Firlefanz der Unterhaltungselektronik. Manche bauen auch. Vorzugsweise Alarmanlagen, mit denen sie ihre Erfinderwerkstatt abschotten. Die haben schon viel begriffen in ihrem jungen Leben. Manche bauen auch Lampen, Baumhäuser und alles, was sich mit Solarstrom betreiben lässt. Und bei den Computern und den Handys, da macht ihnen sowieso keiner was vor. Da braucht man gar keinen Servicetechniker mehr, wenn man solche Kinder im Haus hat.

Was diese neuen Wunderkinder jedoch von den alten unterscheidet: Sie haben alle eine unbeschwerte Kindheit. Haben Freunde und toben im Waldkindergarten, was das Zeug hält. Die Eltern richten sie nicht ab wie ein Zirkuspferd. Da gibt es keine Dressur wie im Hause Mozart oder beinharte Trainingseinheiten wie bei Steffi Graf. Nein, das ist alles von selbst gewachsen. Eine Kindergärtnerin hat Alarm geschlagen oder die freundliche Pädagogin von der musikalischen Früherziehung. Das Kind muss gefördert werden, mit Einzelunterricht am Klavier oder der Violine. Und es macht ihm ja selbst so viel Spaß. Es übt von ganz allein. Man muss es sogar noch bremsen, dieses neue Wunderkind. Auf Kindergeburtstage schicken oder in den Chinesisch-Kurs, wo die Kinder ganz spielerisch lernen.

Allerdings schlägt diesen Wunderkindern irgendwann die Stunde der Wahrheit. Du kommst zu Besuch und musst dir selbstverständlich die neue selbstkomponierte Sonate der neunjährigen Constanze-Henriette anhören. Oder die Skulpturen des zehnjährigen Carl-Friedemann abschreiten. Und dann lässt es sich nicht länger verbergen: Diese Kinder können nichts. Sie wären besser vor dem Fernseher aufgehoben. Mit einer großen Tüte Chips, damit sie nicht so viel schwafeln. Auf ihre schlauen Kommentare hast du nämlich so was von gar keine Lust.

Das ganze Gerede über diese formidablen Fähigkeiten der Kleinen ist mindestens genauso erstunken und erlogen wie die Erzählungen, die du über deine eigenen Kinder verbreitest. In denen steckt wenigstens noch ein Körnchen Wahrheit. Wenn es auch nur ein kleines Körnchen ist. Doch das hier? Kaum auszuhalten. Aber das Schlimmste steht dir noch bevor: Kaum hast du die Sonate überstanden oder die Skulpturen lange genug mit prüfenden Blicken gemustert, musst du den Dreck auch noch loben. Die Grenzen deiner Glaubwürdigkeit wirst du weit überschreiten und Dinge sagen, von denen du hoffst, dass andere Ohren sie nicht zu hören bekommen.

Allerdings ist das noch angenehm und irgendwie amüsant im Vergleich zu dem, was dir blüht, wenn du auf ein echtes Wunderkind triffst. Dessen Fähigkeiten du nicht so leicht abstreiten oder ins Lächerliche ziehen kannst. Solche sagenhaften Kinder gibt es. Mehr als du glaubst. Und leider sind es niemals die eigenen.

Über so ein Kind sagte ein Bekannter neulich, es sei „höchstbegabt“. Da hast du es. Höchstbegabt. Wenn Kinder wirklich etwas auf dem Kasten haben, dann sind sie nicht „hochbegabt“. Sondern eben „höchstbegabt“. Hochbegabt ist heute jeder Stoffel, der aus Bauklötzen einen Turm baut. Und hat nicht auch dieser überaus beliebte Hirnforscher mit dem hellgrauen Bart erklärt: „Jedes Kind ist hochbegabt"? In solchen Zeiten reicht Hochbegabung nicht mehr aus. Wahrscheinlich blamierst du dich in bestimmten Kreisen, wenn du sagst: „Mein Kind ist übrigens hochbegabt.“ – „Aber das macht doch nichts", wird eine Mutter mitleidig erwidern, die ihren Zehnjährigen jeden Tag zur Uni karrt. Damit er dort seine Vorlesungen über theoretische Physik hält. Dein Kind ist deswegen noch lange kein Loser. Schließlich muss es ja noch Leute geben, die solche Höchstbegabten vergöttern.

Matthias Nöllke: Ich will mich aber aufregen! Schwarzkopf & Schwarzkopf, 248 Seiten, 9,95 Euro.