Mamas & Papas

Urlaubsflirt eines Neunjährigen

Hajo Schumacher über seinen plötzlich etwas seltsamen Sohn

Wir sind eine emotionale Familie. Die Kinder sollen früh lernen, ihre Gefühle zu zeigen, zumindest die schönen. Für die anderen sind die Eltern zuständig. Es begann damit, dass Hans sich verdächtig oft im Bad unserer Ferienpension aufhielt, und zwar deutlich länger als die von zu Hause gewohnten 30 Sekunden. Natürlich respektieren wir die Privatsphäre unseres Sohnes, aber man wird ja noch mal nachschauen dürfen. Ich ertappte Hans, wie er sein widerspenstiges Haar mit einer nassen Bürste und viel Schmiere aus den Beständen der Chefin zu einer kühnen Justin-Bieber-Tolle türmte. Hatte er ein Vollbad in meinem After Shave genommen? Zum Abendessen zog er sich – erstmals in seinem über neun Jahre dauernden Leben – eine frische Jeans an und fragte mehrfach, ob Schokoladenreste vom Nachmittagskuchen in seinen Mundwinkeln klebten. Alarmsignale: Wird da wer erwachsen? Kann nicht sein. Was der Vater in 40 Jahren nicht geschafft hat, wird der Bengel wohl kaum in wenigen Stunden erledigen.

Bei Tisch machte Hans allerlei Faxen, dirigierte mit Sesamstangen, balancierte Makkaroni auf der Zungenspitze und nippte an meinem Rotwein. Hat das Kind das Entertainment-Talent seines Vaters geerbt oder von den Pillen der anderen Kinder genascht? Vom Nachbartisch kiekste ein Mädchen mit Zöpfen. Aha, ich kapierte: Hans absolvierte seinen ersten Urlaubsflirt. „Gefällt sie dir?“, fragte ich kumpelhaft, als die Mutter das Salatbüffet inspizierte. Knallrote Ohren. „Wie heißt sie denn?“ Hans spähte zum Nachbartisch und flüsterte: „Lotta. Sie ist zehn.“ Lotta also, interessant. Was mögen das für Eltern sein? Auf jeden Fall nicht so steif wie „Marie-Luise“, zugleich aber nicht RTL-doof wie „Shakira“. Die Mutter scheint tendenziell herrisch zu sein, sie mahnt öfter mal Tischmanieren an. Der Vater trägt Karohemd, schweigt und zwingt sich zu einem interessierten Urlaubslächeln während seine beiden Damen über Ponys schwatzen. Alles wie bei uns, wenn man Pony durch Lego ersetzt. Positiv: weder Smartphone noch Tablet-PC am Esstisch. Punktabzug für zu viel Goretex am Leib. Leise frage ich Hans, ob seine künftigen Schwiegereltern einen Angeber-SUV fahren oder gar einen „Lotta-an-Bord“-Aufkleber am Heck kleben haben. „Sie kommen aus Köln“, erklärt er während die Chefin mit einem Rucola-Radieschen-Ensemble zurückkehrt: „Aber nichts Mama verraten“. Ehrensache: Mütter ertragen Rivalinnen nicht mal, wenn sie noch Windeln tragen. Ich winke hinüber zu Lotta. Hans tritt mich unterm Tisch.

Später entdecke ich unseren Bonsai-Romeo hinterm Holzstoß und lenke unseren Verdauungsspaziergang unauffällig zu den Turtelnden. Doch die Chefin zieht mich streng zurück. „Lass den Jungen in Ruhe“, mahnt sie. „Aber vielleicht zwingt sie ihn, über Ponys zu reden“, werfe ich ein. „Wahre Liebe hält das aus“, sagt meine weisere Hälfte. Kaum zu Hause, werde ich wohl eine Pferdezeitschrift abonnieren müssen.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Sandra Garbers.