Selbstbestimmtes Leben

Auf in die neue Wohnung

Beinamputierte Ellen K. findet ein barrierefreies Zuhause in Kreuzberg

Ellen kann es noch gar nicht glauben – bald wird ihr langersehnter Wunsch in Erfüllung gehen: Endlich wieder allein auf die Straße gehen, ihr Leben wieder selbst bestimmen. „Ich kann es kaum erwarten einzuziehen. Dann bin ich wieder ein freier Mensch und nicht mehr gefangen in meiner eigenen Wohnung“, sagt sie und strahlt Thomas Du Chesne (49) mit Tränen in den Augen an. Der Makler vom gleichnamigen Immobilienbüro war durch den Bericht in der Berliner Morgenpost auf das Schicksal der 42-Jährigen aufmerksam geworden. Das Foto mit dem traurigen Blick der Frau im Rollstuhl ließ ihn nicht mehr los. „Ich dachte mir sofort: Da muss ich helfen“, erinnert er sich.

Zur Vorgeschichte: Nach einem Glatteissturz hatte sich die begeisterte Squashspielerin einer kleinen Knie-Operation unterzogen. Doch während des Routineeingriffs gelangten multiresistente Krankenhauskeime durch die Wunde in ihr Knie. Sie breiteten sich nach und nach in Ellens ganzem Körper aus, zerstörten das linke Knie und die linke Schulter. Der Kampf gegen die winzigen Killer, die in Deutschland jährlich mehr als 2000 Menschen das Leben kosten, dauerte Jahre.

Die sportliche Frau musste ihre im vierten Stock gelegene Altbauwohnung in Kreuzberg aufgeben und in einen Einzimmer-Wohnung nach Mariendorf ziehen. Anfangs konnte Ellen das Appartement im ersten Stock noch einigermaßen gut zu Fuß erreichen: „Ich hatte zwar Schmerzen, aber ich konnte noch laufen.“ Dann der Schock: Das linke Bein wurde in einer Notoperation amputiert, ein Teil des Schultergelenks ebenfalls. Die Prothese für das Bein ist zu schwer, um sie ständig zu tragen, Ellen K. ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Doch die Nachbarn waren gegen den Einbau eines Treppenlifts. Die junge Frau war gefangen in ihrer Wohnung, um sie zu verlassen, ist sie immer auf Hilfe angewiesen. „Aber ich will doch selbstständig leben und nicht in ein Pflegeheim“, sagt die 42-jährige und suchte verzweifelt nach einer Wohnung, in der sie sich mit dem Rollstuhl bewegen, selbst für sich kochen und vor allem, die sie auch allein verlassen kann. Nach dem Bericht in der Berliner Morgenpost im Mai meldeten sich auch viele Leser, die Ellen K. Hilfe anboten. „Ich habe mich sehr über die Anteilnahme gefreut“, sagt die 42-jährige. Ellens Leidensgeschichte ging noch weiter: Nach einem neuerlichen Sturz Ende Juli entfernten die Ärzte noch der Rest ihres linken Schultergelenks. Für die Linkshänderin fatal. Doch die vom Schicksal so schwer geprüfte Frau ist eine Kämpfernatur. Nur einen Tag nach der Entlassung aus dem Krankenhaus lächelt sie die Schmerzen weg, als sie mit ihrem Pfleger auf der Baustelle nahe der Rudi-Dutschke-Straße in Kreuzberg ankommt. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl, die Schulter ist dick eingebunden, ihr linker Arm bewegungslos in ihrem Schoss. Die Strapazen der vorangegangenen Operation sieht man ihr noch an. Doch als Thomas Du Chesne gemeinsam mit seinem Sohn und Ellens Pfleger den Rollstuhl durch den Baustellenschutt manövriert, sind sie vergessen. „Danke, danke“, sagt sie immer wieder, „ich bin so unendlich dankbar! Meine Traumwohnung und das auch noch in meinem alten Kiez, es ist der Wahnsinn!“

Auch Thomas Brinkmann packt mit an. Er ist Prokurist von ARB Asset Management, einem Unternehmen, das im Auftrag eines Investors die 200 Mietwohnungen in Laufweite vom Checkpoint Charlie baut. „Wir helfen gerne und als Thomas Du Chesne uns Ellens Geschichte erzählt hat, habe ich keine Sekunde gezögert“, begründet er sein Engagement. Um Ellen ihre Traumwohnung zu ermöglichen, verzichtet der Investor auf einen Teil der Miete. Die beiden Helfer spendieren außerdem die Einbauküche, die den Bedürfnissen der Rollstuhlfahrerin angepasst wird.

Möglicherweise kann die zukünftige Mieterin sogar einige Möbelstücke aus der Musterwohnung übernehmen. Im Geiste überlegt sie schon, wo etwas stehen soll. Doch noch ist etwas Geduld angesagt: Im Moment ist ihr neues Zuhause im Rohbau, Fensterrahmen und Türstöcke lehnen noch vor dem Haus, der Estrich ist noch nicht verlegt und dort, wo demnächst die Holzterrasse gebaut wird, ist noch ein Schuttberg. Doch schon jetzt kann man erkennen, dass die Türen der Erdgeschosswohnung breit genug für den Rollstuhl sind. Im Dezember soll der Bau fertig sein. Dann kann Ellen einziehen - in eine neue Wohnung und zurück ins Leben.

Die Immowelt-Initiative „Verändere Deine Stadt“ bietet eine kostenlose Plattform für Vermieter und Mieter, um Menschen wie Ellen K., aber auch gemeinnützigen Einrichtungen bei der Suche nach kostengünstigen Räumen zu helfen.

www.veraendere-deine-stadt.de