Partnerschaft

„Männer zweifeln nicht so viel, das finden viele Frauen erfrischend“

Freundschaftsforscher Wolfgang Krüger im Interview

Freundschaften zwischen Männern und Frauen sind großartig, sagt Dr. Wolfgang Krüger, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Der Psychotherapeut und Buchautor erforscht seit 30 Jahren das Thema Freundschaft und seine Bedeutung für Männer und Frauen.

Berliner Morgenpost:

Herr Krüger, was macht eine Freundschaft aus?

Wolfgang Krüger:

Eine Freundschaft ist eine tiefe Beziehung, in der man sich möglichst alles erzählen kann, auch Dinge, die man sonst nicht zugeben würde, Peinliches und Intimes. Sie beruht auf einem Vertrauensverhältnis. Auf einen echten Freund kann man sich immer verlassen und ihn auch um fünf Uhr morgens anrufen, wenn man Probleme hat.

Funktioniert das auch zwischen Männern und Frauen?

Ja, allerdings nur unter drei Voraussetzungen: 1. Sie ist nicht sein Typ. 2. Er ist erotisch gesättigt oder in einer Beziehung. Wenn beides nicht zutrifft, gilt 3. Der Mann muss in der Lage sein, Nähe über Gespräche herzustellen und nicht nur über Sex. Wenn die Frau keine Beziehung hat, wird der Mann sonst immer wieder versuchen, ob er sie nicht doch rumkriegt.

Und wenn das mal passiert?

Wer die Freundschaft erhalten will, darf diese Grenze nicht überschreiten. Wenn sie ein einziges Mal miteinander schlafen, ist die Sache gelaufen. Da lassen sie den Teufel aus der Flasche, Sehnsüchte, Bedürfnisse erwachen und machen eine unbekümmerte Freundschaft unmöglich. Der Abstand, den eine Freundschaft auch beinhaltet, ist auch ein Schutz vor zu starken Gefühlen. Ihn zu zerstören, gleicht einem Sündenfall.

Gibt es enge Freundschaften zwischen Männern und Frauen heute häufiger als früher?

Grundsätzlich ja, denn die Bedeutung von Freundschaft nimmt allgemein zu. Wenn Männer überhaupt echte Freundschaften haben, dann eher mit Frauen als mit Männern. In einer Studie über Männerfreundschaften habe ich herausgefunden, dass ein Drittel aller Männer überhaupt keine engen Freundschaften mit dem Tiefgang und der Offenheit hat, die dafür nötig sind. Das ist verhängnisvoll, denn um echte Netzwerke zu haben, sind die meisten Männer damit von den Frauen abhängig. Das hat sich bis heute nicht signifikant verändert.

Woran liegt das?

Das Hauptproblem unter Männern ist die Rivalität und das Bedürfnis, Stärke zu zeigen, um anerkannt zu werden. Ihren Wunsch nach Nähe und Anerkennung können sie zudem schlecht über Gespräche herstellen. Wenn sie Frauen „erobern“, dient das oft eher ihrem Ego, dem Bedürfnis nach Großartigkeit und Bestätigung – um den Sex oder eine Beziehung geht es weniger. Frauen sind da anders, ihre Freundschaften haben eine große Intensität, sie haben ein feines Gespür für Solidarität und Zusammenhalt. Da ist die Durchschnittsfrau dem Durchschnittsmann voraus. Selbst wenn Frauen männliche Freunde haben, rufen sie im Zweifel zuerst ihre beste Freundin an.

Gibt es überhaupt den „besten“ Freund?

Wir haben meist einen bis drei Herzensfreunde, denen wir absolut vertrauen. Bei existenziellen Fragen entsteht im Kopf durchaus eine Rangfolge. Wer ist für mich da, wenn ich in eine Krise gerate, wer, wenn ich krank werde oder pleite gehe? Diese Herzensfreundschaften sind dann auch sehr stabil, das gilt für Männer und Frauen. Wenn das Vertrauen da ist und eine Verlässlichkeit wie bei Geschwisterbeziehungen, entsteht ein schweigendes Verständnis. Dann werden diese Freundschaften Teil unserer inneren Realität und halten auch große Distanzen aus.

Was ist reizvoll an gegengeschlechtlichen Freundschaften?

Die Frauen schätzen an Männerfreunden ihre Sachlichkeit, ihre einfache Art, die Welt zu erklären, und ihre Ausstrahlung von Erfolg. Männer zweifeln nicht so viel, das finden viele Frauen erfrischend. Männer ihrerseits erleben, dass Frauen ihnen besser zuhören und weniger mit ihnen rivalisieren als Männerkumpels. Im Vergleich zu einer Partnerschaft ist eine Freundschaft entspannter und nicht mit dem emotionalen Urschleim bis in die Kindheit befrachtet. Freundschaften sind dadurch ruhiger und stabiler.

Haben junge Leute heute ein stärkeres Bedürfnis nach solchen Freundschaften, weil Liebesbeziehungen unsicher und die Familien brüchig geworden sind?

Die sozialen Bezüge ändern sich, die Bedeutung der Familie geht zurück. Bei Problemen geht man nicht mehr wie früher zur Mutter oder zum Pfarrer, sondern eher zu seinem Freund oder Partner. Die Bedeutung von Freundschaft nimmt zu, obwohl auch die Dauer von Partnerschaften und der Wert von Treue gleichzeitig wieder steigt. Wir suchen Bindung in einer intensiven Partnerschaft bei gleichzeitiger Autonomie mit engen Freundschaften.

Viele Mann-Frau-Freundschaften entstehen nach einer Trennung. Sind dann die Chancen für eine Freundschaft größer?

Die Zahl der Menschen, die nach einer Partnerschaft Freunde werden, steigt. Zum einen, weil viele eine Trennung eher akzeptieren können als früher und die Erfahrungen mit dem Ex-Partner nicht wegwerfen wollen. Zum anderen wegen der Kinder, denen sie weiter Eltern sein wollen. Und weil sie den Kontakt zur Schwiegerfamilie sichern wollen. Das ist ein Fortschritt und ein Segen für die Kinder. Aber wenn wir genau hinsehen, haben diese Freundschaften meist Grenzen.

Welche?

Gewisse intime Dinge erzählt man seinem Ex-Partner eher nicht. Die Freundschaft zwischen Ex-Partnern bleibt immer eine Sonderbeziehung mit Empfindlichkeiten. Außerdem sind wir in Freundschaften anspruchsvoller als in Liebesbeziehungen. Weil mehr Abstand da ist, brauchen wir mehr vernünftige Gründe, um mit dem anderen wirklich reden zu wollen. Es ist relativ selten, dass eine gewesene Partnerschaft zu einer richtigen Herzensfreundschaft wird. Damit das gelingt, muss die vorherige Beziehung schon eher geschwisterlich gewesen sein. Im Normalfall bleibt es eher eine Durchschnittsfreundschaft. Man ist sich herzlich zugetan, aber es werden verschlossene Räume bleiben. Sehr leidenschaftlichen Paaren gelingt das eher nicht, da sind zu viele Kränkungen im Spiel.Interview: Gerlinde Schulte