Mamas & Papas

Warum Punks glücklicher sind

Sandra Garbers über Kinder und die Liebe zum Tier

Wir wohnen in einer Stadtwohnung, wir haben keinen Garten. Der nahe gelegene Park ist kein Hundeauslaufgebiet, die Balkone sind nicht katzensicher. Vögel lassen Dinge fallen, die man lieber nicht auf dem Fußboden hat, wenn es einen Einjährigen gibt, der alles in den Mund steckt. Fische sind langweilig, Kaninchen sehen am glücklichsten aus, wenn sie auf Gras Haken schlagen können, Hamster sterben nach zwei Jahren. Schildkröten kriegt man mehrere Monate im Jahr nicht zu Gesicht. Kurzum: Es gibt Gründe, warum wir kein Tier haben.

Meine Dreijährige sieht das anders. Sie kennt mittlerweile jedes streichelbare Tier der Umgebung. Wenn sie abends herzzerreißend weint, muss ich nicht mehr nach dem Grund fragen, es ist dieser: „Huhuhuuuuu, ich hab heute noch keinen Hund gestreichelt, huhuuu.“ Bei jeder freilaufenden Katze weiß sie: „Die hat wohl keinen Besitzer. Sie will zu uns.“ Selbst die Punks am Alexanderplatz werden von ihr beneidet: „Die haben Glück, oder Mama?“ – „Warum?“ – „Die dürfen einen Hund haben!“ Streichelt sie einen Hund, erzählt sie dessen Besitzern sogleich von der größten Ungerechtigkeit der ganzen Welt: „WIR haben ja KEIN Tier...“ Endgültig erledigt aber waren wir, als sie kürzlich sagte, sie vermisse unsere Katze. „Ich will in den Himmel zu Motek. Der liebe Gott ruft mich schon, hörst du, Mama?“

Das ist alles nicht mehr mitanzuhören. Familienrat! Ist es nicht viel besser, wenn Kinder mit Tieren aufwachsen, als wenn sie, wie wir kürzlich bei einer Zweijährigen erlebt haben, eine panische Schreiattacke bekommen, wenn Katze oder Hund sich auch nur auf zwei Meter nähern? Werden Kinder mit Tieren nicht viel verantwortungsbewusster und durchsetzungsfähiger? Ist die Vorstellung, dass sie mit einem Hund im Garten tollen, nicht viel schöner, als wenn sie brav bei der musikalischen Früherziehung hocken? Macht dem Vater das Joggen nicht viel mehr Spaß, wenn er eine Begleitung hat, die nicht quatschen will? Jajajajaja. Und: Ist Urlaub in Bayern nicht auch schön? Tut es einem nicht wahnsinnig gut, schon im Morgengrauen spazieren zu gehen? Nur ich, der Hund und eine Plastiktüte? Ist es nicht toll, wenn man an der Ostsee nicht mehr den schönsten Strand suchen muss, weil eh nur der Hundestrand in Frage kommt? Wenn man nicht mehr nur Babysitter finden muss, sondern auch noch Hundesitter?

Reden wir vielleicht lieber über Katzen. Lernen Kinder mit ihnen nicht von klein auf, dass alles Befehlen nichts bringt, wenn das Gegenüber sich gerade viel lieber ausgiebig die Pfoten lecken will? Oder dass man nicht „Pettersson und Findus“ auf dem Computer schauen kann, wenn gerade jemand findet, dass die Tastatur ein wunderbarer Platz zum Räkeln ist? Und: Ist ein Leben ohne Katze nicht ohnehin ein Provisorium? Jajaja.

Meine Tochter denkt, sie bekommt jetzt endlich ein Tier. Soll sie ruhig, aber in Wirklichkeit ist es natürlich meines.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher.