Nebenjobs

Jobben macht Laune

Eis verkaufen, auf dem Bau schuften, im Strandbad helfen: Jetzt ist Hochsaison für Nebenjobs. Das bringt Geld – und Erfahrungen fürs Leben. Jugendliche berichten

„Diesen Link möchte ich jetzt per E-Mail senden.“ Sätze wie diesen hat Moritz heute fast drei Stunden lang immer wieder gesagt: mal laut, mal leise, mal langsam, mal schnell. „Bisschen öde“, sagt der 17-Jährige grinsend, „aber insgesamt ein guter Job.“ Schon länger hatte er online nach einer Arbeit gesucht und endlich das gefunden: Die Youse-Agentur suchte 600 Jugendliche, die eine Sprachsoftware in der deutschen Version testen. „Sprich mit dem Computer und verdiene 35 Euro“, hieß es. Da hat Moritz gleich zugeschlagen: „Klare Sache, kein großer Papierkrieg und Geld gleich auf die Hand.“

Es ist Ferienzeit – Hochsaison für Nebenjobs. Die Nachfrage bei Schülern und Studenten ist groß: Es sei kein Problem gewesen, die 600 Jugendlichen zum Sprachsoftwaretest zusammenzukriegen, heißt es bei der Youse-Agentur. Einen Ansturm auf Ferienjobs hat auch Franziska Jessing von der Berliner Service-Agentur InMind beobachtet. Hier seien aktuell „vielleicht fünfzig“ Schüler und Studenten unter Vertrag. Auch auf der Angebotsseite sieht es gut aus: Im Supermarkt Regale auffüllen, Flyer verteilen, Gartenarbeit, Kinokarten abreißen oder an der Kasse sitzen, das alles findet man bei Ebay-Kleinanzeigen, einer der beliebten Jobbörsen. Dennoch kommen Arbeitnehmer und Arbeitgeber nicht immer so leicht zusammen, denn Schülerjobs sind in Deutschland stark reglementiert. Dabei bringen sie viel mehr als Geld für den persönlichen Konsum.

„Keiner sagt: Ich pfeife auf die Schule, ich mach’ jetzt Kohle“

„Sie suchten Leute ab 16“, sagt Moritz über seinen Software-Testjob, und das sei die große Ausnahme. „Überall nehmen sie nur über 18-Jährige und das nervt total“, findet er. Bis er auf das Angebot stieß, verlief seine Suche nach einem Ferienjob nicht so gut. Sogar alle Eisläden in der Umgebung habe er abgeklappert – erfolglos. Er ärgert sich über die Altersdiskriminierung und das ganze Drumherum, bis man endlich einen Job ergattert hat. „Den ganzen Papierkram mit Bewerbungen und Steuer, eine Arbeitserlaubnis vom Amt und was weiß ich noch alles“, zählt er auf. „Außerdem ist die Konkurrenz groß, denn viele suchen einen Job.“

Konkurrenz um Personal gibt es durchaus, sagt Susanne Kempf, Projektleiterin bei der Berliner Filiale der Münchener Service-Agentur „Engelsanwärter“. Ihre „Engelsanwärter“ bekommen acht Euro in der Stunde „und nach drei Monaten, wenn’s gut läuft, zahlen wir auch neun.“ Ab Januar nächsten Jahres, wenn der Mindestlohn kommt, starten alle mit 8,50 Euro. Das sei aber kein Problem, vorausgesetzt, dass Dumping-Angebote anderer Agenturen an Kunden, die aushilfsweise Service-Personal suchten, das Geschäft nicht erschwerten.

Pünktlichkeit und Leistung

Für die Mitarbeiter gibt es Schulungen, Briefings, Feedback, und alle paar Wochen werden die Vielarbeiter vom Chef zum Bierchen eingeladen. „Es sind doch Jugendliche“, sagt Susanne Kempf und wirkt mütterlich, „die müssen ihre Erfahrungen im Berufsleben doch erst noch machen und dabei begleitet werden“. Damit meint sie auch Tugenden wie Pünktlichkeit und Arbeitsleistung. Prinzipiell stelle die Agentur auch 17-Jährige und sogar 16-Jährige ein. „Doch wir machen sie darauf aufmerksam, dass sie keinen Alkohol ausschenken dürfen und die gesetzlichen Zeitbeschränkungen der Arbeit beachten müssen: nicht nach 23 Uhr, nicht vor der Schule, nicht am Wochenende.“ Das sei manchmal etwas schwierig, denn die Jobs als Kellner oder Hostess bei Veranstaltungen lägen meist am Wochenende oder abends. „Dann rate ich schon mal zu warten, bis man 18 ist.“ Bis dahin müssen sowieso die Eltern den Arbeitsvertrag unterschreiben. Doch Bedenken wegen der Schule seien eher die Ausnahme, hat Susanne Kempf in den Gesprächen mit den Eltern der minderjährigen Mini-Jobber festgestellt.

Eltern sehen den Arbeitseifer ihrer Kinder im Allgemeinen mit Wohlwollen. Auch der 12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung bewertet Schülerjobs durchaus positiv. Demnach bleiben arbeitende Schüler seltener sitzen und schreiben ähnlich gute Noten wie ihre Klassenkameraden, die nicht arbeiten. „Den Arbeitserfahrungen ihrer Kinder weisen viele Eltern einen wichtigen pädagogischen Wert zu und ermuntern ihre Kinder sogar zur Aufnahme eines Nebenjobs“, vermutet die empirische Bestandsaufnahme des DIW im Gefolge des Kinder- und Jugendberichts über „Bildungs- und Lernangebote im Schulalter“.

Johnny war erst 14, als er zum ersten Mal aufs Fahrrad stieg und für eine Apotheke zwei Mal in der Woche Medikamente auslieferte. Seine Mutter hatte ihm damals den ersten Job vermittelt, „in der Hoffnung, dass er dadurch lernt, sich seine Zeit besser einzuteilen“. Johnny entdeckte neben dem Zeitmanagement noch ganz neue Freuden: „Es ist ein gutes Gefühl, eigenes Geld zu verdienen“, betont er heute im Blick auf seine nunmehr vierjährige Berufserfahrung, die ihn mittlerweile in einen Eisladen geführt hat. „Viel besser als Taschengeld, denn es hat mehr Wert, weil ich es selbst verdient habe.“ Zwischen 40 und 50 Euro bekam er in der Woche. Heute füllt er einen amtlichen Minijob aus, der mit 450 Euro monatlich entlohnt wird. Und was macht er mit dem Geld? „Mit Freunden ausgehen, einen Teil der Handykosten selbst bezahlen, Mädchen einladen. Wenn ich etwas haben will, kann ich mir das kaufen, ohne meine Mutter zu fragen.“ Sparen? Johnny grinst schief. „Das geht in Berlin nicht.“

Kinder arbeiten in Deutschland an vielen Orten. Im privaten und im öffentlichen Raum, legal und mit Lohnsteuerkarte, gegen Bares und ohne Vertrag, häufig aber auch verboten. Sie arbeiten aus eigenem Antrieb und wie die Erwachsenen um des Geldes willen, manchmal aber auch, weil die Eltern ihnen das nahelegen.

Wenn man die Jüngeren fragt, betonen sie den Spaß, den ihnen das Arbeiten macht und dass sie sich über eigenes Geld ein Stück Unabhängigkeit vom elterlichen Portemonnaie erobern. Die Älteren schätzen vor allem die Abwechslung. „Mal ein anderer Input, das bringt Frische in den Alltag“, sagt die 22-jährige Laura über die vielen Jobs, die sie kennengelernt hat. „Ich habe schon früh mit Ponyreiten und Zeitungen austragen angefangen“, sagt sie und erinnert sich gerne „an das supergute Gefühl, eigenes Geld verdient zu haben. Das fühlt sich viel wertvoller an, als wenn man es einfach gegeben kriegt.“

Wunsch nach Anerkennung

Wenn Kinder jobben, heiße es schnell, sie würden sich damit nur teure Konsumwünsche erfüllen wollen, erklärt die Soziologin und Kindheitsforscherin Beatrice Hungerland und wundert sich, warum so schnell das Bild vom minderjährigen Markenmonster heraufbeschworen wird. „Es ist doch nicht verwerflich, für soziale Anerkennung etwas zu tun.“ Über arbeitende Kinder und ihre Motive werde in Deutschland sehr von oben herab gesprochen. Arbeiten, um sich materielle Dinge leisten zu können, „das machen wir doch alle“.

Zusammen mit dem Soziologen Manfred Liebl hat sie an der Technischen Universität Berlin das Forschungsprojekt „Kinder und Arbeit“ geleitet und 38 Kinder zwischen neun und 15 Jahren zu ihren Erfahrungen in der Arbeitswelt befragt. Die sehen ihr Arbeiten durchaus positiv und betonen, dass ihnen neben dem Geld vor allem die Anerkennung wichtig ist.

Auch die Professorin kann den Verdacht, dass die schulischen Leistungen unter dem jugendlichen Erwerbstrieb leiden, nicht bestätigen. „Keiner, der jobbt, sagt: Ich pfeife auf die Schule, weil ich weiß, wie man Kohle machen kann. Kinder, die arbeiten, haben den Wert der Schulbildung viel eher begriffen.“ Allerdings redeten sie in der Schule nicht gerne darüber. „Kinder erzählen dem Lehrer nicht, wenn sie jobben. Auch mit Klassenkameraden sprechen sie nur sehr verhalten, weil sie Neid fürchten“, hat Beatrice Hungerland beobachtet. „Jeder ist doch dankbar, wenn er einen guten Job gefunden hat“, sagt auch Johnny, „das lässt man dann nicht so raushängen. Es ist besser, wenn die Lehrer das nicht mitkriegen.“

Arbeitende Kinder und Jugendliche sind in Deutschland nicht gern gesehen, und ihre Jobs werden noch bis ins Studentenalter hinein reglementiert. Maximal 20 Wochenstunden oder ausschließlich in den Semesterferien darf der eingeschriebene Student arbeiten. Wer jünger als 14 Jahre alt ist, darf in Deutschland überhaupt nicht arbeiten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die vor allem das wachsende Arbeitsfeld in den Medien für Kinder betreffen. 15-Jährige dürfen ausnahmsweise und mit Genehmigung der Eltern ein bisschen arbeiten, aber nicht mehr als zwei Stunden täglich mit Babysitten oder Gartenarbeit verbringen. Mit 16 sind höchstens acht Stunden Arbeit erlaubt, aber nur zwischen 6 und 20 Uhr, maximal 40 Stunden in der Woche und nicht mehr als vier Wochen im Jahr.

Was ist erlaubt?

Die Verbote sollen vor Ausbeutung und Gefahren schützen, die mit der Arbeit einhergehen. Nicht zu schwer, nicht zu lange und immer nur freiwillig soll die Arbeit sein. Was aber ist leichte, was schwere oder gefährliche Arbeit? Wenn die 13-Jährige nachmittags auf das Baby von Mutters Freundin aufpasst und dafür ein paar Euro bekommt, ist das erlaubt. Wenn sie das abends macht, weil die Mutter zwei Stunden ins Kino will, bleibt das verboten. Wenn die neunjährige Elina den Nachbarshund ausführt, ist das legal – jedenfalls zwei Stunden lang. Danach ist es illegal.

Die Grauzone zwischen Freizeitspaß und Kinderarbeit ist noch nicht vermessen. Aber bis zum Ende der Pflichtschulzeit haben etwa 80 Prozent der in den Länderstudien aus Thüringen, Bayern und Hessen um die Jahrtausendwende befragten 2477 Schüler zwischen zwölf und 15 Jahren – aktuelle Zahlen gibt es nicht – Erfahrungen mit Erwerbsarbeit gesammelt. Ungefähr die Hälfte der Schüler übte häufig oder gelegentlich einen bezahlten Job aus, die meisten in der achten, neunten und zehnten Klasse. Die meisten bewerten sie positiv. 89 Prozent gaben an, sehr gerne neben der Schule arbeiten zu wollen.

Noch immer bestimmen Bilder von Kindern im Bergbau, auf dem Feld oder in Ausbeuterfabriken am anderen Ende der Welt das Reden in den Medien bei uns. Arbeitende Kinder gelten als Phänomen aus dunkler Vergangenheit, und wo es sie „noch“ gibt, wird Entwicklungsländern der gleiche Weg empfohlen, wie ihn Europa im 19. Jahrhundert gegangen ist, als der preußische Staat die ersten Kinderarbeitsverbote einführte und auf die Durchsetzung der Schulpflicht drang. Seither gilt die Kindheit als Zeit der Vorbereitung aufs Erwachsensein, es gibt eine Welt für Kinder und eine für Erwachsene. Gleichzeitig wird damit aber den Kindern eine aktuelle Nützlichkeit für die Gesellschaft abgesprochen, ihre Schulanstrengungen werden nicht als Arbeit wahrgenommen.

Bürgerliche Kindheitsmuster

Doch es gibt fließende Übergänge zum Engagement in Gemeinden, Vereinen oder Kirchen. Auch die Gründung von Schülerfirmen wird gefördert – aus pädagogischen Gründen. „Wo’s kein Geld gibt, dürfen Kinder arbeiten“, umreißt Manfred Liebl den blinden Fleck. Er sieht Kinder als soziale Akteure, die einen wirtschaftlichen Beitrag leisten und soziale Anerkennung verdienen. Fragwürdig findet er die mit dem bürgerlichen Kindheitsmuster entstandene Vorstellung, dass Kindsein und Arbeit sich ausschließen oder nur zum Schaden der Kinder miteinander verbunden werden. So werden Kinder aus allen ökonomischen Zusammenhängen verbannt – außer dem Konsum. Eine paradoxe Situation: Die ganz besondere Bedürftigkeit, die man Kindern reflexhaft zuschreibt, lässt ihre Teilhabe an der Gesellschaft nach eigenem Gutdünken nicht zu.

Kinder werden bei uns vor der Arbeit geschützt, sogar wenn sie selbst auf diesen Schutz gar keinen besonderen Wert legen. „Politisch nicht genehm“, sei Kinderarbeit, erklärt Manfred Liebl. „Eigenes Geld zu verdienen, gilt als Merkmal des Erwachsenseins. Kinderarbeit relativiert die Rolle der Erwachsenen, auch deshalb wird sie so vehement abgelehnt.“

Noch wenig ist bekannt, was Kinder in Deutschland zum Arbeiten veranlasst, was und unter welchen Bedingungen sie arbeiten, was sie über ihren Job denken und was er für sie bedeutet. „Kinderarbeit bedeutet nicht unbedingt Armut, sondern verrät, wie wir auf Kindheit und Arbeit schauen“, sagt Beatrice Hungerland und schlägt vor, die Perspektive zu wechseln. „Fragen wir die Kinder doch selber, anstatt nur über sie zu reden.“

Rechte statt Verbote

Weil die meisten Kinder arbeiten wollen, fordert die Sozialwissenschaftlerin, Rechte an die Stelle von Verboten treten zu lassen. Damit hätten auch Kinder die Möglichkeit Löhne einzuklagen oder seien bei Unfällen versichert. Bislang haben sie keinen Anspruch auf Rechte, die regulären Angestellten zustehen. Aktuell belastbare Zahlen zu Art, Umfang und Motivation der Kinderarbeit gibt es bis heute nicht. Und deshalb darf munter spekuliert werden.

Dass immer mehr Kinder arbeiten müssten, weil ihre Familien auf zusätzliches Einkommen angewiesen sind, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, behaupten Kinderschützer. Dass die „billige Arbeitskraft der Kinder wieder mehr Konjunktur hat“, bemängelt Heinrich von der Haar in seiner Dokumentation „Kinderarbeit in Deutschland“ und kritisiert, dass der Staat dem nötigen Schutz der Kinder nicht hinreichend nachkomme. Er fordert eine „Verschärfung des Kinderarbeitsverbots“. Um die Kinder zu schützen? „Dies sollte Erwachsenen auch deshalb am Herzen liegen, weil durch die von Kindern geleistete Arbeit 90.000 Vollzeitarbeitsplätze zustande kommen könnten.“

„Arme Kinder arbeiten nicht häufiger als reiche Kinder“, sagt Manfred Liebl mit Blick auf die eigenen Forschung, „aber sie kriegen die schlechteren Jobs“. Bei den meisten Jobbern handelt es sich um Gymnasiasten, das sagt die Shell-Jugendstudie von 2010. „Jugendliche aus der Oberschicht (39 Prozent) und der oberen Mittelschicht (41 Prozent) berichten deutlich häufiger von Nebenjobs als Jugendliche aus der Unterschicht (20 Prozent).“ Auf die finanzielle Lage des Elternhauses blickend, besteht für diese Jugendlichen kaum eine Notwendigkeit zum Geldverdienen. Die Autoren vermuten, dass im sozialen Umfeld der Jugendlichen aus Ober- und Mittelschicht bestimmte Dienstleistungen wie Babysitten oder Nachhilfeunterricht regelmäßig nachgefragt werden und außerdem soziale Netzwerke bei der Jobsuche weiterhelfen. Auch hegten Arbeitgeber möglicherweise höheres Vertrauen zu Gymnasiasten, weil sie von ihnen bessere Qualifikationen oder sonstige vorteilhafte Eigenschaften erwarten.

„Man muss sich schon gut benehmen können, pünktlich, höflich und zuverlässig sein“ sagt Louisa über ihr Bewerbungsgespräch bei der Agentur „Engelsanwärter“, über die sie einen Job für drei Monate am Nespresso-Stand im KaDeWe bekommen hat. Bis sie im Herbst International Business an der Hochschule für Wirtschaft und Recht beginnt, schenkt sie jetzt Gratiskaffee an Kunden aus, die eine Nespresso-Karte besitzen.

„Naja, gutes Aussehen ist auch wichtig, gepflegt und so weiter, wenn man solche Jobs haben will“, sagt sie und kichert ein bisschen. Und wenn man dann einen Job ergattert hat, kann man was erleben: „Unglaublich, was die Kunden alles veranstalten, um einen Kaffee abzustauben. Im feinen KaDeWe! Krass! Sie meckern, beschweren sich, wenn sie keinen zweiten Latte Macchiato oder noch mehr Kekse bekommen, und sind unglaublich achtlos. Das stört mich am meisten.“ Auch das ist eine Erfahrung fürs Leben.